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26. Dezember 2009, 12:45 Uhr

Tsunami-Region Aceh

Paradies aus der Hölle

Aus Aceh berichtet Michael Lenz

Traumhafte Inselstrände, einzigartige Tauchgebiete: Aceh in Indonesien hat viele Reize. Doch nach dem Tsunami vor fünf Jahren findet die Provinz erst langsam zur Normalität zurück - die wenigen Touristen in Badehose und Bikini kommen sich vor wie beim Urlaub auf dem Strandbauernhof.

Die Ziege ist hin und weg von der angedetschten Kokosnuss, die gerade von einer der Palmen am Strand von Santai Sumur Tiga gefallen ist. In mühevoller Knabberarbeit vergrößert sie die kleine Öffnung, um an das frische, saftige, süßliche Fleisch im Inneren der grünen Nuss zu kommen. Andere Ziegen üben sich auf der Insel Weh im Klettern auf den Felsbrocken, die aus dem Sand ragen.

Fischer machen ihre Boote für den nächsten Fang klar. Ein Bauer führt seine Kühe über den Strand zur Weide. Die wenigen Touristen in Badehose und Bikini kommen sich vor wie beim Urlaub auf dem Strandbauernhof.

Fünf Jahre nach dem Tsunami, viereinhalb Jahre nach dem Friedensabkommen zwischen der "Bewegung freies Aceh" (GAM) und der indonesischen Regierung und wenige Monate nach dem offiziellen Abschluss des Wiederaufbaus setzt langsam wieder normales Leben in der indonesischen Provinz Aceh ein. Zum Jahresende werden die meisten internationalen Hilfsorganisationen die Region verlassen haben.

Dafür kommen langsam Investoren, und die ersten Touristen wagen die Reise nach Aceh, das Besuchern viel zu bieten hat: Strände zum Baden, Berge und Wälder zum Wandern, Riffe zum Tauchen und eine der leckersten Kochtraditionen Indonesiens.

Freddie Rousseau ist ein Symbol für den Übergang Acehs von Ausnahmezuständen in die Normalität. Der Südafrikaner war ein Mitarbeiter von internationalen Organisationen wie der Weltbank, die Aceh mit Geld, Wissen und Personal beim Wiederaufbau geholfen haben.

Vor zwei Jahren entschloss sich Rousseau, in Aceh zu bleiben. Mit seinem neu erbauten Gästehaus "Freddie's" in Santai Sumur Tiga wurde der Südafrikaner unversehens zu einem der Pioniere des Aceh-Tourismus. "Ich habe in meinem Leben schon in vielen Ländern gearbeitet. Nirgendwo fand ich es so schön wie hier in Aceh, aber vor allem hat es mir die Herzlichkeit der Menschen angetan", sagt Rousseau.

In der Business Class auf die Insel

Die Expressfähre, die in nur 45 Minuten Banda Aceh mit dem Hafen von Sabang auf der Insel Weh verbindet, ist fast ausgebucht. Einheimische, die in Banda Aceh arbeiten, fahren übers Wochenende heim zu ihren Familien auf Pulau Weh. Besucher aus anderen Teilen Indonesiens wollen den nördlichsten und zugleich westlichsten Punkt ihres Landes kennenlernen.

Ein paar Rucksacktouristen aus Australien freuen sich auf Tauchtouren zu den Korallenriffen. Drei Norwegerinnen haben sich die Business Class für ihre letzte Reise nach Weh geleistet. Ein Jahr lang haben sie bei einer Nichtregierungsorganisation in Aceh gearbeitet und fast jedes Wochenende bei "Freddie's" verbracht. Jetzt ist die Arbeit getan, und es geht heim ins kalte Oslo.

Business Class reist auch die touristische Zukunft Acehs. Gut 20 Reiseveranstalter aus dem nur eine Flugstunde entfernten Malaysia sind auf Einladung des rührigen Generalmanagers des Luxushotels "The Padé" angereist, eines der wenigen Vier-Sterne-Hotels in Banda Aceh, um Aceh und Pulau Weh kennenzulernen. "Auch in Holland gibt es ein großes Interesse an Aceh-Reisen", sagt Sulaiman E. H. Sowohl Acehs Hauptstadt Banda Aceh als auch die Insel Weh sind schon auf Ausländer eingestellt.

Geldautomaten akzeptieren internationale Karten, Internet kommt mit einer sehr akzeptablen Geschwindigkeit daher, in Herbergen wie dem Padé oder Freddie's ist WiFi selbstverständlich, die neue Web-Seite Visitaceh.com ist online. Die durch den Abzug der Hilfsorganisationen arbeitslos gewordene Aceh-Bewohner hoffen, im Tourismus neue Arbeitsplätze zu finden. "Wir haben gerade in einem ersten Kurs 20 Fremdenführer ausgebildet", sagt Sulaiman E. H.

Der Scharia-Polizei trotzen

Bevor die Holländer als Kolonialmacht Indonesien beherrschten, war das Sultanat Aceh dank seiner günstigen Lage an der nördlichen Einfahrt zur Seestraße von Malakka eine große Handelsmacht. Im Hafen von Banda Aceh gaben sich buddhistische Händler aus China, islamische Kaufleute aus Arabien, hinduistische Geschäftsleute aus Indien und christliche Seeleute aus Europa ein Stelldichein.

Die Menschen in Aceh sind stolz auf ihre jahrhundertealte islamische Kultur, die sie schon immer mit Weltoffenheit und Toleranz zu verbinden wussten. Das zeigt schon ein Spaziergang durch Banda Aceh. In den Kedai Kopis (Kaffeehäusern) sitzen Männer und Frauen fröhlich zusammen, viele Frauen tragen keine Kopftücher, der "Scharia-Polizei" zum Trotz.

Mit zunehmendem Unmut sieht die Mehrheit der Einwohner das Wirken islamischer Fundamentalisten in Aceh. Es gehe diesen "Kräften aus Jakarta" in Wirklichkeit nicht um den Islam, ist sich die prominente Frauenrechtlerin und GAM-Unterstützerin Shadia Marhaban sicher. "Sie wollen durch Scharia-Gesetzgebungen unsere Regierung in ein schlechtes Licht stellen und so für neue Unruhe in Aceh sorgen."

Aceh ist reich an Bodenschätzen wie Öl, Gas und Gold. Mit Hilfe der KfW-Bankengruppe beginnt Aceh außerdem die Kraft seiner zahlreichen Vulkane zur Gewinnung von Erdwärme zu nutzen. Dank seiner fruchtbaren Böden ist Aceh aber auch ein Garten Eden, in dem Ananas, Durian, Bananen und andere tropische Früchte prächtig gedeihen. Die weiten Reisfelder in der Küstenebene ermöglichen durch ein ausgeklügeltes, über Jahrhunderte hinweg entwickeltes Bewässerungssystem bis zu drei Ernten im Jahr. Da überrascht es nicht, dass Aceh den "Agrotourismus" neben Ökotourismus, Strandurlaub oder Tauchen zu einer Besucherattraktion ausbauen will.

Vom Dschungelkämpfer zum Kakaobauern

Besonders beliebt bei Aceh-Touristen sind Besuche der Kakao- und Kaffeeplantagen. Hinzufahren, wo die Kakaobohne wächst, kann aber auch schnell zu einer direkten Begegnung mit Acehs Geschichte werden. In Pidri zum Beispiel haben sich gut 1000 kleine Kakaobauern zu der Kooperative "Koperasi Kakao Organik" zusammengeschlossen. Das Land, zwei Hektar pro Familie, hat ihnen die Regierung gegeben.

Idris Ismael, Leiter der Kooperative, sagt selbstbewusst: "Wir sind alle ehemalige Kämpfer der GAM. Jetzt ist der Kampf vorbei, und wir müssen uns eine neue Existenz aufbauen." Dabei helfen Experten der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), die den ehemaligen Dschungelkämpfern beibringen, wie man Kakao ökologisch anbaut. Die Öko-Bohnen werden in der Schweiz zu feiner Schokolade verarbeitet.

Ein leckeres Tässchen Kakao aber sucht man in Aceh vergebens. Kakao wurde nämlich erst in den zwanziger Jahren von der holländischen Kolonialmacht in Aceh eingeführt. Vermutlich waren die Aceh-Bewohner so beschäftigt erst mit ihrem Widerstand gegen die Holländer und dann mit ihrem Kampf gegen die Unterdrückung und Ausbeutung durch Jakarta, dass sie keine Zeit hatten, den Genuss von Kakao für sich zu entdecken. Eine längere Tradition hat der Kaffeeanbau: der tiefschwarze, würzige Kopi Aceh ist eines der Highlights einer an großartigen Leckereien nicht armen Küche.

Weit draußen am Horizont gleitet ein riesiges Containerschiff durch die Straße von Malakka. Am Strand ist die Ziege noch immer mit ihrer Kokosnuss beschäftigt. Die Norwegerinnen spielen im Gastraum von "Freddie's" Karten und trinken Bier. Glücklich kommen die Australier von ihrem ersten Tauchausflug zurück. Und Rousseau gibt den malaysischen Reiseveranstaltern bei einem Kopi Aceh das entscheidende Argument für eine Reise nach Aceh mit auf den Weg: "Wem Bali zu laut und zu voll ist, für den sind Aceh und Weh mit ihrer Ruhe und vielfältigen Natur eine tolle Alternative." Wie wahr.

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