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16. April 2007, 09:09 Uhr

Türkei-Lesetipps für den Koffer

Blick hinter den Schleier

Liebestolle Köche und der Charme einer versunkenen Weltmacht, schlagersängernde Transvestiten und heroische Überlebenskämpfe: In Romanen und Sachbüchern erschließt sich die ganze Widersprüchlichkeit der Türkei. SPIEGEL ONLINE stellt fünf der lesenswertesten Bücher vor.

"Es bedarf keines Reiseführers für ein Dorf, das man sieht", lautet ein türkisches Sprichwort. Stimmt: Die schillerndsten Eindrücke von der Kultur eines Landes bekommt man, wenn man selbst vor Ort umherreist, mit den Menschen spricht, ihre Speisen isst, ihrer Musik lauscht, ihre Bauwerke bestaunt. Aber trotzdem ist es schön, wenn man darüber hinaus auch das erfährt, was man nicht gehört oder gesehen hat, weil man die fremde Sprache nicht versteht oder im entscheidenden Moment nicht zur Stelle war. Oder das, was man gar nicht sehen kann, weil es nur im kollektiven Gedächtnis der Menschen lebt. Oft lüftet sich der Schleier vor den Geheimnissen einer anderen Kultur erst dann, wenn man ihre Bücher liest.

Die Türkei hat eine lange literarische Tradition, viele der interessantesten Reisebücher stammen allerdings von westeuropäischen Autoren. SPIEGEL ONLINE hat fünf der besten Werke ausgewählt:

Atatürk-Kult und Aberglaube, liebestolle Köche und Hammam-Besuche, religiöse Frömmler und schlagersängernde Transvestiten: Iris Alanyali spart in ihrer Landeskunde "Gebrauchsanweisung für die Türkei" kein noch so delikates Thema aus. Sie schreibt über XXL-Omas in Überlandbussen, Istanbuls High Society und den Irrgarten türkischer Verwandtschaftsbeziehungen. Als Wanderin zwischen den Welten vermittelt die 1969 in Süddeutschland als Tochter eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter geborene Autorin dem Leser tiefe Einblicke in ein Land, das zwar durch die türkischen Einwanderer in der Bundesrepublik zu einem der wichtigsten Partner Deutschlands geworden ist, aber trotzdem noch oft fremd erscheint. Mit viel Witz und Liebe zeichnet Alanyali ein so stimmungsreiches Bild des modernen türkischen Alltagslebens, das man das Buch erst zuklappt, wenn man es bis zur letzten Seite gelesen hat.

Iris Alanyali: Gebrauchsanweisung für die Türkei. Piper Verlag, München 2004, 12,90 Euro.

Türkei-Wissen für jede Handtasche

Während Iris Alanyali den türkischen Alltag seziert, widmet sich die komprimierte, aber informative "Geschichte der Türkei" von Udo Steinbach den innen- und außenpolitischen Entwicklungen der Türkei. Der Schwerpunkt des handlichen Büchleins, das in jede Reisehandtasche passt, liegt auf dem 20. Jahrhundert, doch skizziert der Autor auch knapp das Osmanische Reich als Vorläufer der modernen Türkei.

Interessant ist dieser gut zu lesende Band aus der Reihe "Beck Wissen", weil er die Widersprüche innerhalb der türkischen Gesellschaft ebenso beleuchtet wie die Rolle des Islams und das Spannungsfeld von altehrwürdigen Traditionen einerseits und dem oft mühsamen Wandel hin zu einem modernen, nach Europa strebenden Staat andererseits.

Udo Steinbach: Geschichte der Türkei. Verlag C.H. Beck, München 2000, 7,90 Euro.

Istanbuls berühmteste Stimme

Wer Türkei sagt, muss Istanbul sagen, und wer Istanbul sagt, muss Orhan Pamuk sagen. Spätestens seit dem vergangenen Jahr kommt keiner, der sich für die Geschichte der Bosporus-Metropole und die Mentalität ihrer Bewohner interessiert, mehr an dem Literaturnobelpreisträger vorbei. Wohl kein anderer Autor hat die Stimmungen, Menschen und Bauwerke dieser Stadt so treffend in eine kunstvoll gestrickte Geschichte eingebettet wie Pamuk in seinem Buch "Istanbul".

Diese Geschichte handelt von ihm selbst: Der Autor beschreibt seine Kindheit in einer langsam zerfallenden Großfamilie und spiegelt die allmähliche Auflösung familiärer und gesellschaftlicher Strukturen am Wandel Istanbuls vom prächtigen Herz einer ehemaligen Weltmacht zu einer überfüllten und von Bausünden gezeichneten, aber vibrierenden Mega-Metropole. Die ideale Lektüre für eine Städtereise.

Orhan Pamuk: Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt. Carl Hanser Verlag, München 2006, 25,90 Euro.

1000 Seiten Hochgenuss

Kennen Sie Gabriel Bagradian? Kennen Sie nicht? Sollten Sie aber. Der Held in Franz Werfels Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" zählt nicht nur zu den großen Figuren der Literaturgeschichte, sondern ist auch so empathisch und treffend charakterisiert, dass man als Leser das Gefühl hat, diesen Menschen schon lange zu kennen. Besser noch: Nachdem man das fast tausendseitige Buch zu Ende geschmökert hat, vergisst man Gabriel Bagradian nicht mehr: Von Zeit zu Zeit, und sei es Jahre nach der Lektüre, überkommt einen die Erinnerung an diesen mutigen, prinzipientreuen und von Nächstenliebe durchströmten Menschen - und man bereut keine einzige gelesene Seite.

Sie wollen jetzt wissen, wovon dieses Buch handelt? Lesen Sie es selbst. Nur so viel sei verraten: Franz Werfel beschreibt in seinem 1933 erschienenen Roman den Widerstandskampf einer armenischen Dorfgemeinschaft während des Genozids an den Armeniern im Osmanischen Reich. Die Handlung spielt um das Jahr 1915, und das Geschehen und seine Protagonisten sind so lebensecht, spannend und vor allem in einer so anmutigen Sprache geschildert, dass man manche Sätze gleich zwei- oder dreimal liest - nur um sie ganz auszukosten.

Franz Werfel: Die vierzig Tage des Musa Dagh. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2000, 14,90 Euro.

Knigge für Dienstreisen

Deutlich weniger poetisch als bei Franz Werfel geht es bei Sylvia Ortlieb zu. Die Ethnologin und Politologin, die sich seit Jahren mit dem Orient beschäftigt, hat einen Ratgeber für alle Menschen geschrieben, die sich beruflich in der Region aufhalten. Zwar ist ihr "Business-Knigge für den Orient" auf die arabischen Staaten und Iran fokussiert, doch lassen sich aus den anschaulichen Beschreibungen, etwa zu Verhandlungsstrategien, Moralvorstellungen und Tabus, viele hilfreiche Tipps für Geschäftsreisen in die Türkei ableiten.

Wie begrüßt man als Mann eine Frau, welches Gastgeschenk ist angemessen, warum ist Unpünktlichkeit im Orient nicht unhöflich? Die Autorin gibt auf diese und viele Fragen mehr aufschlussreiche Antworten und spart auch kulturelle Hintergründe wie die Grundlagen des Islams, die Bazar-Kultur und wissenschaftliche Errungenschaften des Orients nicht aus.

Sylvia Ortlieb: Business-Knigge für den Orient. Mit Kulturkompetenz zu wirtschaftlichem Erfolg. Bildung und Wissen Verlag, Nürnberg 2006, 19,80 Euro.

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