Türkische Riviera Die Kolonie der blassen, blonden Menschen

In Alanya leben über 10.000 Deutsche. Sie haben ihre Heimat als Rentner oder Arbeitslose verlassen, um an der türkischen Riviera ein neues Glück zu versuchen. Aber sie sind nie wirklich angekommen. Einblicke in eine deutsche Parallelwelt.
Von Lisa Wandt

In der Kneipe am Meer sitzen ältere Damen und Herren auf Plastikstühlen. Sie essen Bratwürste, Schweinebraten oder Schnitzel. "Wo steckt Heinz", fragt ein dicker Mann in kurzer Hose. "Der hat gestern 15 Bier gesoffen", sagt eine blonde Frau am Nebentisch. Heinz schläft noch. Dann schimpft sie über die teuren Preise in Alanya und über Türken, die deutsche Frauen belästigen. Sie hat einen hochroten Kopf. Es ist zwei Uhr Nachmittags. Nur eine kleine Straße trennt das deutsche Gespräch vom Kleopatra-Strand. Den soll Marc Anton einst der schönen Kleopatra geschenkt haben.

Jürgen Meissner sagt, dass es ein hartes Jahr war, für ihn und für alle Deutschen von Alanya. Sie seien sehr sparsam geworden. Das Leben werde auch in der Türkei immer teurer. Und dann blieben diesen Sommer auch noch die Gäste weg, klagt der Hamburger. Schuld seien die Vogel-Grippe, der Streit um die Mohammed-Karikaturen und die Bombenanschlägen in den türkischen Touristenorten.

Jürgen Meissner hat 21 Jahre lang für eine deutsche Firma Sonnenschutz-Anlagen gebaut. Aber plötzlich brauchte man ihn nicht mehr. "Ich hatte mich mühsam hochgearbeitet", sagt er. Da konnte er nicht noch einmal ganz unten anfangen. Nicht in Deutschland. Der 46-Jährige bedient jetzt deutsche Rentner am Strand von Alanya, in seiner Bierkneipe "Bei Jürgen".

Auf 69 Kilometern ein Hotel am nächsten

Alanya hat 120.000 Einwohner. Mehr als 10.000 davon sind Deutsche. Deshalb nennt Kerim Tac die Stadt auch Alemania. Er kennt Alanya noch mit 6000 Menschen. Als er ein Junge war, wuchsen am Strand nur Bananen und Orangen, im Hafen schwammen ein paar Fischkutter. Es gab eine verfallene Burg auf einem Felsen, einfache Häuser und türkische Bauern. Aber es gab keine Deutschen.

Anfang der achtziger Jahre kamen sie dann, erst als Urlauber, später als Langzeit-Urlauber. Sie brachten viel Geld nach Alanya und wurden Einwohner. Die Bauern verkauften ihre Felder und zogen in die Berge. Im Sommer kommen sie zurück und sind Kellner, ihre Frauen sind Zimmermädchen. Sie arbeiten in einer der vielen Betonburgen, die jetzt an den Stränden von Alanya stehen. An 69 Kilometern Küste reiht sich ein Hotel an das Nächste.

Kerim Tac ist den Deutschen sehr dankbar, weil sie seine Stadt im Ausland bekannt gemacht haben. Er arbeitet in einem feinen Büro mit braunen Ledersesseln. Von der Wand blickt Kemal Atatürk, der Gründer der türkischen Republik, daneben hängt die türkische Fahne. Kerim Tac ist seit neun Jahren der Chef der örtlichen Industrie- und Handelskammer.

"Überall diese blassen, blonden Menschen"

Alanya hat 99 deutsche Geschäfte, 2446 Deutsche haben eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung, und fast 3000 besitzen eine Immobilie. Vor 16 Jahren hat der erste Ausländer ein Geschäft eröffnet, ein Deutscher. Inzwischen gibt es in Alanya über 500 ausländische Geschäftemacher.

Sie haben ihre Heimat als Rentner oder Arbeitslose verlassen, um an der türkischen Riviera ein neues Glück zu versuchen. "Sie kamen, weil sie in Deutschland mit ihren kleinen Renten nichts waren", sagt Ahmet Algül. Er ist Chefredakteur einer kleinen deutschsprachigen Zeitung, die "Alanya Bote" heißt. Algül ist nach 32 Jahren Arbeit in Deutschland im Jahr 1998 in seine türkische Heimat zurückgekehrt.

"Und dann waren da wieder überall diese blassen, blonden Menschen", sagt er. Sie irrten hilflos durch die Straßen von Alanya, ohne ein Wort Türkisch zu beherrschen. Also half der Türke den deutschen Auswanderern, mit Behörden, im Krankenhaus und beim Wohnungskauf. Heute schreiben sie in seiner Zeitung Kolumnen, über verschmutzte Straßen, fehlende Parkplätze und Geiz. Oder über Türken, die deutsche Frauen belästigen. Was den deutschen Alltag in Alanya eben so bewegt. Man spricht heute überall Deutsch in Alanya.

Ein Integrationswunder namens Hockenholz

Peter Hockenholz findet, dass die Deutschen zu viel meckern. Seit sechs Jahren wohnt der pensionierte Versicherungsmakler mit seiner Frau Luise in einer Villa in Kestel, auf einem Berg. Um das zitronengelbe Sommerhaus wachsen Oliven, Aprikosen und Kirschen. Schwimmt man abends im Pool, sieht man die Sonne ins Meer tauchen. Kestel ist ein Vorort von Alanya. Luise macht mit ihrer türkischen Nachbarin Sevgül aus Oliven Öl. Nachbar Yusuf korrigiert Luises Hausaufgaben. Fünfmal die Woche geht sie zum Türkisch-Kurs. In Deutschland würde man das Ehepaar Hockenholz wohl Integrationswunder nennen.

Alanya hat neben den Deutschen auch Holländer, Dänen, Franzosen, Engländer, Russen. Es gibt sogar Chinesen an der türkischen Riviera. Die Ausländer leben in eingezäunten Siedlungen, umgeben von sauberen Rasenflächen. Sie haben ihre eigenen Friseure und Supermärkte. Die Holländer wohnen in Goldbau eins, zwei und drei. In Mahmutlar, einem Vorort mit 23.000 Menschen, haben hauptsächlich Skandinavier eine Wohnung. Für die Deutschen gibt es die Pasa-Anlage, und in der Innenstadt sogar einen deutschen Bäcker, der Brezeln und Schwarzbrot verkauft.

"Wir haben eine wunderschöne Vielfalt der Kulturen", sagt Kerim Tac. Es klingt, als hätte sich in seiner Stadt eine multikulturelle Gesellschaft entwickelt, von der deutsche Politiker nur träumen können. Vielleicht muss man solche Dinge aber auch sagen, wenn man hier Chef der Handelskammer ist und Ausländer als Touristen und Mitbürger braucht.

Erstickt eine Kultur die andere?

Hasan Sipahioglu mag die Deutschen. "Sie sind ein leichtes Volk," sagt er. Man muss sie nur gut behandeln und sauber sein. Hasan Sipahioglu ist der Bürgermeister von Alanya. Er hat für die Deutschen viele Gesetze verabschiedet. Im Rathaus gibt es eine Beschwerdestelle und einen Ausländerbeirat. Die Einwohner von Alanya müssen ihre Häuser anstreichen und Mülltonnen aufstellen. Die Deutschen finden das schöner. In der Innenstadt wurden die Straßen begradigt und die Bordsteine tiefer gelegt. Streunende Hunde und Katzen dürfen in Alanya nicht mehr erschossen werden. Dank Hasan Sipahioglu gibt es eine Verordnung, die Händlern und Gastronomen verbietet, Passanten in den Laden zu ziehen. "Die Türken sind anders als die Europäer", sagt der Bürgermeister. "Ich will die türkische Kultur mit der europäischen vereinen." Ein bisschen sieht es in der Innenstadt von Alanya aber so aus, als hätte diese Kultur die türkische erstickt.

Freitags lädt das Restaurant "La chance" zum deutschen Stammtisch. Zurzeit überlegen die Deutschen, Alanya wieder zu verlassen. Vielleicht Bulgarien oder Thailand. Da ist es billiger als in der Türkei, denken sie. Wenn man mit den Deutschen von Alanya spricht, klingt es ein bisschen so, als hätten sie ihr Vertrauen in die Stadt verloren.

Die Sonne, das Meer und einen Fernseher

Der deutsche Pfarrer Kusch spürt diese Unzufriedenheit. Er weiß nicht genau, woher sie kommt, aber sie macht ihm Sorge. Joachim Kusch hat graues Haar, grüne Augen und dieses warme Lächeln, das Theologen oft haben. Er ist einer von zwei evangelischen Pfarrern in der Türkei, die aus Deutschland kommen. Er predigt zwar erst seit zwei Monaten in Alanya, aber er hat Erfahrung mit Deutschen im Ausland. Er war schon in deutschen Gemeinden in Nizza und Paris. Zweimal im Monat darf er im Kulturzentrum von Alanya zu den Deutschen sprechen. An der Decke schimmelt es, aber die Deutschen kommen, zwischen 70 und 80 jedes Mal. "Sie singen viel lauter als die Deutschen in Deutschland", sagt der Pfarrer.

In Deutschland war Joachim Kusch Seelsorger in einer Psychiatrie und in einem Gefängnis. Daher kenne er diesen Durst nach Zuwendung. "Man merkt, dass sie etwas suchen", sagt er. In Alanya haben sie ja nicht viel. Sie haben die Sonne, das Meer und einen Fernseher mit deutschen Programmen.

Und seit ein paar Jahren auch einen Friedhof für Christen, auf einem Hügel mit Blick auf den Kleopatra-Strand. Über 50 Deutsche sind dort begraben. "Nun bist du frei. Für immer in Alanya", steht auf einem weißen Marmorgrab.

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