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Tunisreise: Die Farben! Das Licht! Die Exotik!

Foto: Sascha M. Kleis

Tunisreise von Klee und Macke "Die Farbe hat mich"

Das Licht! Die Farben! Die Exotik! Auf ihrer legendären Tunesien-Fahrt gerieten die Maler Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet in einen Schaffensrausch. Ihre Motive sind auch fast hundert Jahre später noch wiederzufinden - eine Reise auf den Spuren der Expressionisten.
Von Sascha M. Kleis

Die "Carthagé" legt im Hafen von Marseille ab, es ist der 6. April 1914. Der Kurs der Fähre: die Stadt Tunis in Tunesien. Mit an Bord: August Macke, Paul Klee und Louis Moilliet. Die Maler aus Deutschland und der Schweiz brechen zu einer gemeinsamen Studienreise in den Orient auf. Dass diese später legendäre Bedeutung erlangt und als "Tunisreise" der Expressionisten in die Kunstgeschichte eingeht, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Am nächsten Tag erreichen sie die nordafrikanische Küste. Der 34-jährige Klee ist ganz ergriffen von den ersten Eindrücken, die sich ihm vom Schiff aus bieten. "Die Sonne von einer finsteren Kraft. Die farbige Klarheit am Lande verheißungsvoll. Der Macke spürt das auch. Wir wissen beide, dass wir hier gut arbeiten werden", schreibt Klee in sein Tagebuch. An Land empfängt sie der Schweizer Arzt Ernst Jäggi mit seiner Familie - Freunde von Moilliet, der sich mit Klee bei ihnen einquartiert. Macke logiert im "Grand Hotel de France".

Fast hundert Jahre später existiert das Hotel in der Rue Mustapha M'barek noch immer. Doch der Glanz des Jugendstil-Baus aus der französischen Kolonialzeit ist fast verblasst. Faszinierender ist die Medina in der Nähe, die zum Weltkulturerbe ernannte Altstadt mit ihren labyrinthartigen Gassen, ihren Souks, Cafés, Moscheen, Koranschulen und Handwerksbetrieben ist das Herz der Stadt.

Aquarellieren im Souk

Noch an ihrem ersten Abend taucht das Künstler-Trio in die Medina ein. "Materie und Traum zu gleicher Zeit", notierte Klee. Am nächsten Tag machen sie sich sofort ans Werk, zeichnen und aquarellieren die faszinierend fremde Welt. Anschließend gehen sie einkaufen. "Macke lobt den Reiz des Geldausgebens", schrieb Klee.

Der 27-jährige Macke war offensichtlich bester Laune und gut bei Kasse, was wohl nicht zuletzt am spendierfreudigen Onkel seiner Frau Elisabeth lag, den er zwei Monate vor seiner Abreise in einem Brief an Schwiegermutter lobend erwähnte: "Fand dann noch (…) von Onkel Bernhard einen Brief, der sehr nett war und wo unten drunter so ganz nebenbei steht, ob er mir wohl zu einer Tunisreise 500 Mark beisteuern dürfe. Natürlich darf er."

Die Rufe der Muezzins erschallen damals wie heute über die Medina hinweg, die im 21. Jahrhundert aber von Touristenscharen geflutet. Sie drängeln sich durch die engen Gassen der Souks - vorbei an Läden, deren Waren sich dem Wandel der Zeiten angepasst haben. Zwischen Schmuck, Parfüm, Kleidung oder typischen Orient-Verkaufsschlagern wie Ledersitzkissen, denen schon Paul Klee verfiel, drängt sich viel Kitsch und Nippes.

Einheimische in traditioneller Tracht, wie sie häufig auf Zeichnungen und Aquarellen der Künstler auftauchen, sind nur noch selten anzutreffen. Stattdessen dominieren Jeans, Anzüge und moderne Kleidung, auch bei den Frauen. Längst nicht alle tragen Kopftuch, und manch junge Tunesierin trägt selbstbewusst enge Jeans.

"Leibhaftigkeit des Märchens"

Nach drei Tagen fahren Macke, Klee und Moilliet nach St. Germain, einem Villenvorort von Tunis, wo Jäggi direkt am Meer ein Landhaus besaß. St. Germain heißt heute Ez-Zahra, das Haus der Jäggis steht jedoch noch immer. Der Aufenthalt der Maler war äußerst produktiv. Macke schreibt an seine Frau: "Liebe Lisbeth! Wir sitzen hier mitten in der afrikanischen Landschaft, zeichnen, schreiben, Klee aquarelliert. (…) ich habe heute schon sicher 50 Skizzen gemacht. Gestern 25. Es geht wie der Teufel, und ich bin in einer Arbeitsfreude, wie ich sie nie gekannt habe." Das intensive Licht, die orientalische Architektur und der arabische Alltag regten insbesondere Macke und Klee auf ihrer Reise an.

Schließlich reisen sie nach drei Nächten nach Sidi Bou Said, dem Ort, den sie zuerst vom Schiff aus sahen: "Die Leibhaftigkeit des Märchens (…)" vermerkte Klee. Zu Recht: Im Laufe der Zeit avancierte das Dorf auf dem Bergrücken zum Besuchermagneten. Die gepflasterten Gassen und die weiß gekalkten Häuser, deren Türen, Fensterläden und Balkone in Blautönen erstrahlen, gefallen Touristen immer noch.

"Die Stadt liegt so schön da oben, und blickt weit ins Meer", schreibt Klee. An dem Panoramablick über den Golf von Tunis hat sich nichts geändert, und auch das bekannte "Café des Nattes", das Macke im Aquarell "Blick auf eine Moschee" verewigt hat, bewirtet noch seine Gäste. Unter ihnen war 1957 auch der spätere US-Präsident Richard Nixon.

Von dort fahren die drei Künstler nach Karthago, doch die legendäre Stadt aus der Antike enttäuscht sie: "Außer einigen ausgekratzten Stellen am Boden nulla", lautet Klees Meinung. Fast ein Jahrhundert und viele Ausgrabungen später bietet das Weltkulturerbe mehr Einblick in die Historie: Die Ruinen vom Byrsa-Hügel und das Museum von Karthago können besichtigt werden, und auch die Kultstätte Tophet, die Hafenanlage sowie die kaiserlichen Thermen des Antoninus-Pius. Neben den Thermen steht heute der Palast des Präsidenten Zine el-Abidine Ben Ali. Tunesiens mächtigster Mann hat es allerdings gar nicht gern, wenn Touristen ihre Kameras auf sein Anwesen richten - auf Schildern wird deutlich davor gewarnt.

Hammamet - Rechtwinklig,winklig und wieder winklig

Am folgenden Tag besteigen Macke, Klee und Moilliet einen Zug und fahren Richtung Süden, nach Hammamet. Klee notiert: "Die Stadt ist fabelhaft, am Meer gelegen, winklig und rechtwinklig und wieder winklig. Dann und wann von der Ringmauer ein Blick!!" Das alte, verschlafene Hammamet gibt es nicht mehr, als Hochburg des tunesischen Badetourismus bietet es nun landesweit die meisten Betten. Die Hotelzone entlang der kilometerlangen Strände hat ihr neues Zentrum im südlich gelegenen Yasmine Hammamet gefunden. Eine künstliche Idylle, die vor 20 Jahren aus dem Boden gestampft wurde und sich im Sommer zur Partymeile wandelt.

Die kleine, ummauerte Medina hingegen hat sich äußerlich wenig verändert. Sie lädt mit ihren verwinkelten Gassen und alten Häusern noch immer zum Schlendern ein, das meist touristische und uniforme Warenangebot jedoch nicht unbedingt zum Kauf. Der von Klee geschätzte Blick von den Mauern der Festung ist den Aufstieg wert: In der Bucht dümpeln die Fischerboote, und in der Altstadt drängen sich die Dächer dicht an dicht.

Nach nur einer Nacht fährt das Maler-Trio mit dem Zug weiter ins Landesinnere - nach Kairouan, der letzten Station seiner Reise und zugleich ihr Höhepunkt. Nach Mekka, Medina und Jerusalem ist Kairouan die vierte heilige Stadt des Islam, deren große Sidi-Oqba-Moschee das religiöse Zentrum bildet. Die reizvolle Medina gehört heute - wie jene in Tunis - zum Weltkulturerbe, ist aber im Gegensatz zu dieser von einer intakten Stadtmauer umgeben. Die Gassen, Häuser und Menschen verschmelzen zu einem orientalischen Gemälde. Auch hier hat die Moderne Einzug gehalten, aber sie hat die Tradition nicht verdrängt.

Kaum zu übersehen sind die Teppiche, die farbenfroh die Fassaden schmücken. Für sie ist die Stadt ebenso bekannt wie für Makrouds, die süße Sünde Kairouans - ein Teiggebäck mit Dattelmus. Arabische Kalligraphen malen jeden gewünschten Namen kunstvoll auf Papier. Am Abend, wenn sich die Gassen leeren, die Touristen verschwunden sind und die Sterne am Himmel sichtbar werden, entfaltet die Medina einen märchenhaften Charme.

"Ich bin Maler"

Klee ist von Kairouan völlig überwältigt: "Tausend und eine Nacht", schreibt er, "welch ein Aroma, wie durchdringend, wie berauschend, wie klärend zugleich." Am nächsten Tag arbeiten sie fieberhaft. Und Spaß haben sie auch: "Ein blöder Führer sorgt für Komik" notierte Klee. "August bringt ihm deutsche Worte bei, aber was für welche." Jetzt, am Ende der Reise, spürt Klee, dass er den Durchbruch erreicht hat: "Die Farbe hat mich. (…) Sie hat mich für immer (…) ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler."

Am 17. April reisen die drei Künstler ab, zurück nach Tunis. Dort macht Klee noch einen Abstecher ins berühmte Bardo-Museum mit seiner bedeutenden Sammlung römischer Mosaiken. Schließlich reist Klee allein zurück nach Europa. Er hatte genug Eindrücke gesammelt. "Die große Jagd ist zu Ende", hält er fest. Macke und Moilliet folgen drei Tage später. Ihr rund zwei Wochen dauernder Orientaufenthalt wurde zu einer Reise ins Licht - und neben Goethes Italienreise zur berühmtesten Reise der deutschen Kulturgeschichte.

Zurück in der Schweiz schreibt Macke an Bernhard Koehler, für dessen finanzielle Unterstützung er sich schon vor der Reise bedankte und zugleich versprach, "dass die Ausbeute dieser Reise Dich dafür entschädigen wird. Was das ist, weiß ich ja selbst noch nicht. Ein gemaltes fettes Haremsweib oder so was." Nun, er malte ihm später das Bild "Türkisches Café II" - eines seiner gelungensten Werke mit faszinierender Leuchtkraft.

Mackes Brief ist die Begeisterung für die Reise anzumerken und so empfiehlt er sie auch seinem Mäzen: "Unsere Reise war ganz köstlich. Ich rate Dir dringend das auch mal zu machen. Es ist ganz kolossal interessant." Der junge Maler wurde noch im August für den ersten Weltkrieg eingezogen, er fiel im September.

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