Turkana-See in Kenia Smalltalk über die Menschheit

Michael Martin

Von Nairobi reist Michael Martin mit seinem Motorrad in den äußersten Norden Kenias - zum Turkana-See, dem größten Wüstensee der Erde. Innerhalb weniger Tage trifft der Fotograf drei Männer, deren Leben eng mit Afrika verbunden sind.

Zur Person
  • Elfriede Martin
    Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch "Die Wüsten der Erde" und "Planet Wüste". Martins neues Projekt: ein Porträt des Planeten Erde.
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Es war nicht einfach, das nüchterne Bürogebäude am Stadtrand Nairobis zu finden. "Turkana Basis Institute" steht am Eingang. Nach wenigen Minuten werden mein Freund Jörg Reuther und ich von Richard Leakey empfangen, einem der berühmtesten Anthropologen der Welt.

Er und sein Team fanden 1972 am Westufer des Turkana-Sees einen knapp zwei Millionen Jahre alten Homo Habilis, 1984 dann am Ostufer das Skelett eines Homo Erectus, der als Turkanaboy bekannt wurde. Damit setzte er das Werk seiner Eltern Louis und Mary Leakey fort, die mit ihren anthropologischen Entdeckungen in der tansanischen Olduvai-Schlucht in den Dreißigerjahren den Ruf des Ostafrikanischen Grabenbruchs als Wiege der Menschheit begründeten.

Inzwischen haben Forscher Zweifel daran, dass sich die Wege von Menschen und Menschenaffen in Afrika trennten. Untersuchungen im Jahr 2017 ergaben, dass eine bis dato unbekannte Vormenschenart im heutigen Südosteuropa gelebt haben könnte. Wie steht es um die anthropologische Forschung im Rift Valley, will ich von Leakey wissen - und: was denkt einer, der in der Vergangenheit gräbt, über die Zukunft.

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Kenia: Die Menschen am Turkana-See

Der 76-jährige Leakey klingt optimistisch - zumindest was die Forschung angeht . "Die besten Jahre liegen in der Anthropologie noch vor uns", sagt Leakey. "Wir wissen nicht einmal, wo und wann der Mensch zum ersten Mal auf zwei Beinen lief, wann die Sprache kam, wie das Verhältnis von Sprache und Techniken funktionierte."

Haben sich die Arbeitsweisen verändert? "Nein, die Suche hat sich nicht verändert. Du nutzt deine Augen, deinen Kopf und dein Wissen", sagt Leakey. Drastisch verändert habe sich jedoch die Analyse der Funde. "Heute kommt Hightech zum Einsatz, modernste Radiologie. Das führte unter anderem zu genaueren Zeitangaben."

Leakeys Durchsetzungskraft sowie sein Talent, Geld aufzutreiben, halfen ihm in den mehr als zehn Jahren als Direktor des Kenya Wildlife Service, in denen er die Wilderei unter Kontrolle brachte, unter anderem weil er die Ranger gut ausrüstete und regelmäßig bezahlte. Sein Ruf, effizient und nicht korrupt zu sein, war auch der Grund für seinen Erfolg als Oppositionspolitiker. Zuletzt gründete er das Turkana Basin Institute, um mit privaten Geldern anthropologische Forschungen am Turkana-See zu finanzieren.

Wie er die Zukunft Afrikas einschätzt, möchte ich von Leakey wissen - und ich bin erstaunt, als er antwortet: "Afrika hat unter den Kontinenten das größte ungenutzte Potenzial, es steht vor einer großen Zukunft." Sorgen bereite Leakey allerdings der Klimawandel mit seinem Einfluss auf die Bevölkerung und Wirtschaft. Er sei "unsere größte Bedrohung".

Die ersten Auswirkungen? "Krankheiten, die uns, unsere Tiere und Nutzpflanzen gefährden". Außerdem würde den Metropolen der Welt das Wasser ausgehen. "Wir müssen Konsequenzen ziehen", mahnt der Anthropologe. "Eine massive Krise kommt auf uns zu. Aber dumm, wie wir Menschen sind, tun wir zu wenig dagegen."

Mit einer Einladung, die Feldstation am Turkana-See zu besuchen, verlassen wir Leakeys Büro und starten am nächsten Morgen die Reise in den äußersten Norden Kenias.

Tor zum Turkana-See

Die Teerstrasse endet 300 km nördlich von Nairobi am Lake Baringo, der - wie der Turkana-See - den Verlauf des Ostafrikanischen Grabenbruchs markiert. Nach zehn Stunden Pistenfahrt ist South Horr, das zwischen Bergen liegt und als Tor zum Turkana-See gilt, erreicht.

Der Turkana-See ist der größte Wüstensee der Erde: 250 Kilometer lang, jadegrün und von den Flüssen Omo, Turkwel und Kerio gespeist. Sámuel Teleki, ein ungarischer Forschungsreisender, war im Jahre 1887 hierher gereist und hat den See nach dem österreichischen Kronprinzen Rudolfsee benannt. Den Namen Turkana-See erhielt das Gewässer nach Kenias Unabhängigkeit im Jahr 1963.

Vier Fahrstunden nördlich von South Horr taucht das staubige Nest Loyangalani auf. Kaum vorstellbar, dass hier Mick Jagger und David Bowie einst Partys feierten. Wilde Zeiten, von denen uns Wolfgang Deschler erzählt, ein Schwabe, der einst die Oasis-Lodge in Loyangalani inmitten eines Palmenhains betrieb und bis heute im Dorf lebt.

Wir finden ihn in einer einfachen Hütte, wo er von der Familie seiner verstorbenen einheimischen Frau versorgt wird. Mit schwacher Stimme schildert er Szenen, als der amerikanische Modefotograf Peter Beard berühmte Models schminken ließ, sie in den Pool stieß, um sie dann mit verwaschenem Make-up zu fotografieren.

Ich frage nach David Bowie. "Der war immer so ruhig und zurückgezogen, hat kaum was gesagt". Und Mick Jagger? Deschler lacht. "Ach, der Mick und seine Mädels." Die Oasis-Lodge musste schließen, als sich der internationale Jetset aus Angst vor Terroranschlägen nicht mehr an den Turkana-See wagte.

150 Kilometer nördlich von Loyangalani liegt Koobi Fora, wo Richard Leakey seine vielleicht wichtigsten Entdeckungen machte. Alte Landrover liegen wie Schiffswracks in der Wüste, ein kleines Museum erzählt von den Funden am Turkana-See. Forschung wird heute im weiter nördlich gelegenen Illeret betrieben. Wir dürfen im Gästehaus des dortigen Turkana Basin Institute übernachten, kenianische Mitarbeiter zeigen uns am nächsten Morgen die gut ausgestattete Forschungseinrichtung.

Pause bei Pater Florian

Kurz bevor wir uns bei der Polizeistation den Ausreisestempel für die Weiterfahrt nach Äthiopien holen, halten wir bei der katholischen Missionsstation, um Benzin zu kaufen. Im Hof schweißt ein blonder Mann an einem Stahlgestell. Es ist Pater Florian, der als Prinz von Bayern geboren wurde, in Adelskreisen aufwuchs und sich dann für ein Leben als Benediktiner in Afrika entschied. Seit den frühen Achtzigerjahren lebt er in Kenia und leitet seit 2002 die Missionsstation in Illeret.

Wir kennen sein Heimatkloster St. Ottilien in Oberbayern und kommen schnell ins Gepräch. Pater Florian erzählt von seiner Arbeit, die vor allem den hier nomadisch lebenden Daasanach zugute kommt. Er und sein Team kümmern sich um sauberes Trinkwasser, betreiben eine Werkstatt und setzen sich für die Bildung der Kinder ein.

In Zusammenarbeit mit der Universität Regensburg wurde ein Programm für eine mobile Nomadenschule entwickelt, welche den Nomadenkindern den Besuch eines Internats mit oft gravierenden sozialen Folgen erspart. Außerdem stehen die Kinder ihren Familien so auch weiterhin zum Hüten der Herden zur Verfügung.

Pater Florian zeigt uns den Fuhrpark der Mission, der aus alten russischen UAZ-Geländewagen besteht. Mit ihnen sind er und sein Team in dem unwegsamen Gelände unterwegs. Schnell füllen sich bei diesen Touren die Autos mit immer mehr Passagieren. "Unsere Rekordzahl liegt bei 64", sagt Pater Florian und zeigt auf einen Landrover. Es ist eine von diesen Anekdoten, die nur Afrika erzählt.



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pbre330222 14.02.2019

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