Kurilensee auf Kamtschatka Ein echter Bärendienst

Im Bärenparadies auf Kamtschatka sorgt eine Anti-Wilderer-Einheit seit Jahren für Ruhe. Tausend Wilderer haben die Ranger bisher verhaftet. Der Schutz der Braunbären und Rotlachse ist ihr Leben.

Rasmus Sievers

Von Iris Gesang


Jeder hat eine andere Jagdstrategie. Es gibt Taucher, Sprinter und geschickte Alte, die ganz ruhig abwarten und dann blitzschnell zuschlagen. Bis zu 50 Braunbären gleichzeitig kann man an guten Tagen am Kurilensee beim Fischen beobachten. 500 leben hier, insgesamt auf Kamtschatka sind es etwa 10.000. Die Halbinsel ganz im Osten des russischen Reichs ist ein idealer Lebensraum für die Bären, schließlich sind weite Teile menschenleer.

Dennoch: Bevor Sergej Schurunow und die fünf Lasarenko-Brüder im Sommer 2007 im Naturpark Südkamtschatka ankamen, herrschte hier Anarchie. Bei alljährlichen Überwachungsflügen im Frühjahr hatten Biologen Hundert tote Bären gefunden. Wilderer hatten ihnen die Tatzen abgeschnitten und Gallenblasen entnommen. Diese Körperteile sind noch heute vor allem in China und Vietnam begehrt und werden hoch gehandelt.

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Ranger auf Kamtschatka: Bärenparadies am Kurilensee

"Im Herbst haben wir die Gruppe dann aufgespürt und verhaftet. Die hatten gerade einer Bärenmutter und ihren drei Jungen die Pfoten abgeschnitten", sagt Schurunow. Nach dieser ersten spektakulären Festnahme durch die Anti-Wilderer-Einheit wurde am Kurilensee kein einziger Bär mehr von Wilderern getötet. "Uns hat der Job gefunden, nicht wir den Job", erzählt der Chef-Ranger und lächelt stolz. "Es war ein Seelenruf, und meine Freunde denken genauso."

Jagd auf die Lachs-Wilderer

Schurunow und sein Freund Anatolij Lasarenko sind fast 60 Jahre alt. Sie kennen sich von ihrer gemeinsamen Arbeit im Kaukasus-Naturreservat. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sorgten sie dort viele Jahre lang für Ordnung. Die meisten Menschen in der Gegend hatten ihre Arbeit verloren, und Wilderei war jahrelang an der Tagesordnung.

Der gute Ruf der Anti-Wilderer-Einheit sprach sich weit über den Kaukasus herum. Nach dem brutalen Abschlachten der Bären im Frühjahr 2007 holte sich der damalige Direktor des Naturparks Südkamtschatka die Hilfe der Profis. Seither arbeiten Sergej Schurunow und die Lasarenko-Brüder gut neun Monate im Jahr am Kurilensee und haben bisher etwa Tausend Wilderer verhaftet.

Immer noch spüren sie regelmäßig illegale Jäger auf - allerdings nun jene, die Lachse fangen. Fünf Millionen Rotlachse kommen jedes Jahr zurück zum Kurilensee und seine großen Zuflüsse, um zu laichen. So wurde der zweittiefste See Russlands für die größten Braunbären der Welt zum Schlaraffenland. Hier bringen einige Bärinnen aufgrund der guten Nahrungssituation sogar Drillinge zur Welt. "Ich wollte schon immer, dass dieser Ort gedeiht. Die Menschen sollten verstehen, dass das ein heiliger Ort ist und jeder in der Welt ihn braucht", erzählt Lasarenko während einer Patrouille.

Mehr Seelenverwandte als Freunde

Schurunow und die Lasarenkos unterstützen ihre Familien im Kaukasus, aber sie sehen sie selten. "In einem solchen Naturreservat zu arbeiten, bringt moralische Befriedigung. Ich bin sehr stolz auf mein Team", sagt Schurunow. "Stellt euch vor, wir sind während der Patrouillen für mehrere Monate in dem ganzen Gebiet ganz allein unterwegs. Abgeschnitten von der Außenwelt, fast wie Astronauten." "Dafür braucht man Charakter und einen starken Willen", fügt Anatolij Lasarenko hinzu und reißt dabei eine 32 Kilogramm schwere Eisenkugel mit einem Arm über den Kopf.

Schurunow und Lasarenko sind mehr als Freunde. Sie verlassen sich blind aufeinander und verstehen sich als Seelenverwandte. Auf manchen Patrouillen marschieren sie bis zu 70 Kilometer am Tag, mit 35 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken. Sie verhaften regelmäßig Wilderer, die bewaffnet sind. Damit sie das leisten können, trainieren die beiden hart. So oft es geht mit Gewichten und an Geräten in einem selbst gebauten Outdoor-Gym.

"Langweilig wird uns nie", grinst Lasarenko und kaut dabei entspannt auf einem Grashalm. "Klar ist man manchmal müde, aber ich mag diese Müdigkeit, weil es oft ein Ergebnis gibt. Du hast etwas Nützliches getan." Für die Bären am Kurilensee sind die Ranger die beste Lebensversicherung. Wenn weiterhin alles so gut läuft, bleibt das Bärenparadies am Kurilensee noch lange erhalten.

Mehr über Leben und Arbeit der Anti-Wilderer-Einheit auf Kamtschatka sehen Sie hier:

Die SPIEGEL-TV-Produktion "Russlands versteckte Paradiese" wird am 17. Dezember 2018 um 18.35 Uhr auf ARTE und am 19.12.2018 um 22.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt.

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Seite 1
jj2005 17.12.2018
1. Hut ab!
Es gibt Menschen, die man einfach bewundern muss! Bärenschützer gehören dazu, Reporter, die sich mit autoritären Regimen anlegen, Ärzte ohne Grenzen, ... die Liste ist gar nicht so kurz, wie man angesichts der täglichen Hiobsbotschaften glauben möchte. Ohne diese Menschen wäre die Welt ärmer.
takvor 17.12.2018
2. Film
Eben wurde dieser toller Film in arte ausgestrahlt!!!
kuestenvogel 17.12.2018
3. Danke für den interessanten Artikel
In der Mediathek von Arte ist er bis zum 19.01.2019 zu finden. Hier der Direktlink (44min): https://www.arte.tv/de/videos/078138-000-A/russlands-versteckte-paradiese/
neptun680 18.12.2018
4. Sehr Interessanter Artikel und
danke an "kuestenvogel" für den Link.
larsi79 18.12.2018
5. Weiterer Filmtipp
Auch zu empfehlen ist die dreiteilige ZDF Doku "Russland von oben", zu finden in der ZDF Mediathek. V.a. im dritten Teil absolut beeindruckende Bilder aus Kamtschatka und der Amurregion. BTW: Der größte Braunbär der Welt ist nicht der Kamtschatka- Bär, sondern der Kodiak-Bär aus Alaska.
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