Unternehmer in Island Strumpf ist Trumpf

Wenn das Wetter schlecht ist, laufen die Geschäfte gut: Thorir Kjartansson leitet in Island eine Mini-Firma, die mit Socken und Wollmützen Millionen erwirtschaftet. Krise und Staatsbankrott haben seinem Absatz nicht geschadet - im Gegenteil.

Henryk M. Broder

Von Henryk M. Broder


Markus Loptsson war ein Bauer und Schafzüchter. Alle seine Vorfahren waren Bauern und Schafzüchter. Loptsson lebte im Süden von Island, etwa 200 Kilometer von Reykjavik entfernt, umgeben von Gletschern und Vulkanen. Er trug immer ein kleines Notizbuch mit sich, in das er seine Beobachtungen eintrug.

1880 erschien in einem Reykjaviker Verlag "Eine Schrift über Erdfeuer in Island - aufgezeichnet von Markus Loptsson - Bauer auf dem Felsen Hjörleifshöfdi"; 120 Jahre später hat sein Urenkel, Thorir Kjartansson, das Buch neu herausgegeben. Er verkauft es in seinem Fabrikladen in Vik, zusammen mit Pullovern, Mützen, Schals und Socken, die nebenan in der Wollfabrik hergestellt werden.

Ebenso wie sein Uropa ist auch Thorir ein typischer Autodidakt. Alles, das er kann, hat er sich selbst beigebracht. 1943 auf dem Felsen von Hjörleifshöfdi geboren, verbrachte er die ersten 20 Jahre seines Lebens auf dem Bauernhof der Familie. Da es immer viel Arbeit gab, kam die Schule ein wenig zu kurz. "Alles in allem vier Jahre, und das auch nur jeden zweiten Tag."

Dann gaben die Eltern den Hof auf und zogen nach Vik. Thorir wurde Mechaniker und reparierte Autos. Eines Tages beschloss er, Unternehmer zu werden. Zusammen mit ein paar Freunden, die wie er vor allem das Improvisieren gelernt hatten, erstand er aus der Konkursmasse einer Textilfabrik ein paar alte Maschinen, schaffte sie von Reykjavik nach Vik und setzte sie wieder instand. Zwölf Jahre lang stellte er nur Wollsocken her, 1992 kaufte er eine Fabrik in Vik dazu, die kurz vor der Pleite stand, und erweiterte so sein Sortiment.

Drittgrößter Arbeitgeber im Dorf

Heute, 30 Jahre nach dem Start, macht Thorir 180 Millionen Kronen Umsatz (derzeit eine Million Euro) im Jahr und beschäftigt 16 bis 20 Mitarbeiter, im Sommer mehr, im Winter weniger. Seine Wollmanufaktur ist, gleich nach der Polizei und der Kreisbehörde, der größte Arbeitgeber in Vik, das mit etwas mehr als 300 Einwohnern eine der kleinsten Gemeinden im Lande ist. Jeder kennt jeden.

Trotz der Krise gibt es keine Arbeitslosigkeit, denn keine Arbeit zu haben, gilt als unfein. "Uns geht's gut", sagt Thorir. Nur das Wetter ist schlecht, aber auch das ist gut, weil sich die Wollsachen bei Regen und Wind besser verkaufen. Früher hat er die Socken, Mützen, Schals und Pullover bis nach Japan verschickt; so lange aber die isländische Krone überbewertet war, waren seine Produkte zu teuer.

Noch vor dem Ausbruch der Finanzkrise im Oktober 2008 stellte er den Vertrieb nach Übersee ein. Seitdem beliefert er nur ein paar Läden in Reykjavik. Den Löwenanteil des Umsatzes macht Thorir mit dem Direktverkauf im Fabrikladen. Und seit man für einen Euro oder einen Dollar doppelt so viele Kronen bekommt, sind Thorirs Socken für Touristen viel preiswerter geworden. Thorir spricht so, als ob er sich dafür entschuldigen möchte, von der Krise profitiert zu haben. "Ich habe kein Geld verloren, dafür hatte ich nicht genug."

Sein Vermögen steckt in der Fabrik. Er hat drei Kinder, einen Sohn und zwei Töchter, die längst aus Vik weggezogen sind. Wer einmal die Fabrik übernehmen wird, darüber will er erst nachdenken, wenn ihm die Arbeit keinen Spaß mehr macht. Oder wenn ein Investor vorbeikommt und ein Angebot auf den Tisch legt, das "sehr unwiderstehlich" sein müsste.

Sollte das jemals passieren, würde sich Thorir auf den Felsen Hjörleifshöfdi zurückziehen. Das Gebiet rund um den Berg, mit 115 Quadratkilometern etwas kleiner als das Fürstentum Liechtenstein, gehört noch immer der Familie. Hier hat Urgroßvater Markus Loptsson vor 130 Jahren seine "Schrift über Erdfeuer in Island" verfasst. Allmählich wird es Zeit für eine Fortsetzung der Arbeit.



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