Unterwasserwelt Malediven Im Reich der Riesenfische

Viele Taucher träumen davon, einmal im Leben einem Walhai zu begegnen, dem größten Fisch der Weltmeere. Auf den Malediven ist das möglich – mit ein bisschen Glück und einer erfahrenen Bootscrew. Manche sind so beeindruckt, dass sie geradezu süchtig werden.


Male - Das Leben kann so ungerecht sein - sogar im Paradies. Walhaie scheinen nicht nur die größten und geheimnisvollsten Fische der Ozeane zu sein, sondern auch noch Humor zu haben: Mit Vorliebe zeigen sich die bis zu 13 Meter langen Kolosse auf den Malediven nämlich oft gar nicht den Tauchern tief unter Wasser an den Riffen, sondern Schnorchlern und Bootsausflüglern.

20 Jahre brauchte Jacques-Yves Cousteau, um gerade einmal zwei Exemplare dieser noch weitgehend unerforschten Giganten zu entdecken. Auf Holiday Island hätte es der legendäre Tauchpionier einfacher haben können. "Eine hundertprozentige Garantie gibt es nicht, aber wenn ihr zwei Wochen bleibt, seht ihr fast sicher einen Walhai", verspricht Villa-Tauchbasen-Direktor Hussain "Sendi" Rasheed.

Von der Malediven-Hauptstadt Male aus geht es mit einem kleinen Wasserflugzeug weiter ins Süd-Ari-Atoll. Unten sind Riffe, weiße Sandbänke, mit Palmen bewachsene Inseln und so manch dunkler Fleck im ansonsten glasklaren Wasser zu sehen - vielleicht schon der eine oder andere Walhai. Befindet sich wie im Sommer viel Plankton im Indischen Ozean, pflügen die Einzelgänger kurz unter der Oberfläche durchs Meer, das bis zu drei Meter große Maul weit aufgerissen. Ihre grau-blaue Farbe und die weißen Punkte und Streifen auf dem Rücken machen sie aber auch aus den tief fliegenden Wasserflugzeugen so gut wie unsichtbar.

"Man braucht den Walhai-Blick wie Kapitän Shiyam", sagt "Sendi", der auch Chef der maledivischen Tauchlehrer-Akademie auf Sun Island ist, als es am folgenden Morgen mit dem Dhoni weitergeht. Lächelnd steuert Shiyam das maledivische Holzboot durch die ruhige Lagune des Innenatolls zum Außenriff hindurch ins offene Meer. Ununterbrochen streift sein Blick über die Wellen. Nach zehn Minuten schon ruft er das elektrisierende Wort: "Walhai!"

Urplötzlich weicht maledivische Gelassenheit hektischem Treiben. Flossen werden gesucht, die Taucherbrille geschnappt, zum Anlegen des Neopren-Anzugs oder gar der Pressluftflaschen bleibt keine Zeit. Shiyam hat vorsichtig beigedreht, um den friedfertigen Koloss nicht zu erschrecken. Tauchlehrer Nasheed springt als Erster ins Wasser, die Gäste folgen ihm, bis er nach 20 Metern plötzlich verharrt. Ein rund acht Meter großer Walhai gleitet heran: majestätisch, friedvoll und überwältigend.

Auge in Auge mit dem Meereskoloß

Das fast eineinhalb Meter breite Maul ist leicht geöffnet - und obwohl der fast blinde Hai mit seinen winzigen Augen so gut wie nichts sehen kann, weiß er, dass Menschen da sind. Ein kräftiger Flossenschlag würde reichen, um sie abzuschütteln. Mehrere Minuten schwimmt er mit, lässt die Taucher bis auf einen Meter an seinen Kopf herankommen, dann zieht er langsam ab. "Normalerweise bleiben sie nicht länger als 30 Sekunden. Aber dieser war neugierig", sagt Nasheed zurück an Bord.

Mehr als 180 Walhai-Begegnungen hatte Nasheed in den vergangenen zwei Jahren, so viel wie wohl kaum ein anderer Mensch auf der Welt. "Beim ersten Mal war ich genauso aufgeregt wie ihr", lacht "Mister Whale Shark" und gratuliert den Touristen zum ersten Walhai. "Die großen Tiere beeindrucken einfach am meisten", sagt auch Jörg Keller vom Delphis-Tauchcenter auf Royal Island. Zu ihm kommen die Gäste im Sommer vor allem wegen der vielen Mantas im Baa-Atoll, die sich nicht so rar machen wie die Walhaie.

Für die Villa-Tauchcrew dagegen gehören die Walhaie mittlerweile fast schon zum Alltag. "Wir haben auch schon zehn und mehr an einem Tag getroffen. Sehr oft beim Schnorchel-Ausflug", erzählt Nasheeds Kollege Rilwan. Fast immer sind es Männchen. "Weibchen sehen wir hier so gut wie nie, Jungtiere oder große alte Tiere überhaupt nicht", berichtet Nasheed. Warum, wissen auch die Wissenschaftler noch nicht, die noch nie eine Paarung oder die Geburt eines Walhais beobachten konnten. Für die Dokumentationen der ganzjährig stattfindenden Walhai-Begegnungen im Süd-Ari-Atoll sind die Forscher deshalb dankbar.

"Maamigili Beru ist einer der besten Plätze auf der Welt, um Walhaie zu sehen", meint Rilwan stolz. Viele Tauchgäste würden hier geradezu walhaisüchtig. "Eine Japanerin war schon achtmal hier, und während alle am Riff Korallen, Anemonen, Schildkröten, Riffhaie, Moränen oder Feuerfische bewundern, schwimmt sie durchs Blaue und sucht nach Walhaien", schmunzelt Nasheed.

Von Bernhard Krieger und Brigita Dilg, gms



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