Sinai-Halbinsel in Ägypten Das Wunder von Sharks Bay

An der Südspitze des Sinai gelingt in einer Bucht, was Staatsführer nicht zustande bringen: Christen, Juden und Muslime begegnen einander mit Offenheit und Respekt.

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Ein alter Mann sitzt im Schatten einer großen Palme von Sharks Bay. Diesen Monat wird der Beduine Umbarak, Spitzname Umbi, 70 - so steht es jedenfalls in seinem Pass. Wie alt der Gründer des nach ihm benannten Strandrefugiums - Sharks Bay Umbi Diving Village - wirklich ist, weiß Umbi vielleicht nicht einmal selbst.

Umbi schweigt über seine eigene Person lieber, sicher ist jedoch, dass dieser Mann das Gegenteil dessen verkörpert, was die Region seit Jahrzehnten vergiftet: Statt Krieg und Krisen gedeihen in Umbis Bucht in Scharm al-Scheich Frieden und Freundschaften, selbst unter jenen Menschen, die im Nahen Osten als unversöhnlich gelten.

Gleich nebenan, auf der Arabischen Halbinsel, im Jemen, führen die verfeindeten Nationen Iran und Saudi-Arabien einen brutalen Stellvertreterkrieg. Aber in Umbis Beduinenzelt tanzen Saudi-Araber und Iraner nach einem Festessen mit Huhn und Lamm gemeinsam zum Klang der Simsmy, einem alten Saiteninstrument.

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Sharks Bay: Frieden am Strand

Umbis Beduinenzelt ist eine überdachte Sitzlandschaft mit Teppichen, Kissen und einem einmaligen Blick aufs Meer. Abends treffen sich hier neben den Hausgästen des Hotels auch Besucher aus den Dörfern. Darunter sind Geschäftsleute und Kfz-Mechaniker, Tauchlehrer und Aussteiger. Hier sitzen Sympathisanten des 2012 demokratisch gewählten und später angeklagten Muslimbruder-Präsidenten Mohamed Morsi in trauter Schischa-Runde neben Unterstützern des aktuell regierenden Putsch-Generals Abdel Fattah el-Sisi.

"Die Besucher respektieren ihre Unterschiedlichkeit," sagt die Britin Caroline Love, die im Management des Hotels arbeitet. Die Menschen in Sharks Bay hätten einfach ein Gespür dafür, was sie diskutieren und was man des Friedens wegen besser weglässt.

Der Haifischbucht treu geblieben

Nur zwei Kilometer Luftlinie vom Eingang zu Sharks Bay entfernt, im neu errichteten Konferenzzentrum von Scharm al-Scheich, hatten im Februar 2019 die Staatschefs der Europäischen Union und der Arabischen Liga über die Probleme der Region beraten. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel war dabei.

Es ging um die russischen Bombardements in Syrien und den damals erst wenige Monate zurückliegenden Mord an dem saudi-arabischen Oppositionellen Jamal Khashoggi. Sie diskutierten den Hunger im Jemen und die wirtschaftliche Misere in Ägypten. Die Lage im Nahen Osten kompliziert zu nennen, wäre eine starke Untertreibung.

Bis zum Ende des Kalten Krieges waren die Frontlinien hier zwischen Freund und Feind einigermaßen eindeutig verlaufen. Die Nationen orientierten sich entweder an den Vereinigten Staaten oder an der Sowjetunion. Heute sind die alten Allianzen brüchig geworden und manchmal ändern sie sich sogar über Nacht.

Umbi dagegen ist sich und seiner Haifischbucht treu geblieben. Anders als andere Landbesitzer, Unternehmer oder die oft machthungrigen Politiker suchte er nicht nach dem schnellen Aufstieg oder dem großen Geld. Er verkaufte auch nicht, als internationale Hotelketten mit Dollars um sich warfen, damit die Beduinen ihre Küstenzugänge verkauften.

Den Anfang machten ein paar Strohhütten am Strand

Das Leben des Beduinenjungen Umbarak vom Aleiqat-Stamm hatte eigentlich schwierig begonnen. Mit zwölf starb der Vater, ein Fischer. Als ältester Sohn sollte Umbi fortan die Mutter und seine Schwestern durchbringen. Umbi verdingte sich als Fischer, später, als junger Erwachsener, begleitete er israelische Urlauber in das schillernde Tauchrevier vor der Halbinsel. Das war während der israelischen Besatzung des Sinai, in den Siebzigerjahren.

Ab 1979 zogen sich die israelischen Truppen aus dem Sinai zurück. Anfang der Achtziger, ein paar Jahre nach dem Friedenschluss zwischen Israel und Ägypten, baute Umbi dann für seine israelischen Freunde aus dem einst verfeindeten Nachbarland das Taucherdorf Sharks Bay Umbi Diving Village: ein paar einfache Strohhütten am Strand. Das war der Anfang von Scharm al-Scheich als weltweit bekannter Taucherdestination.

Umbi macht keinen Unterschied zwischen Ethnien, Traditionen und Religionen, alle existieren hier einfach nebeneinander. Und meistens ist das sehr unkompliziert. Eine Frau im Tankini, die selbst bei 40 Grad im Schatten das Haar noch mit einer Kapuze bedeckt, fühlt sich offensichtlich ebenso wohl wie die Italienerin im Tanga, die sich zwei Liegen weiter sonnt - und umgekehrt.

Anfangs checkten vor allem Israelis in seinem bescheidenen Resort ein, dann die Italiener, die Deutschen, die Schweizer, gerade sind es viele Urlauber aus der Ukraine. "Sie kommen als Gäste, und die meisten gehen als Freunde," sagt Umbi. Das ist hier kein leeres Wort.

Echte Gastfreundschaft

Umbi sei vermutlich der "am weitesten gereiste Beduine", sagt die Britin Love. Es gäbe kaum ein Land, das Umbi nicht gesehen habe, mehrfach habe er die Welt umsegelt. Womöglich sei dies die Quelle der toleranten Aura von Sharks Bay Umbi Diving Village. Alle Mitarbeiter würden hier mit dem gleichen Respekt behandelt, "ob sie den Müll raustragen, oder das Budget verwalten". Love war einst selbst als Taucherin nach Sharks Bay gekommen und ist geblieben.

Seit den Neunzigern, den Boomjahren von Scharm al-Scheich, entstanden zahllose Hotels. Das Geschäft brummte, bis der Tourismus vor einigen Jahren durch die Unruhen des sogenannten Arabischen Frühlings fast zum Erliegen kam.

Das könnte sich womöglich bald wieder ändern. Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman, 33, plant in den kommenden zehn Jahren den Aufbau eines futuristischen Stadt-Staates, Neom, der sich vom Nordwesten seines Königreichs über Ägypten und Jordanien erstreckt - die Spitze des Sinai eingeschlossen, auch Umbis Sharks Bay. In einem geleakten 2300-Seiten-Bericht über das Gigantenprojekt, das 500 Milliarden Dollar kosten soll, ist die Rede von einer schönen neuen Welt mit "fliegenden Taxis", "Roboter-Dienstboten", "leuchtendem Sand" und einem "künstlichen Mond".

Die Stammgäste von Umbi kommen eigentlich gerade gerne nach Sharks Bays, weil der Strand noch unverbaut ist und Umbis Gastfreundschaft echt. Fliegende Taxis und Roboter braucht hier eigentlich kein Mensch.



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