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Neonschilder in den USA: Verblassendes Glimmen

Foto: Steve Fitch

Motelsterben in den USA Und ewig leuchtet der Cowboy

Neon-Motelschilder kündigten früher saubere Räume, Pools und ein Telefon im Zimmer an. Seit mehr als 40 Jahren dokumentiert der Fotograf Steve Fitch die schönsten Exemplare entlang amerikanischer Highways.

Sie sind die glühenden Überbleibsel der nostalgisch verklärten Vereinigten Staaten: Grelle, blinkende Neonschilder und -reklametafeln prägen seit den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts Städte wie New York, Las Vegas oder Los Angeles - und sie säumen Highways.

Sie stehen für den Nachkriegsboom. Und für die Wohlstandsjahre, in denen die US-Amerikaner mit ihren Cadillacs, Buicks und Chevrolets auf lange Roadtrips gingen, um ihr Land kennenzulernen. Jahre, die auch für etwas wie die "gute alte Zeit" stehen, als James Dean und Marilyn Monroe Stars waren, und Elvis Presley noch nicht im Paillettenanzug auftrat. Jahre, in denen die Autokultur auf ihren Höhepunkt zusteuerte. Cruisende Teenager an Wochenendabenden, Autokino-Magie, Rock'n'Roll und schräge Touristenfallen an verlassenen Präriekreuzungen.

Doch bald schon kam das Ende der Highwaykultur: Ab Mitte der Fünfzigerjahre machten neu gebaute Autobahnen viele bis dahin stark frequentierte Highways überflüssig. Den Tankstellen, Motels und Diners wurden die Lebensadern gekappt.

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Neonschilder in den USA: Verblassendes Glimmen

Foto: Steve Fitch

1964 säumten 61.000 kleine familiengeführte Motels die Highways, 2012 waren nur noch etwa 16.000 übrig. Auch die Neonschilder verschwanden - zu zerbrechlich, zu teuer und irgendwie auch aus der Mode geraten.

Der Fotograf Steve Fitch aus Santa Fe im US-Bundesstaat New Mexico macht seit den späten Sechzigerjahren Aufnahmen klassischer US-amerikanischer "Road Landscapes". Er fotografiert Tankstellen, Supermärkte, Motels und Touristenfallen entlang der Highways und Einfallstraßen in Großstädte.

Sein neues Buch, "Vanishing Vernacular: Western Landmarks" richtet den Fokus auf verfallende Autokinos, Neon-Motelschilder und Funkmasten im amerikanischen Westen. Im Interview erklärt er, was die Neonschilder für die USA bedeuten - noch immer.

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Fitch, Steve

Fitch, S: Vanishing Vernacular: Western Landmarks

Verlag: George F. Thompson
Seitenzahl: 171
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SPIEGEL ONLINE: Wo findet man diese typisch US-amerikanischen Motels mit ihren Neonschildern heute noch?

Fitch: In vielen kleinen Orten im Westen der USA haben ein oder zwei von einst zehn oder zwölf dieser Motels überlebt. Bis jetzt zumindest. Los Angeles oder Las Vegas sind immer noch gute Orte, um schöne Neonschilder zu sehen, und natürlich entlang der klassischen Überlandrouten wie zum Beispiel der Route 66. Inzwischen sind auch die Denkmalschützer aufgewacht und haben viele der historischen Schilder und Motel-Ensembles unter Schutz gestellt.

SPIEGEL ONLINE: Warum fotografieren Sie ausgerechnet alte Neonschilder?

Fitch: Die Schilder sind Zeugnisse einer Zeit, einer Ästhetik und einer Kultur, die wir rasch aus den Augen verlieren. Wir verlieren die Verbindung zu dieser Epoche der Motels mit ihren Schildern in einem Rekordtempo: Man kann heute sehr günstig große Distanzen in den USA mit dem Flugzeug überwinden, und wer auf einer Interstate Meilen runterschrubbt, fährt zum Übernachten sicher nicht noch weiter, um in einem inhabergeführten Motel zu übernachten, sondern steigt in einem Holiday Inn oder einem anderen Kettenhotel direkt an der Autobahnausfahrt ab.

SPIEGEL ONLINE: Was ist daran so schlimm? Viele der noch bestehenden kleinen Motels sind heruntergekommen, schmutzig und laut.

Fitch: Stimmt. Es geht aber um eine andere Form des Reisens. Eine, die uns abhanden gekommen ist. Das Überraschende fehlt, wenn in jedem Hotelzimmer die Bettdecke das gleiche Muster hat und der Kaffee identisch schmeckt. Niemand will mehr als Forscher unterwegs sein und etwas ganz für sich entdecken. Als ich damit anfing, die Schilder zu fotografieren, war ich fasziniert von der handwerklichen Qualität, aber auch von der Kreativität der Schildermacher. Dann habe ich über Jahre hinweg aus nostalgischen Gründen fotografiert. Inzwischen bin ich fast so etwas wie ein Archäologe einer für die USA goldenen Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeuten diese Roadtrip-Motels für die US-Amerikaner?

Fitch: Die Eindrücke und Erfahrungen sind tief in der US-amerikanischen Seele verankert: endlose Autofahrten durch teils öde Landschaften. Da freut man sich schon, wenn an einer Tankstelle ein großer Plastikdinosaurier steht, ein Traktorenmuseum oder ein kleiner Stand, an dem jemand Steine oder Fossilien verkauft. Es geht auch um Stimulation der Reisenden, schlichtweg ums Gewinnen von Aufmerksamkeit. Es gibt viele Motels und Neonschilder im Westen der USA, die Cowboys oder Indianer zum Thema haben oder Astronauten. Am Abend nach neun Stunden im Auto auf ein solches Motel zuzurollen, das ferne Glimmen der Neonlichter am Horizont, der Sommerwind, das Zirpen der Grillen, all das ist etwas Besonderes, das heutige Reisende oft nicht mehr wahrnehmen.

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