Urlaub in Diktaturen "Es gibt kein richtig oder falsch"

Politische Unruhen, Diktaturen, Menschenrechtsverletzungen: Viele nicht demokratische Länder sind zugleich faszinierende Reiseziele. Ob man jedoch in Burma, Irak oder Libyen Urlaub verbringen sollte, ist eine ganz persönliche Gewissensfrage.


Bremen/München - Es gibt Urlaubsländer, die äußerst attraktiv sind, aber nicht besonders demokratisch. Das gilt für Ägypten genauso wie für Syrien oder Kuba, für Libyen wie für China. Oft gibt es dort tolle Städte mit jahrhundertealter Kultur - und zugleich Gefängnisse voller Häftlinge, die nichts getan haben, als ihre Meinung zu sagen. Länder, in denen Menschenrechte mit den Füßen getreten werden, gibt es viele. Aber soll man deswegen dort keinen Urlaub machen? Die Frage, wo es anfängt, moralisch fragwürdig zu sein, muss jeder selbst beantworten.

"Sind Reisen in den Jemen opportun, darf man nach Äthiopien fahren oder nach Nepal? Da gäbe es eine lange Liste mit Ländern, bei denen man ein Fragezeichen setzen müsste", sagt Rainer Hartmann, Professor an der Hochschule Bremen. Das Problem sei, dass schon die Kriterien für die Fragestellung erst geklärt werden müssten, ergänzt Heinz Fuchs von der Arbeitsstelle Tourism Watch des Evangelischen Entwicklungsdienstes in Bonn. "Wo ist da die Grenze? Soll man auch Reisen in die USA ablehnen?" Schließlich würden auf Betreiben der Vereinigten Staaten in Guantanamo Menschenrechte verletzt.

"Bei der Entscheidung, in nicht-demokratische Länder zu reisen, gibt es kein richtig oder falsch", sagt Ury Steinweg, Geschäftsführer des Urlaubsanbieters Gebeco in Kiel. "Und wir als Reiseveranstalter sind keine moralische Instanz, die darüber entscheiden sollte." Gebeco habe aber immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Tourismus für Diktaturen, die sich abschotten, auch positive gesellschaftliche Auswirkungen habe. Das sieht auch Fuchs grundsätzlich so: Tourismus mache Begegnungen möglich und könne dabei helfen, dass Länder sich öffnen.

Wichtiger Informationsaustausch

"Reisen in solche Staaten schafft Öffentlichkeit", argumentiert auch Peter-Mario Kubsch, Geschäftsführer von Studiosus in München. In den Katalogen des Unternehmens finden sich rund 70 Länder aus nicht-demokratischen Staaten, darunter Syrien, Kuba und Usbekistan. "Wenn Länder nicht offen sind, ist das ein Grund, gerade dorthin zu fahren", sagt Steinweg. "Wir hatten zum Beispiel in den siebziger Jahren einen Schwerpunkt auf der Sowjetunion, als dort freies Reisen noch gar nicht möglich war."

Dass in solche Länder gereist wird, sei für beide Seiten wichtig: "Nur so können Informationen ausgetauscht werden", sagt der Gebeco-Chef. Ein Beispiel dafür ist Birma in Südostasien, das von den Militärmachthabern in Myanmar umbenannt wurde. "Wir bieten auch weiterhin Reisen nach Myanmar an, wo es für die Bevölkerung fast unmöglich ist, an ungefilterte Informationen zu kommen." Bei Kontakten mit Touristen seien die Menschen dort oft dankbar für jede Information aus dem Westen.

Natürlich sei das eine Frage des Abwägens: "Das Geld aus dem Tourismus landet schließlich auch beim Regime", sagt Steinweg. "Aber die positiven Effekte sind größer als die negativen." Das sei auch der Grund, warum Gebeco nach wie vor nach Iran reist. "Das ist ohne Frage eines der problematischsten Länder in unserem Programm. Aber für die Menschen, die wir dort sprechen, ist das extrem wichtig."

Den Iran als Reiseziel zu boykottieren, hält Rainer Hartmann ebenfalls für falsch: "Der Anteil des Tourismus am Bruttoinlandsprodukt ist minimal. Ein Reiseboykott würde die Regierung nicht treffen." Großen Druck entfalten könnte so eine Kampagne allenfalls durch das Medieninteresse daran. Gebeco-Chef Steinweg hält Boykott-Kampagnen ohnehin für schwierig: "Es gibt solche Aufrufe zum Beispiel für Myanmar. Aber wenn einzelne Veranstalter das Land aus dem Programm nehmen würden, fahren die Leute mit einem anderen." Im Web-Zeitalter sei es kein Problem mehr, einen Anbieter für die gewünschte Reise zu finden.

Nicht mehr nur das Wetter entscheidet

Die Sensibilität bei diesem Thema dürfe ohnehin nicht überschätzt werden, betont Hartmann: "Die große Mehrzahl der Deutschen reist mit einem der größeren Reiseveranstalter einfach irgendwohin, nach dem Motto "Hauptsache gutes Wetter"." Die Rücksicht auf Menschenrechte oder politische Zustände werde zwar wichtiger, spiele aber nach wie vor nur eine kleine Rolle. "Da tut sich was, aber noch viel zu wenig", beobachtet der Tourismusexperte. "Die meisten Reisenden denken höchstens über Sicherheitsaspekte nach."

Auch für die Veranstalter seien das untergeordnete Gesichtspunkte: Gerade wenn ein Ziel, das einem politisch nicht sympathisch ist, für den Reisemarkt immer wichtiger wird, werde es schwierig: "Ein Unternehmen muss schon sehr stark bleiben, wenn es dann auf so ein Ziel verzichtet." Auch hier hält Hartmann Realismus für angebracht: "Je größer ein Veranstalter ist, umso wichtiger ist für ihn Profitorientierung, und umso mehr zählt nur, ob ein Ziel gut läuft."

Das heißt für Hartmann aber nicht, dass sich nichts ändern wird: Touristen seien schließlich ebenfalls Konsumenten - und Konsumenten haben Macht durch ihre Entscheidungen für oder gegen ein Produkt. "Der mündige Tourist, der sich informiert, bevor er sein Reiseziel auswählt, bezieht solche Kriterien mit ein." Dass korrupte Regime oder Staaten, die immer wieder politisch negative Schlagzeilen machen, ihren Ruf als Reiseland ruinieren können, glaubt auch Peter-Mario Kubsch und nennt als Beispiel Simbabwe: "Wir bieten keine Reisen mehr dahin an, von den Victoria-Fällen abgesehen. Das macht einfach keinen Sinn. Das Regime hat ein so negatives Image, dass die Bereitschaft minimal ist, dorthin zu reisen."

Andreas Heimann, gms



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tabascoman 15.02.2008
1. und die USA
Der Besucherstrom in die USA hat sich erfreulicherweise von fast 2 Millionen pro Jahr auf etwas über 1 Million zurückentwickelt. Wenn man in die exDDR einreiste oder Transit fuhr, konnte auch das Gepäck kontrolliert werden. Allerdings im Beisein der Reisenden. Bei der Einreise in die USA wurde mein Gepäck bisher zweimal aufgebrochen obwohl es unverschlossen war. Und weitere zweimal wurde ich beklaut. Kommentar: wir geben ihrer Beschwerde nicht statt, sie können ja klagen. Natürlich in den USA. Leider muß ich dort öfters hin und damit auch die diskriminierenden Einreiseprozeduren erdulden. Es ist garnicht so leicht, "gute" Reiseländer zu finden.
K&K, 15.02.2008
2. Myanmar
Als ich dorthin reiste, wurde ich mit all den Belehrungen konfrontiert. So ein Land muss dann doch boykottieren. Mit meinen Ausgaben vor Ort habe ich Leute aus der Bevölkerung (wenn auch bescheiden) unterstützt: Taxifahrer, Zimmermädchen, Kofferträger - und auch den einen oder anderen Mönch. Wenn das mehrere/viele Touristen so handhaben, hat der Taxifahrer etc etc die Möglichkeit, seinen Kindern eine Bildung zu finanzieren. Auch so kann man ein Regime bekämpfen! Übrigens: bei einer Japan-Reise wurden mir die Wale um die Ohren gehauen, bei Brasilien war's der kaputte Regenwald und auch meine Mexiko-Tour wurde seinerzeit heftig kritisiert (es ging um die unterdrückten Chiapas-Indianer).
gab 15.02.2008
3. weltoffen
Zitat von K&KAls ich dorthin reiste, wurde ich mit all den Belehrungen konfrontiert. So ein Land muss dann doch boykottieren. Mit meinen Ausgaben vor Ort habe ich Leute aus der Bevölkerung (wenn auch bescheiden) unterstützt: Taxifahrer, Zimmermädchen, Kofferträger - und auch den einen oder anderen Mönch. Wenn das mehrere/viele Touristen so handhaben, hat der Taxifahrer etc etc die Möglichkeit, seinen Kindern eine Bildung zu finanzieren. Auch so kann man ein Regime bekämpfen! Übrigens: bei einer Japan-Reise wurden mir die Wale um die Ohren gehauen, bei Brasilien war's der kaputte Regenwald und auch meine Mexiko-Tour wurde seinerzeit heftig kritisiert (es ging um die unterdrückten Chiapas-Indianer).
ich war auch schon in china, in burma, in vietnam und in etlichen ländern, deren regierungen zumindest bedenkliche ausrichtungen haben, und ich habe mir vor jeder reise gedanken gemacht, ok? oder nicht ok? letztendlich kommt es, glaub ich, darauf an mit offenen augen zu reisen. um sich "nur" an den pool zu legen, kann man auch "unproblematische" ziele wählen. nach burma zu fliegen um das gleiche zu tun, käme mr doch sehr ignorant vor. man sollte sich über den status eines reisezieles im klaren sein, wer bekommt mein geld, wie trete ich mit der bevölkerung in kontakt? in burma z.b. sollte man, im interesse des gesprächspartners, nicht über politik reden, weil man sein gegenüber in gefahr bringt. aber durch individuelles reisen, was natürlich beschwerlicher ist, kann man besser steuern, wer vom tourismus profitiert. ausserdem steigt bei mir das interesse an einem land und seiner politischen situation enorm an, wenn ich vor ort mit ganz normalen menschen auf der strasse kontakt hatte. im sinne der alten regel "reisen bildet", und man kann dann zuhause berichten und mehr menschen für das jeweilige land interessieren. inwieweit das dann den menschen konkret nutzt, kann ich schlecht beurteilen, aber sein wir mal ehrlich, man reist ja auch im eigenen interesse, es ist schon viel gewonnen, wenn man niemandem schadet!
-akw- 15.02.2008
4. Nur Gewissensfrage?
Zitat von sysopPolitische Unruhen, Diktaturen, Menschenrechtsverletzungen: Viele nicht demokratische Länder sind zugleich faszinierende Reiseziele. Ob man jedoch*in Burma, Irak oder Libyen Urlaub verbringen sollte, ist eine ganz persönliche Gewissensfrage. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,535560,00.html
Nicht ganz: wer in den Irak fährt und nicht aufpasst darf sich hinterher auch nicht beschweren, wenn er entführt wird, wer in der Türkei Steine mitgehen lässt, darf sich nicht über Knast wundern und wer in arabische Länder reist und meint auf seinen Joint nicht verzichten zu wollen, muss halt auch mit Knast oder schlimmerem rechnen... Aber auch das sollte jeder mit selbst ausmachen. Nur halt nicht jammern, wenns schiefgeht.
chefchen, 15.02.2008
5. reisen ist toll
Zitat von sysopPolitische Unruhen, Diktaturen, Menschenrechtsverletzungen: Viele nicht demokratische Länder sind zugleich faszinierende Reiseziele. Ob man jedoch*in Burma, Irak oder Libyen Urlaub verbringen sollte, ist eine ganz persönliche Gewissensfrage. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,535560,00.html
Also Irak ist ja nun wirklich hart... Ansonsten gilt der alte Spruch: Reisen bildet! Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, bekommt mehr Eindrücke als durch einen vorgesetzten Medienbrei.
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