"Vom Winde verweht" wird 75 In Atlanta fast eine Religion

Bis heute ist es der erfolgreichste Streifen der Kinogeschichte - und ein Touristenmagnet für Atlanta: "Vom Winde verweht" wird jetzt 75 Jahre alt. Ein Besuch im Haus der Romanautorin Margaret Mitchell.

TMN

"Immer wieder stehen hier Touristen und spielen den Film nach, manche mit Tränen in den Augen", sagt Joanna Arrieta, die durch das Margaret Mitchell House führt. Dort wohnte die Pulitzer-Preisträgerin und Autorin des Romans "Vom Winde verweht", auch als sie sich schon längst einen Palast hätte leisten können. Das Manuskript des Films wird immer noch im Haus aufbewahrt. "Im ersten Entwurf hieß Scarlett noch Pansey. Ich glaube, wir sind alle froh, dass sie das noch einmal überarbeitet hat", sagt Arrieta zu den Teilnehmern ihrer Tour, die gerade über die Originalfliesen von 1919 gehen.

Alles ist noch so eingerichtet, als wäre Mitchell gerade fortgegangen. Der altertümliche Toaster steht noch, genauso wie die Stehlampe, in deren Schein sie den Weltbestseller schrieb. "Sie hatte einen Reitunfall, und die Zeit nutzte sie, um ein Buch zu schreiben", erklärt Arrieta. "Dabei ging sie ungewöhnlich vor: Sie schrieb immer ein Kapitel, fing aber am Ende an." Die Seiten habe sie dann in der Wohnung versteckt, bis das Buch komplett war.

Eine Million kamen damals zur Premiere nach Atlanta

Das beliebteste Fotomotiv ist das überlebensgroße Porträt von Vivien Leigh, Pardon: Scarlett O'Hara. "Das hing im Film im Gutshaus Tara", erklärt die Führerin. Nachdem der Film abgedreht war, schenkte man es einer Schule, und da hing es im Essenssaal. Wenn man genau hinschaut, sieht man noch Spuren von Essensschlachten. Einige Filmfans scheinen Kopfschmerzen zu bekommen bei der Vorstellung, wie diese Filmreliquie entweiht wurde. "Gone with the Wind", wie der Originaltitel heißt, ist in Atlanta fast Religion.

Entsprechend feiert Atlanta den runden Geburtstag. Viele Ausstellungen, einige davon kostenlos, informieren über Buch und Film, und ein "Gone With the Wind Trail" verbindet die einzelnen Attraktionen. Es ist nach wie vor der erfolgreichste Film der Kinogeschichte, auch noch nach 75 Jahren. Der Film war schon eine Legende, bevor ihn überhaupt jemand gesehen hatte. Eine Million Menschen waren zur Premiere nach Atlanta gekommen, und der Gouverneur von Georgia hatte den Tag zum Feiertag erklärt.

Viele Deutsche unter den Mitchell-Pilgern

Immerhin wurde ein Kultfilm geboren: Am 15. Dezember 1939, lief der Film "Vom Winde verweht" an. Bis heute ist es der erfolgreichste Streifen der Kinogeschichte - und ein Touristenmagnet für Atlanta. "Wir haben hier Touristen aus der ganzen Welt. Es sind besonders viele Deutsche dabei, aber die meisten sind natürlich Amerikaner", sagt Führerin Joanna Arrieta über die Mitchell-Pilger.

Viele große Filme feierten im Loew's Grand Theatre in der Peachtree Avenue Premiere - keiner reichte aber an "Vom Winde verweht" heran. Drei Tage lang feierte die größte Stadt des US-Bundesstaats Georgia den Film, die Parade der Autos mit den Stars sollen 300.000 Menschen verfolgt haben. An der Ecke steht heute ein Bürohochhaus. Denn 1978 brannte das geschichtsträchtige Theater ab. Bis heute hält sich das Gerücht, das denkmalgeschützte Haus sei einem "warmen Abriss", sprich Brandstiftung, zum Opfer gefallen.

In derselben Straße ereignete sich 1949 ein Unfall, als ein Betrunkener eine Frau anfuhr. Die 48-Jährige starb fünf Tage später im Krankenhaus - es war Margaret Mitchell. Ihr Grab ist auf dem nahen Oakland Cemetery. Man könnte Probleme haben, es zu finden, schließlich steht auf dem Stein ihr Ehename Margaret Marsh. Doch noch wichtiger als die kleinen Schildchen, die zu der Stelle weisen, ist etwas anderes: Auch nach 65 Jahren liegen jeden Tag frische Blumen auf dem Grab.

Chris Melzer/tmn/dpa/beh

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insgesamt 5 Beiträge
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widower+2 29.11.2014
1. Ein fantastischer Film
der mehr als 30 Jahre nach seiner Fertigstellung hierzulande nicht etwas im Fernsehen lief, sondern immer noch in den Kinos.
j2011 29.11.2014
2. Das Portrait von Vivien Leight...
...alias Scarlett O'Hara hing in Film nicht in Tara, sondern im Haus von ihr und Rhett in Atlanta.
lakechamplainer 29.11.2014
3. Ohne Nuance
in letzter Zeit sah ich wieder diesen Film. Es ist unglaublich datiert. Die Formel des Films war einfach. Alle südlichen Weißen sind gut, alle anderen Menschen schlecht. Nicht viel Nuance, um es gelinde auszudrücken.
joey_pujol 29.11.2014
4. Eine wichtige Information hat der Autor vergessen zu erwähnen!
Was war nochmal der erfolgreichste Film aller Zeiten?
bohei 30.11.2014
5. Durchaus Nuance
Ich widerspreche dem Vorredner, allerdings mit Vorbehalt. Insbesondere die Figur Rhett Butler wehrt sich in der "brandies and cigars"-Szene gegen den Hurra-Patriotismus der anderen "Southern gentlemen" und hält eine kurze, aber für die Zeit beeindruckende Anti-Kriegsrede, in der er die Siegeschancen des Südens realistisch analysiert und den Chauvinismus des Südens klar anprangert und dabei, allerdings nur zwischen den Zeilen, die Sklaverei als Relikt verurteilt. Clark Gable soll sich übrigens (zunächst) erbost geweigert haben, an der Premiere teilzunehmen, als er erfuhr, dass keine der schwarzen Darsteller eingeladen sind, was jedoch aufgrund der Segregation de jure rechtens war: Das betreffende Filmtheater war Weißen vorbehalten. Dass der Film dennoch in vielen Teilen ein rassistisches Machwerk ist lässt sich nicht bestreiten: Die Darstellung der loyal ergebenen Sklaven und die kindliche Dummheit aller Schwarzen und ihre Naivität ist heute wirklich widerlich, man schaue sich nur die Rolle an, die Prissy spielt. Aber Hattie McDaniel (Mammy) hat immerhin den Oskar bekommen, ein Politikum.
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