Ute Mountain Tribal Park Auf Leitern hinab zu den Anasazi

Der Mesa Verde National Park in der Südwestecke Colorados ist für Touristen. Der Ute Tribal Park auf der anderen Seite des Bergs ist für Entdecker - und für Träumer.
Von Ole Helmhausen

Die USA behandeln ihre Geschichte mit ebenso viel Liebe wie Geschäftssinn. So haben in den von vorkolumbischen Indianern im Mesa Verde National Park gebauten hängenden Städte vier Wissenschaftler-Generationen geforscht, restauriert und renoviert - und dem Ort alles Mysteriöse gründlich ausgetrieben. Der unter 30 Stockwerke schieren Fels in eine gewaltige Aushöhlung gebaute "Cliff Palace" sieht daher längst nicht so märchenhaft aus wie in "National Geographic". Eher wirkt er so antiseptisch wie die Mittelalter-Klone von Disney World. Er ist jedoch ein Besuchermagnet, der jährlich mehrere Millionen Menschen anzieht. Mesa Verde - ein archäologischer Themenpark.

Wer seinen Kindheitstraum von versunkenen Hochkulturen weiterspinnen will, sollte den Ute Mountain Tribal Park besuchen. Das Alter Ego des Mesa Verde National Park liegt am Südrand des Tafelbergs. Die dortigen Felsensiedlungen sind nicht minder grandios. Vor allem: Sie liegen noch so da, wie sie einst von Cowboys auf der Suche nach verirrten Kühen wiederentdeckt wurden, halb zerfallen, mit Scherben, Korbresten und Pfeilspitzen überall. Die Betreiber wollen es so. Die Ute-Indianer, die selbst erst vor hundert Jahren hierher kamen, sehen die unbekannten Bauherren nicht als Studien- und Schauobjekte, sondern als "die Alten", deren Kultur die eigene Jugend inspirieren soll und deren Andenken zu ehren ist. Bleichgesichter haben Zutritt - allerdings nur nach vorheriger Anmeldung und in Begleitung eines Ute-Führers.

Der Trip in das amerikanische Mittelalter beginnt im Büro des Tribal Park 30 Kilometer südlich von Cortez an der US 666. Dort werden wir in einen altersschwachen Ford Pick-up geladen, der dem Mancos River auf holperiger Piste in den gleichnamigen Canyon folgt. Hundert Meter hohe Felswände rechts und links ließen an Hinterhalte denken, reisten wir 120 Jahre früher. Bis 1300 nach Christus schufen die Alten hier eine Hochkultur, die denen Mexikos ebenbürtig war. "Anasazi" nennen sie die Nachbarn der Utes, die Navajo, und dieser Name ist heute der geläufigste, auch wenn er wenig schmeichelhaft "alte Feinde" bedeutet. Bis 1100 nach Christus perfektionierten die Anasazi ihre Baukunst mit mehrstöckigen Steinhäusern, den Pueblos, und runden Zeremonienhäusern, den Kivas. Um 1200 nach Christus zogen sie von der Hochebene hinab in die schwerer zugänglichen Canyons. In ovale Aushöhlungen bauten sie ihre hängende Städte, fahlgoldene, bienenkorbartige Gemeinwesen, die 50 bis 1500 Menschen Platz boten. Die im Mesa Verde National Park wurden weltberühmt.

Der Ute Mountain Tribal Park ist dagegen so leer wie der Mond. Unser Pick-up rumpelt auf unbefestigten Serpentinen auf das Dach der Mesa und parkt zuletzt in einer Staubwolke. An der Kante des Lion Canyon hat jemand "The spirits are watching you" auf ein Pappschild gekritzelt. Der Canyon ist 300 Meter tief. Auf drei wackeligen Leitern geht es zunächst 30 Meter hinab. Am Fuß der Leiter windet sich ein schmaler Pfad immer am Abgrund entlang bis zum Ende des Canyons. Kein Luftzug regt sich, es ist still. Wo der Fels in Schräglage geht, sind ovale, Fußspuren-ähnliche Vertiefungen im Sandstein zu sehen. "Anasazi-Treppen", sagt unsere Ute-Führerin Veronica. "Die Alten kletterten auf ihnen hinauf zu ihren Feldern auf der Mesa." Tausend Jahre alte Grafitti begleiten nun in Augenhöhe den Pfad. Jäger mit Pfeil und Bogen sind zu erkennen, wilde Tiere und Frauen mit stilisiertem Kopfschmuck.

Dann kommt ein gewaltiger Felsbrocken, und dann: "Tree House", sagt Veronica nüchtern. Aus dem Schatten tauchen die Umrisse mehrstöckiger Häuser, eines Turms und einer Kiva auf. Lion Canyon war von 1050 bis 1225 nach Christus bewohnt. Wir inspizieren ein Dach und versuchen die Spuren zu lesen. Schwere Baumstämme ruhen auf den Mauern, darauf liegen noch immer die fast tausend Jahre alten, geflochtenen Matten. An einigen Stellen klaffen Löcher. "Das stürzt bald ein", konstatiert Veronica. Die Utes werden jedoch alles so lassen, wie es ist. Die Ruhe der Alten soll nicht gestört werden.

Die letzte Ruine ist Eagle's Nest. Der Name passt: Zur festungsartigen Anlage führt nur eine zehn Meter hohe Leiter. Oben kriechen wir durch eine Felsspalte, die erst kurz vor einer Platzangst-Attacke hoch genug zum Stehen wird. Veronica klopft den roten Staub aus ihren Jeans. Hier lebten 60 bis 70 Menschen. Dreistöckige Häuser mit kleinen Räumen, die hölzernen Fensterrahmen sind noch zu sehen. Zwei Kivas sind nahezu intakt. Warum zogen die Alten von der Mesa-Oberfläche hinunter in die Canyons? Veronica lächelt. Hungersnöte im 13. Jahrhundert, das sei die geläufige Theorie, und Kriege um immer knappere Ressourcen sollen die Alten in die Felsspalten gezwungen haben. Um 1300 habe es für sie auch dort keine Zukunft mehr gegeben. Sie gaben ihre hängenden Städte auf und zogen weg. Wohin? Die Überlieferungen der Hopi, der Nachfahren der Anasazi, berichten von einer Völkerwanderung nach Süden, von großem Leid und vielen Toten.

Ein Adler zieht im Lion Canyon seine Kreise. Auf der anderen Seite der Mesa Verde stapfen die Touristen jetzt zu ihren Bussen zurück. Die Ranger sind ungeduldig, sie wollen Feierabend machen. Veronica nicht. Sie setzt sich auf die Kante von Eagle's Nest und beobachtet einen in der warmen Thermik schwebenden Adler. "Die Geister beobachten uns", sagt sie leise und rollt eine Scherbe zwischen ihren Fingern.

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