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08. Dezember 2016, 05:11 Uhr

Van-Nomaden in Australien

Freiheit, die süchtig macht

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Nicht nur Urlauber lieben ihr Camperleben in Down Under. Auch Tausende Australier genießen die Freiheit des Nomadentums - rund ums Jahr, immer auf der Jagd nach Sonne und Wellen.

Eigentlich findet Roger sein Wohnmobil viel zu spießig. Helles Furnierholz, beige Vorhänge, Fake-Fliesen aus PVC: "Es trägt nicht wirklich meinen Spirit." Trotzdem fährt er mit diesem Auto seit zehn Jahren kreuz und quer durch Australien. Klar hätte er in der Zeit die Ausstattung ändern können, sagt Roger, der viele Jahre als Tischler gearbeitet hat. "Aber das ist mir zu viel Arbeit."

Roger ist 65, gebürtiger Australier und ohne festen Wohnsitz. Sein Zuhause ist sein Wohnmobil. "Manche Leute gucken mich mitleidig an, wenn ich das erzähle. Aber ich würde meinen Van nicht mit dem schönsten Strandhaus tauschen. Ich liebe diese Freiheit."

In Australien gibt es Tausende Van-Nomaden wie Roger. Weil viele von ihnen wild campen, gibt es keine genaue Statistik - nur die Erkenntnis, dass Camping im eigenen Land bei Australiern immer beliebter wird: 2015 stieg die Zahl der Camping-Übernachtungen um 15 Prozent auf gut 49 Millionen, "nichtgewerbliche" Übernachtungen in freier Wildbahn mitgezählt. Wie viele davon dauerhaft in ihrem Mobil wohnen, wird nicht erhoben.

Auf der Jagd nach Wellen und Sonne

Roger zum Beispiel hat, seit er mit 18 von zu Hause auszog, den Großteil seines Lebens in mobilen Heimen verbracht. Im VW-Bulli, im umgebauten Oldtimerbus - sogar auf einem Katamaran lebte er ein paar Jahre. Zwischenzeitlich baute er in Byron Bay, an der Ostküste Australiens, ein Haus für seine damalige Frau und die drei Kinder. "Aber das sesshafte Leben machte mich mit der Zeit unglücklich."

Er verkaufte das Haus und von den Erlösen legte er sich das Boot zu, auf dem er zusammen mit seiner Familie sechs Jahre lang wohnte. "Die Möglichkeit zu haben, jederzeit seine Zelte abzubrechen und dahin zu fahren, wo die Sonne scheint und der Wind weht - das macht süchtig", sagt der Mann mit der braunen Haut und dem grauen Haarkranz.

Vor sieben Jahren entdeckte er Kitesurfen für sich. Wenn das Wetter mitspielt, lässt er sich jeden Tag von seinem Lenkdrachen übers Wasser ziehen. Die Weite des Kontinents kommt ihm dabei zugute: Wenn es im australischen Winter im Süden ungemütlich wird, fährt er 3000 Kilometer weiter in den tropischen Norden. Dort sind es selbst im Winter noch 30 Grad.

Die Gründe für ein Leben auf der Straße sind so verschieden wie die Fahrzeuge, in denen die Camper wohnen: Auf der Jagd nach Wellen und Sonne brauchen Surfer ein robustes Auto, mit dem sie zu abgelegenen Stränden kommen - oft spärlich ausgestattete Campingbusse mit Allradantrieb. Dauercamper im Rentenalter, graue Nomaden genannt, versüßen sich die Zeit nach dem Arbeitsleben mit ausgedehnten Reisen. Sie parken ihre Wohnmobile häufig auf Campingplätzen und haben alles dabei, um sich vor Ort häuslich einzurichten.

Für andere ist das Nomadenleben eine Art Therapie. Als Jacks Frau vor zwei Jahren an Krebs starb, baute er für sich und seine drei und fünf Jahre alten Söhne einen alten Schulbus zum Campingmobil aus und fuhr einfach los. "Ich wusste nicht wirklich, wohin - nur, dass wir raus mussten und Zeit für uns brauchten."

"Das einfache Leben hat mich gepackt"

Sie fuhren von einer Skateboard-Rampe zur anderen: "Beim Skaten schienen die Jungs alles zu vergessen", sagt Jack, den Kindern tat die Ablenkung gut. "Da hatte ich die Idee, mit ihnen so viele Rampen abzuklappern wie möglich." Das taten sie in den folgenden anderthalb Jahren und mehr als 15.000 Kilometern: Sie umrundeten Australien und drehten unterwegs auf Dutzenden Rampen ihre Runden.

"Eine unglaublich gute Zeit, die uns zusammengeschweißt hat, aber auch nicht immer leicht war", erzählt Jack. "Wenn du zu dritt im Bus wohnst, musst du auf vieles verzichten." Die drei hatten zwar eine Chemietoilette an Bord, aber keine Dusche. "Wir haben uns im Meer gewaschen, an öffentlichen Strandduschen oder mit dem guten, alten Waschlappen."

Auch der begrenzte Stauraum sorgte für Veränderungen: Wollten die Kinder ein neues Spielzeug haben, mussten sie ein altes dafür aussortieren. "Die Jungs haben viel mehr mit Stöcken und Steinen gespielt als früher", sagt Jack. "Anders geht es auch nicht. Auf so engem Raum müllst du dich leicht zu - und wirst wahnsinnig."

Mittlerweile sind die drei zurück in ihrem Heimatdorf nördlich von Perth - der Schulbesuch stand an. Jack hat einen Bungalow angemietet, der Bus steht im Vorgarten. "Ich würde schon gern wieder los. Spätestens, wenn die Jungs aus der Schule raus sind", sagt er. "Das ständige Unterwegssein, das einfache Leben - das hat mich gepackt."

Einfach den Motor anschmeißen

Auch Kitesurfer Roger reizt der Verzicht am Leben ohne festen Wohnsitz. "Alles, was ich brauche, ist das bisschen Zeug auf meinen paar Quadratmetern." Er lebt von seinem Ersparten und Geld aus einer Erbschaft. "Wenn ich zur Miete wohnen würde, würde mein Geld nicht reichen. Aber so komme ich gut hin." Er campt wild und lebt vor allem von Sonderangeboten im Supermarkt.

Rogers Frau wollte das Nomadenleben irgendwann nicht mehr mitmachen. Vor zehn Jahren trennten sich die beiden. Seine Kinder kommen ihn ab und zu besuchen. "Aber meistens komme ich zu ihnen. Ich bin ja derjenige, der ständig unterwegs ist."

Vermisst er nicht doch manchmal ein festes Dach über dem Kopf? "Nein. Ich bin heilfroh, dass ich weder den Zaun streichen noch den Rasen mähen muss. Und wenn ich Streit mit dem Nachbarn habe, schmeiße ich den Motor an und fahre einfach weiter."

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