Vancouver Island An der wilden Küste des Zwei-Sterne-Wals

Schwarzbären, 800 Jahre alte Baumriesen und ein Herde Grauwale, die in den Pazifikwellen ihre Kreise zieht: Vancouver Island ist ein wildes Naturparadies. Seit zehn Jahren hat sich die Westküste der größten Insel Kanadas zu einem Touristenmagneten entwickelt.


Die Brandung schlägt fast einen Meter hoch und macht einen Höllenlärm. Alle paar Sekunden kracht eine Welle auf den harten Sand und auf die toten Baumstämme, die überall am Ufer liegen. "Willkommen an Kanadas Strand Nummer eins", sagt Natalie Haltrich und breitet die Arme aus, als wolle sie zeigen, wie groß der Long Beach bei Tofino ist. In beide Richtungen reicht der Blick Kilometer weit.

Ein feinsandiger Traumstrand zum Faulenzen ist das hier nicht. Für Sonnenanbeter ist das Wetter viel zu wechselhaft, und in den kalten Pazifik trauen sich die meisten Surfer auch im Sommer nur im Neopren-Anzug. Doch dafür passt Long Beach perfekt zu der Insel, an deren Westküste er liegt, er ist genau so wild und naturbelassen wie alles andere auf Vancouver Island. Wellen, Wälder und Wale - wer im Urlaub nach einer derartigen "WWW-Adresse" sucht, wird auf der großen Insel im Südwesten Kanadas fündig.

Natalie Haltrich arbeitet als Touristenführerin. Sie unternimmt mit ihren Gästen mehrtägige Kajakausflüge oder begleitet sie zum Wandern im Pacific Rim Nationalpark - zum Beispiel auf den Spuren von Schwarzbären, von denen es auf Vancouver Island viele gibt. Auch am Long Beach sind Spuren zu finden. Haltrich hat rasch ein "großes Geschäft" entdeckt, das ein Gevatter Petz am Ufer hinterlassen hat. "Dass es von einem Schwarzbären stammt, beweisen die vielen unverdauten Heidelbeeren", sagt sie. "Und weil diese Stelle bei Flut überspült wird, kann er erst vor wenigen Stunden hier gewesen sein." Bei so einer Auskunft wird einem dann doch etwas mulmig zumute.

Früher Hippies, heute Strandgebühren

Long Beach liegt zwischen Tofino und Ucluelet, den touristischen Hauptorten an der Westküste Vancouver Islands. Von der Hauptstadt Victoria trennt den Strand eine fünfstündige Autofahrt, die zunächst an der Georgia-Straße entlang führt, dem breiten Wasserweg zwischen Insel und Festland. Bei Parksville zweigt dann der Highway Nummer vier zum Pazifik ab und führt ab Port Alberni nur noch durch wilde, bergige Natur. Es ist die einzige Teerstraße, die gen Westen führt, und das auch erst seit 1959. Damals lebten nur 300 Menschen in Tofino.

Vancouver Island: Größte Insel an der nordamerikanischen Westküste
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Heute hat der Ort 1500 ständige Einwohner, während der Saison im Sommer halten sich aber bis zu 30.000 Menschen dort auf. "Hier hat sich alles ganz schön verändert", sagt Haltrich. "In den achtziger Jahren war Tofino noch ein Hippie-Ort. Die Touristen haben am Strand geschlafen, viele waren per Anhalter unterwegs. Doch vor etwa zehn Jahren ging es los, dass alles etwas schicker wurde, dass zum Beispiel das Parken vor den Stränden Geld kostete." Wer in der Hochsaison mit dem Campingwagen kommt, muss heute bis zu 50 kanadische Dollar (37,50 Euro) Standgebühr bezahlen - nicht etwa pro Woche, sondern pro Nacht.

Woran liegt es, dass Tofino und der Pacific Rim Nationalpark so beliebt geworden sind? Für Jay Gildenhys, der im Ort ein Restaurant betreibt, ist die Sache völlig klar. "Die Touristen kommen wegen der Kombination aus Naturerlebnis und gutem Essen", glaubt er. Es gebe in Tofino eine enorme gastronomische Bandbreite und hervorragende Meeresspezialitäten. Auf den Karten stehen vor allem Heilbutt und Lachs, allein davon gibt es laut Gildenhys fünf verschiedene Arten. Dazu kommen der sattgrüne Küsten-Regenwald und die Touren zur Walbeobachtung im Pazifik, die in Tofino und Ucluelet angeboten werden - die Mischung stimmt, die Urlauber mögen das.

Ein Meter hohe Brandung? Ein Witz!

"Welcome to the wet coast" - "Willkommen an der nassen Küste". Mit diesem Wortspiel begrüßt an Tagen wie heute Charles McDiarmid seine Westküsten-Gäste. Der Hotelier aus Tofino kann sich noch gut an die Jahre erinnern, in denen es kaum Urlauber in diesen Teil von Vancouver Island verschlug. "Der Pacific Rim Nationalpark wurde 1971 gegründet, damit ging der Tourismus hier zwar los. Richtig bekannt wurde Tofino aber erst, als es in den Jahren 1985 bis 1995 harte Auseinandersetzungen zwischen Umweltschützern und Holzindustrie gab", sagt er. Es ging dabei um große Regenwald-Areale, die gefällt werden sollten. "Und jeder wollte dann die Bäume sehen, die fast umgehauen wurden."

In seinen Hotelzimmern hat Charles McDiarmid unter anderem "Der Sturm" von Sebastian Junger ins Bücherregal stellen lassen. Das ist kein Zufall. Viele Gäste kommen inzwischen auch im Herbst und im Winter, wenn der Pazifik mit seiner ganzen Kraft Wellen gegen Vancouver Island schleudert, die die sommerliche Ein-Meter-Brandung an Long Beach wie einen Witz erscheinen lassen. "Storm watching", "Sturm gucken", nennen das die Hoteliers und freuen sich über die Saisonverlängerung.

Eine andere Betrachtung lockt dagegen im Sommer: Walbeobachtung ist einer der wichtigsten Gründe für Urlaub auf Vancouver Island. Seit "Jamie's whaling station" 1982 ihren Betrieb aufnahm, haben sich in Tofino zehn Ausflugsunternehmen etabliert, drei gibt es in Ucluelet. Für 85 Dollar (64 Euro) geht es für drei Stunden an Bord, um zwischen den vielen Inseln an der stark zerklüfteten Westküste Grauwale zu suchen.

Bis zu 14 Meter lange Wale

Jedes Jahr im Frühling wandern rund 20.000 der bis zu 14 Meter langen Meeressäuger von Mexiko nordwärts nach Alaska, im Herbst geht es dann zurück in wärmere Gefilde. Etwa 50 Grauwale machen aber nicht die ganze weite Reise mit, sondern bleiben den Sommer über in der Nähe von Tofino. In der Tat ist beim Bootsausflug bald einer von ihnen gefunden, voller Entzücken fotografieren die Gäste, wie der Wal beim Abtauchen seine Flosse in die Luft hebt. "Den hier nennen wir wegen der Punkte auf seiner Haut 'Two Dot Star'. Er kommt schon mindestens seit 1976 jedes Jahr nach Tofino", erzählt Kapitän Bruce Adams. Auch Buckelwale lassen sich hier, je nach Saison, beobachten.

Die meisten Touristen führt die Rückreise von Tofino oder Ucluelet nach Südosten, zurück nach Victoria. Ein Stopp lohnt dabei stets in Cathedral Grove nahe des Cameron Lake, wo bis zu 800 Jahre alte Baumriesen einen verwunschen erscheinenden "Zauberwald" bilden. 70 bis 80 Meter hohe Douglasien und Rotzedern stehen hier, mit Moos bewachsen und von Farnen und Hemlocktannen umgeben, Seite an Seite. Ein Schild mahnt Besucher, auf das Rauchen zu verzichten. Denn ein Feuer wäre in diesem Naturparadies eine nationale Tragödie.

Christian Röwekamp, gms



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