Bedrohte Urwälder auf Vancouver Island Lonely Doug, der Baum

Sie tauften Bäume auf Mordor Tree oder Castel Giant: Die Umweltaktivisten von Vancouver versuchen, so die größten Urwälder der nordamerikanischen Westküste zu schützen. Ein Fotograf führt in die Wildnis.

Oliver Gerhard/ SRT

Von Oliver Gerhard


Was für ein Chaos! Riesige Baumstämme türmen sich wie nach einem Wirbelsturm. Die meterlangen Wurzeln eines umgestürzten Kolosses sehen aus wie ein Riesenkalmar, der seine Arme nach den Wanderern ausstreckt. Manche sind von Würmern und Käfern zersetzt - man watet förmlich durch Holzmehl. Dichtes Moos überzieht die Stämme.

Ein fast verwunschen wirkender Urwald wächst in Walbran Valley an der Westküste von Vancouver Island. Das Gebiet ist so abgelegen, dass sich nur wenige Wanderer in den "Emerald Grove" verirren, den "Smaragdhain", um hier unter Vorhängen aus Flechten in grün leuchtenden Pools zu baden. Weiche Samenteppiche bedecken den Boden - Eichhörnchen haben in den bis zu 80 Meter hohen Wipfeln der Küstentannen an den Zapfen genagt.

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Vancouver Island: Lovely Doug, der Baum

Was aussieht wie Wanderwege sind eigentlich "Prankenwege", ausgetreten von Bären auf ihren Routen. Gelbe Bananenschnecken kriechen auf der Suche nach frischen Pilzen durch das Dickicht. Manche Stämme sind verdreht wie Korkenzieher, andere von Spechten zerlöchert. Einige besondere Bäume tragen Namen wie der "Mordor Tree" oder der "Castle Giant".

"Wer weiß, wie lange es diesen Wald noch gibt", sagt TJ Watt. Farbkleckse und Flatterbänder markieren Bäume, die gefällt werden sollen, darunter jahrhundertealte Western Red Cedar, auf Deutsch Riesenlebensbäume. Watt, drahtig und mit auffälligen roten Haaren, hat sich als Guide für Wanderer und Fotografen selbstständig gemacht. Und er engagiert sich in der "Ancient Forest Alliance" für den Schutz der Regenwälder.

Drei Viertel des Urwalds ist verloren

"In der High School habe ich kein Wort über unsere Wälder gelernt", sagt TJ, der schon als Teenager mit seiner Kamera durch die Wildnis wanderte. Erst von Naturschützern erfuhr er, dass Kanada als eines der letzten westlichen Länder immer noch seine Urwälder abholzt.

Bei der Ankunft der ersten Europäer Ende des 18. Jahrhunderts war Vancouver Island noch fast vollständig von Urwald bedeckt. "Drei Viertel davon sind vernichtet", sagt Watt, "In den Flusstälern mit der höchsten Artenvielfalt sogar 90 Prozent." Nur knapp zehn Prozent der Urwälder stehen unter Naturschutz. Doch nach wie vor schneidet sich die Holzindustrie Stück für Stück davon heraus.

Dabei ist der gemäßigte Regenwald der amerikanischen Pazifikküste besonders wertvoll: Er bremst den Klimawandel, weil er besonders viel Kohlendioxid speichert. Er dient mehr als 400 höheren Tier- und Pflanzenarten als Lebensraum. Und er ist durchzogen von klaren Flüssen - Laichgründe der Wildlachse. Den Ureinwohnern diente er immer als Drogerie und Apotheke, als Supermarkt und Holzdepot.

Doch mittlerweile wehren sich Umweltaktivisten. "An Bäume ketten wir uns dafür allerdings nicht", sagt TJ. "So glamourös ist unsere Arbeit nicht." Stattdessen sprechen sie mit Politikern, Wirtschaftsvertretern, Gewerkschaftern. Und errangen schon einen Sieg: Nach zweijährigem Kampf wurde der Urwald "Avatar Grove" nahe Port Renfrew unter Schutz gestellt - unter anderem, weil sich die örtliche Handelskammer auf die Seite der Umweltaktivisten stellte.

Vom Holzfällerdorf zum Touristenort

Den Namen Avatar Grove hat TJ sich ausgedacht: "Damals begeisterte der Film 'Avatar' die Kinogänger", erklärt er. "Als wir den Wald danach benannten, griffen das alle Medien auf." Auch einzelne Bäume bekamen einen Namen, so wie 'Lonely Doug': Die mit 70 Metern zweitgrößte Douglasie Kanadas, die ein Forstarbeiter als einzige bei einem Kahlschlag stehen ließ, wurde zu einem Wahrzeichen des Widerstands.

TJ begleitet den Kampf mit der Kamera - seine Fotos von abrasierten Hängen, die aussehen wie nach einem Hurricane, finden Beachtung in vielen Medien. "Die Kamera ist mein mächtigstes Werkzeug, um die Orte zu schützen, die ich liebe", sagt er pathetisch. Später kamen Filme dazu, die er mit Hilfe einer Drohne produziert. Heute zieht der Wald der Avatare Besucher aus aller Welt an und das einstige Holzfällerdorf wandelt sich zum Touristenort.

Die Kamera im Gepäck, bringt TJ Watt regelmäßig Gäste in die grüne Kathedrale, in der gigantische Fichten, Douglasien und Riesen-Lebensbäume das dichte Dach bilden. Aus umgestürzten Stämmen sprießen Farne und neue Triebe. Immer wieder packen die Besucher ihre Stative aus und posieren neben den Giganten, um die Dimensionen in Szene zu setzen. Jedes Foto, das im Internet geteilt wird, erhöht die Aufmerksamkeit für den Wald und sein Schutzbedürfnis.

Urwälder auf Vancouver Island
Anreise
Zahlreiche Fluglinien steuern Vancouver an (z.B. KLM oder Air Canada). BC Ferries bietet Fährverbindungen nach Vancouver Island
Unterkunft
Wild Renfrew in Port Renfrew umfasst geräumige Cottages am Meer mit Küche, Kamin und Terrasse (DZ ab 130 Euro, Tel. 001/844/6475541) Das einstige Fischerdorf Telegraph Cove wurde in ein Resort mit Zimmern und Hütten verwandelt (DZ ab 75 Euro, Tel. 001/1800/2004665)
Touren
Die Urwälder rund um Port Renfrew stehen im Fokus von Big Tree Tours von TJ Watt (ab 100 Euro p.P., Tel. 001/250/8885405) Geführte Paddeltouren zu einem Urwald im Einbaumkanu bietet die T´ashii Paddle School in Tofino (4 Std., 60 Euro p.P., Tel. 001/250/266 3787)
Auskunft

Der Autor Oliver Gerhard vom Journalistenbüro srt recherchierte mit Unterstützung von Tourism British Columbia.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
max-mustermann 18.04.2019
1.
Der Mensch gibt eben keine Ruhe bevor nicht auch das letzte bisschen Natur zerstört ist, hauptsache die Kasse klingelt. Ich habe die Hoffnung schon lange aufgegeben.
braumoeller73 18.04.2019
2. Der Forschung helfen
Wer sofort etwas zur Klimarettung beitragen will, kann zum Beispiel der Forschung helfen, alte handschriftliche Wetteraufzeichnungen zu uebertragen (Luftdruck, Temperatur, Regenmenge). Citizen-Science! www.zooinverse.org
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