Verrückt reisen Per Anhalter durch die Antarktis

Daumen hoch: Seit sieben Jahren ist Ben Bachelder aus Kalifornien Hitchhiking-Profi. Sogar in der Antarktis fand er problemlos Fahrgelegenheiten. Im Anhalter-Kurs für Anfänger verrät er sein Erfolgsgeheimnis.


Ich bin bisher in 34 verschiedenen Ländern per Anhalter gereist. In Vietnam haben mich Drogenschmuggler mitgenommen, in Deutschland ging es mit 235 km/h über die Autobahn, in der Türkei wollte mich ein Truckfahrer begrapschen. Dagegen war es das reinste Zuckerschlecken, per Anhalter die Antarktis zu erkunden - und trotzdem einmalig.

Ich arbeitete im Dezember 2006 als Monteur auf der amerikanischen McMurdo-Station, reparierte dort Lampen, Lüftungen und Heizungen. Zur Arbeit auf einer Flugzeug-Landebahn fuhr ich aus reiner Gewohnheit per Anhalter. Insgesamt habe ich in der Antarktis knapp 250 Kilometer per Anhalter zurückgelegt - das dürfte Rekord sein, denn für größere Strecken nimmt man hier sowieso das Flugzeug.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Zufallsausflug. An einem meiner ersten freien Tage nahm mich ein Fahrer zum Flugzeugwrack der "Pegasus" mit - das ist ein Militärflugzeug, das 1970 dort abgestürzt ist. Hätte ich nicht zufällig an dem Tag am Wegesrand gestanden, hätte ich wohl nie von seiner Existenz erfahren.

Im Pistenbully auf der Route 66

Auch wenn ich in vielen Ländern war - die Antarktis ist mein absoluter Lieblingsort weltweit. Die Gemeinschaft unter den Arbeitern ist großartig, die landschaftliche Schönheit atemberaubend, und Hitchhiken macht hier besonders viel Spaß - selten zuvor lernte ich eine solche Vielfalt an Beförderungsmitteln kennen. Oft waren meine Fahrgelegenheiten kleinere Allrad-Trucks, manchmal aber auch Pistenbullys oder mächtige Delta-Schneefahrzeuge.

Richtig schnell geht es hier selten voran - denn selbst ein Streckenstück namens "Route 66" ist in der Antarktis Tempo-30-Zone. Nach ein paar Wochen war ich so etwas wie eine lokale Berühmtheit unter den 1000 Arbeitern auf der Station. Die Leute wussten schon: Wenn sie einen Hitchhiker am Wegesrand sehen, bin das höchstwahrscheinlich ich.

Es war überhaupt kein Problem, mitgenommen zu werden. Keiner fuhr vorbei, wenn er noch einen Platz frei hatte. Leider ist die Verkehrsdichte in der Antarktis nicht allzu hoch - einmal musste ich 40 Minuten bei minus zehn Grad warten, bis ein Fahrzeug kam.

Wenn ich euch als Profi-Hitchhiker einen Tipp geben soll: Bringt ein wenig Geduld mit und versucht, nicht wie ein Penner auszusehen, sondern ungefährlich, freundlich und interessant. Ich habe mir neulich einen neongelben Leucht-Overall mit aufgemaltem Daumen gebastelt - das hilft.

Aufgezeichnet von Stephan Orth



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