Victoria Australiens Antwort auf den Mississippi

Jedes Land hat seinen Fluss der Legenden. In Deutschland ranken sie sich um den Rhein. In Australien lebt der Murray River im Herzen der Nation.
Von Hilke Maunder

Darren Mann diskutiert nicht. "Der Murray ist Australiens Antwort auf den Mississipppi - längst nicht so lang, aber mindestens ebenso legendär." Seit zwölf Jahren schippert der 37-Jährige den zweitlängsten Fluss des Landes auf und ab. Sein Schiff: der Paddlesteamer P.S. Emmylou. Optisch ein historischer Raddampfer aus der Blütezeit der Flussschifffahrt, tatsächlich erst 1980-82 erbaut. Historisch ist einzig die Dampfmaschine von 1906, die unter Deck mit Holz befeuert wird.

Im Bistro werden die Tische zum Dinner gedeckt. Wasser oder Wein in der Hand, genießen die Passagiere die letzten Strahlen der Sonne auf dem Oberdeck. Für 18 von ihnen sind die Betten an Bord gerichtet. In den hölzernen Kajüten stehen Stockbetten, daneben ein Waschtisch - Ambiente wie einst, ergänzt mit Duschen und Toiletten auf beiden Decks.

Mit einem ohrenbetäubenden Kreischkonzert verabschieden Hunderte von Kookaburras und Currawongs den Tag. Rosa-weiße Galahs huschen zwischen Eukalyptuswipfeln umher. Dann plötzlich Stille. Ein Meer von Sternen erhellt die Nacht. "Auf seinem Weg von den Bergen zur See schlängelt sich der Murray in wechselnden Farben und Formen wie die Rainbow Serpent im Aboriginal Dreaming", erzählt Kapitän Mann auf der Brücke, korrigiert das riesige Steuerrad und lässt den Blick wieder über die nachtschwarzen Fluten gleiten. "Sieht doch auch ziemlich mystisch aus, oder?".

Eine Karte, in Tinte handgemalt, hält sich an die Fakten. Sie zeigt: Australiens berühmtester Fluss entspringt 40 Kilometer vor dem höchsten Berg des Landes, dem 2228 Meter hohen Mount Koskiusko. Der junge Fluss ist in den Australischen Alpen ein Abenteuerland für Adrenalinsüchtige mit Whitewater Rafting, Wildnis-Wanderungen und Fliegenfischen. Im weiterer Lauf bildet er fast die gesamte nördliche Grenze Victorias zum Nachbarstaat New South Wales. Zwischen Swan Hill und Mildura ist der Murray fest in der Hand der Hausbootkapitäne, Badenixen und Hobbyangler. Eukalyptuswälder und feinsandige Strände säumen sein Ufer, dann Obstplantagen und Weingüter. Im äußersten Nordwesten Victorias schlängelt sich der Murray durch wüstenähnliche Landschaften. Nach 2575 Kilometern mündet der "Mighty Murray" in Südaustralien bei Adelaide ins Meer.

Vor mehr als 40.000 Jahren jagten und lagerten die Ureinwohner an seinem Ufer. Um 1830 kamen die ersten europäischen Pioniere. Der Murray wurde ihre Lebensader, bewässerte ihre Felder, transportierte ihre Güter. Um 1873 waren 240 Raddampfer auf dem Murray unterwegs. Echuca, am Zusammenfluss von Goulburn River, Campaspe und Murray gelegen, wurde Zentrum des Schiffbaus und wichtigster Binnenhafen Australiens. Dampfbetriebene Hafenkräne verluden jährlich Wolle und andere Waren im Wert von mehr als einer Viertelmillion Pfund. Dann bereitete das Automobil dem Aufschwung ein Ende. 1920 war der Hafen am Ende, die Werft ohne Arbeit. Die Stadt vergaß ihren Fluss. "Das war unser Glück", sagt Echucas Tourismus-Managerin Maureen Bennett.

Heute ist das Hafenviertel, seit 1975 unter Denkmalschutz, die Touristenattraktion des Ortes. Der gesamte Kai ist Museumskomplex. Hölzerne Treppen führen hinunter zur größten Flotte von Schaufelraddampfern weltweit. Hinter historischen, in Echuca gebauten Raddampfer wie P.S. Pevensey und P.S. Adelaide, liegen Hausboote, schwimmende Eigenheime mit ungewohnter Optik und Ausstattung. "Alles wie an Land", erklärt Maureen Montgomery (55) von Rich River Houseboats. "Eine voll eingerichtete Küche samt Mikrowelle und Waschmaschine, ein geräumiges Schlafzimmer, selbst die Ledergarnitur im Wohnzimmer fehlt nicht." Das Upper Deck verführt zum Faulenzen. Neben dem Jacuzzi stehen Sonnenliegen; auf dem Grill garen hummerartige Murray Crays, Dorsch und Barsch. Bis zu zehn Personen haben auf den Hausbooten Platz. Schippern kann jeder, ein Sportbootführerschein ist nicht erforderlich. Selbst das Anlegen ist kinderleicht: Die "Boote", rechteckige Pontons mit Aufbauten, werden auf den Strand gefahren und an einem Eukalyptusbaum vertäut. Staustufen und Schleusen begrenzen die einzelnen Reviere: Echuca, Swan Hill und Mildura.

Wie eine grüne Oase liegt Mildura vor Steppe und Wüste. Bei Wentworth, 30 Kilometer westlich, vereint sich der Murray River mit dem Darling, dem längsten Fluss des Landes, zu einem mächtigen Strom. Während im nahen Murray Outback die weitläufige Moorna Station mit Allradtouren auf 4W-Motorrädern die Einkünfte aus der Schafzucht aufbessert, hat Bewässerung rechts und links der beiden Flüsse das rote Land in "Sunraysia" verwandelt, Australiens größtem Produzenten von Rosinen, Zitronen und Orangen. 40 Prozent der Trauben für australischen Wein stammen von hier - und sorgten lange für den Ruf, nur Masse statt Klasse zu produzieren. Trentham's Estate Winery beweist das Gegenteil: Das Weingut, das sich auf acht italienische Trauben spezialisierte, hat bereits mehr als 50 Medaillen auf internationalen Weinmessen gewonnen. Stefano de Pieri (47) machte Mildura zum Mekka für Feinschmecker. Seine Fernsehshow "A Gondola on the Murray" zeigte, welche Gourmetgerichte sich mit Produkten aus Mildura zaubern lassen. Die Rezepte zum Nachkochen liefert ein Kochbuch. Sein Restaurant wurde im Herbst 2002 von den Kritikern des "The Age Good Food Guide" als bestes Restaurant 2003 ausgezeichnet. Eine Speisekarte gibt es nicht - die Gäste vertrauen Stefanos kulinarischen Inspirationen und essen, was er ihnen fünf oder sechs Gänge lang serviert.

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