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Victoria-Fälle: Afrikas sprudelndes Herz

Foto: © Reuters Photographer / Reuters/ REUTERS

Victoria-Fälle Engel am Abgrund

An der Grenze zwischen Sambia und Simbabwe wird der Sambesi-Fluss zur Bestie: Der längste Wasserfall der Welt stürzt sich in die Tiefe. Hier jagen Krokodile ihre Beute - doch die wahre Bedrohung sind die Touristen.
Von Sebastian Poliwoda

Mittagszeit im Resorthotel Zambezi Sun: Weißhäutige Gäste lümmeln vor Gurken-Sandwiches und dem ersten Bier des Tages gelangweilt im getrimmten Garten. In gebührendem Abstand, hinter ausladendem Pool und Sonnenterrasse, stimmen auf einer zeltähnlichen Bühne fünf Einheimische mit Hammond-Orgel und elektrischem Schlagzeug vermeintlich afrikanische Weisen an. Moses Banpeter kann darüber nur die Augen verdrehen. "Das ist schlimm." Der 56-jährige Gärtner kennt die benachbarten Victoria-Fälle noch, als pro Jahr nur ein paar tausend Touristen kamen. "Das war eine andere Welt."

Eine Welt, die heute kaum noch vorstellbar ist. Denn der längste Wasserfall der Welt an der Grenze zwischen Sambia und Simbabwe - doppelt so hoch und eineinhalbmal so breit wie die Niagarafälle - ist eine der berühmtesten Sehenswürdigkeiten Afrikas und steht auch bei vielen WM-Touristen auf dem Reiseplan.

Das Herz von Afrika, hier pulst es, hier pumpt es. Die Kololo, die im 19. Jahrhundert kamen und siedelten, nannten die Fälle Mosi-oa-Tunya, "donnernder Rauch". Gurgelnder Zorn wäre treffender, insbesondere jetzt, von März bis Juli, nach der Regenzeit. Dann strömt all das Wasser in den Koronarvenen zum Herzen von Afrika. Es kommt weit her aus dem Westen, aus Angola, dem Kongo, Botswana und Namibia. Aus dem Flussgeflecht des Caprivi-Streifens, aus dem Kwando, dem Chobe, dem Luanginga und dem Kabompo. Kranzförmig strömen die Flüsse auf die Victoria-Fälle zu, um sich 60 Kilometer davor im Sambesi zu vereinen.

Die Menschen leben von diesem Fluss, den Fällen und den Touristen - gut eine Million kommen pro Jahr. Von denen lebt auch Joyceline Mutumba. Die 29-Jährige kellnert auf einem der vielen Sambesi-Ausflugsdampfer oberhalb der Fälle. Jetzt steht sie am Ufer, betrachtet das graublaue Gurgeln und hält ihren Arm in die Sonne. Zwei fingerdicke Narben glänzen silbrig auf ihrem Unterarm. "Das war das verdammte Krokodil, ich bekomme heute noch Gänsehaut vor Angst." Und das bei 32 Grad im Schatten.

Es zischt, faucht und dröhnt

Der Sambesi ist der viertlängste Fluss Afrikas nach Nil, Kongo und Niger. 2660 Kilometer erhabenen Wassers, das sich gemächlich durch die Savanne schiebt. Je näher der Sambesi jedoch der Kante der Victoria-Fälle kommt, umso mehr geht er in die Breite, nimmt Fahrt auf, wird mächtiger, umso mehr schwillt sein Bauch. Dann platzt er in die Tiefe. Unerwartet, als explodiere er in einer Wolke aus Gischt. Mit Zischen, Fauchen und Dröhnen.

Jede Sekunde donnert der Inhalt von fünf Olympia-Schwimmbecken in diesen 108 Meter tiefen, gähnenden Schlund mit seinen 1,7 Kilometer breiten Basaltlippen. Gut 110 Millionen Liter jede Sekunde. Die Leistung der Fälle entspricht der von zwölf Atomkraftwerken. Vorstellbare Wassermassen? Irgendwann nicht mehr.

Den Rachen, der all diese Schwimmbäder verschluckt, rahmt ein dichter, tiefgrüner Regenwald. Darüber spannt sich ein weit ausholender Regenbogen, von der tropischen Sonne in wuchtigen Farben gemalt.

Es war vor knapp 155 Jahren, der 16. November 1855. David Livingstone, ein schottischer Missionar, hatte schon Jahre vorher von einem Rauch gehört, der angeblich irgendwo mitten im afrikanischen Busch aufsteigt. An diesem Novembertag jedoch ließ er sich mit dem Kanu zur Abbruchkante fahren und war überwältigt. Er benannte die Fälle nach seiner britischen Königin.

Livingstone, ein eher trockener, sturer Schotte, hatte seit mehr als sechs Jahren das südliche Afrika bereist und viel gesehen. Doch er stammelte beim ersten Anblick der Fälle von dem "Wundervollsten überhaupt in ganz Afrika". Hier sei eine unvorstellbare Schönheit Wirklichkeit geworden. "Die Victoria-Fälle, das sind Schauplätze, so wundervoll, dass selbst Engel im Flug innehalten und darauf starren."

Zwischen Himmel und Kochtopf

Ist der Sambesi mit Grollen und Rumpeln am Fuß der Fälle aufgeschlagen, werden Gischtwolken aus dem dampfenden Kessel den kompletten Weg wieder nach oben gespuckt und blähen sich bis zu 200 Meter hinaus in den makellosen afrikanischen Himmel. Bis zu 50 Kilometer weit sind die Wolken zu sehen. Unten presst sich das Wasser im Boiling Pot, dem Kochtopf, zusammen.

Der Boiling Pot ist der einzige Abfluss. In den sieben folgenden Schlingen verwandelt sich der Sambesi erneut zu einer Bestie. Angeblich ist hier das beste Rafting-Revier der Welt. Im November dagegen, am Ende der Trockenzeit, führt der Sambesi nur mehr ein Hundertstel an Wasser. Ein kleines Bächlein rieselt dann über die Kante, und ein Paddelausflug gerät zur Schunkeltour.

Nach der Regenzeit jedoch kommen die Gischtwolken auf der anderen Wand der Fälle als 24-stündiger tropischer Dauerregen herunter. Gepflasterte Wege führen auf der sambischen wie der simbabwischen Seite hart an der grünen Wandkante mit ihrem Rundweg entlang. Nur wenige Unverdrossene waten im knöcheltiefen Wasser, mit Regencapes und doch bald pitschnass bis in die Unterhose.

"Die extrem glitschige Brücke zur Knife Edge, der Messerkante, und die Felsen nahe dem Danger Point sollte nur mit äußerster Vorsicht begangen werden", warnt Josef Nkulo von der Parkverwaltung. Mehrere Wege führen hinab in den Regenwald bis zum Fuß der Fälle. Hier wuchern in dicker, süßlicher, tropfender Luft Ebenholz und Mahagoni, Feuerlilien, Gladiolen und Lianen.

Naturwunder Regenbogen

Selbst Frederick Courteney Selous, ein etwas plumper, grobschlächtiger Großwildjäger des 19. Jahrhunderts, kam beim Anblick der Fälle ins Schwärmen: "Auf welchen Teil man auch schaut, die Sonnenstrahlen, die auf die Massen herabstürzenden Schaums scheinen, formen einen doppelten Regenbogen aus prismatischen Farben. Von deren Tiefe und Brillanz hat niemand auch nur die leiseste Ahnung, der bislang lediglich einen üblichen Regenbogen gesehen hat. Das sind die Victoria-Fälle. Eines der, wenn nicht das schönste Naturphänomen auf dieser Seite des Paradieses."

Auf dieser Seite arbeitet Joyceline Mutumba. Sie kann sich noch genau erinnern, was vor 17 Jahren passierte. Sie wusch Wäsche am Fluss. Wie aus dem Nichts schoss ein Krokodil aus dem Wasser und biss ihr in den linken Unterarm. "Ich konnte erst gar nichts sagen, ich war steif vor Schreck." Ihre Cousine Nalufa sah das, raste zu ihr, griff dem Krokodil ins Maul und konnte es so weit aufsperren, dass Joyceline den Arm herauswinden konnte. "Ich glaube, das Krokodil war selber so erschrocken über die Entschlossenheit von Nalufa, dass es losgelassen hat." Jetzt lächelt sie wieder, mit makellosen weißen Zähnen aus ihrem braunen Gesicht.

Eine Eisenbahnbrücke gegenüber den Fällen überwölbt den Sambesi in 111 schwindelerregenden Metern Höhe. Sie trennt Sambia von Simbabwe und wurde 1905 von Cecil Rhodes gebaut, dem Imperialisten und Gründer des ehemaligen Rhodesien. Bungee-Springen von der Brücke hinein in die Schlucht ist eine der Attraktionen, mit denen sambische Reiseveranstalter vor allem junge Touristen hierher locken. Auch Rafting, Paragliding, Micro-Lighting (Drachenfliegen mit Rädern und Motor), Jet-Boat oder Abseilen gehören zum unnatürlichen Adrenalin-Angebot. Eine Menge würdeloser Tätigkeiten in der erhabenen Landschaft.

Simbabwe schwächelt, Sambia investiert

Die Brücke trennt auch das gute vom schlechten Leben. Hier verläuft die Grenze, hier geht es zum interessanteren, dem simbabwischen Teil der Fälle. Mittlerweile hat die Inflation in Simbabwe die 200-Millionen-Prozent-Grenze geknackt. Seit April 2009 ist die Währung Simbabwe-Dollar ausgesetzt. 100-Milliarden-Scheine gibt es nur noch als Andenken. 30 US-Dollar kostet das Visum für Simbabwe. Gewechselt wird nicht. Victoria Falls, einst koloniales Vorzeigestädtchen, ist zu einer Geisterstadt verkommen. Hotels, Spielcasinos, Läden sind geschlossen. Die Menschen gehen über die Grenze nach Sambia zum Einkaufen. Falls sie Geld haben.

Sambia dagegen pflastert nach. Zwei weitere Hotels, 450 Chalets und eine Golfanlage für 260 Millionen US-Dollar baut die südafrikanische Gruppe Legacy Holdings International, trotz heftiger Auseinandersetzungen. Insgesamt 220 Hektar hinein in das Gebiet des Mosi-oa-Tunya-Nationalparks, der wie die Fälle 1989 von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt wurde. Die vor vier Jahren eröffneten Hotels Zambezi Sun und Royal Livingstone des Hotel- und Casinobetreibers Sun International waren ähnlich umstritten.

Das alles mag die Victoria-Fälle wenig kümmern. Wenn die Tropensonne wie Glühkohle hinter den Bäumen am Sambesi sinkt, Elefanten verträumt durch die Fluten waten und Flusspferde mit den Ohren wackeln, kehrt Ruhe ein am Herzen von Afrika.

Und alle vier Wochen ereignet sich ein weiteres, das größte Wunder an diesem Ort. Bei Vollmond und klarer Nacht spannt sich ein lunarer Regenbogen über die Fälle - still und weit. Dann scheint es tatsächlich, als würden ein paar Engel in ihrem Flug innehalten.