Victoria Falls in Simbabwe Springen Sie rein - für 120 Dollar

Nirgends ist Simbabwe so touristisch und so verrückt wie in Victoria Falls. Der breiteste Wasserfall der Welt bietet einen Anblick, den man nie wieder vergisst. Und die Gelegenheit zu Torheiten aller Art.

Von Andrea Jeska


Der Sprung in die Hölle kostet 120 Dollar. Die Fahrt durch die Hölle ein paar Dollar mehr. Billiger ist es, am Rande der Hölle zu plantschen. Alle drei Arten, sich dem Wasserinferno zu nähern, sind purer Wahnsinn, und wenn man noch nie zuvor daran gezweifelt hat, dass der Mensch ein vernünftiges Wesen ist, dann tut man es jetzt: in Victoria Falls, im Nordwesten von Simbabwe, an jenem Ort, an dem barbarisch tobende Wasserfälle in die Tiefe fallen.

In Victoria Falls gibt es Torheiten, für die Menschen Geld bezahlen: Bungee Jumping direkt auf den Sambesi zu, Wildwasserfahrten durch Stromschnellen mit den Namen "Selbstmord" und "weißknöcheliger Todesgriff". Oder für eine Bootsfahrt direkt an jene Kante, an der das Wasser des Sambesi über den Felsen hinabstürzt.

"Das sind Narren", sagt Mose Muzurewa. Er behauptet, direkt von den Kololo abzustammen, jenem Stamm, der an den Victoriafällen lebte, bevor es den Ort Victoria Falls gab. Kololo-Häuptling Sebetswane selber sei sein Urahn. Später, als man ihm genügend Souvenirs abgekauft hat, räumt er ein, das stimme so wohl nicht, aber komme bei den meisten weiblichen Touristinnen gut an. "Die wollen die Wilden", brummt er und rollt dabei furchterregend mit den Augen.

Mose ist ein launiger Kerl, der viel lacht und eigentlich wenig zu lachen hat. Sein Geld verdiene er als Künstler, sagt er, das ist immerhin ein bisschen wahrer als die Häuptlingsgeschichte. Tagtäglich lümmelt er vor dem Victoria Falls Hotel. Jedem, der ihm nicht schnell genug aus dem Weg gehen konnte, hält er Ketten mit Anhängern aus Speckstein vor die Nase oder einen Stapel Simbabwe-Dollar aus der Hochzeit der Inflation, als 14 Nullen auf einen Schein passen mussten.

Beinahe hat Mose an diesem Tag Pech. Als er gerade säuselt: "Ich mach dir den besten Preis, Schwester", taucht ein Polizist auf. Straßenverkauf ist in Simbabwe verboten, zumindest ohne Lizenz. Flugs steckt Mose die Ketten und Scheine in den Bund seiner weiten Hose. Ob er einen belästige, will der Polizist wissen. "Wir sind alte Freunde", sagt Mose schnell, hakt sich unter und tut vertraulich. Der Polizist trollt sich. "Das war knapp", sagt Mose und lacht. "Letztes Mal musste ich mit auf die Wache und meinen Tagesverdienst abgeben."

Wenn das Fließen Musik wäre

Victoria Falls hat mit dem Rest von Simbabwe und seinem stillen Rhythmus wenig gemein. Eigentlich ist es keine richtige Stadt, sondern mehr eine aus dem Ruder gelaufene koloniale Afrika-Sehnsucht, ein schiefgegangener Psychotrip voller Souvenirläden, Spaßangebote und Abenteuerversprechen. Paragliding und Heli-Flights, Dinner-Cruises und Abseiling sind nur einige der Begriffe aus der schönen und teuren Tourismuswelt dieses Städtchens, das in der Party- und Backpackerszene, die sich hier trifft, Vic Falls oder einfach nur Vic genannt wird.

Victoria Falls - das ist zugleich einer der großartigsten Anblicke, die sich auf dieser Welt bieten: Die Fälle, nach denen der Ort benannt ist, reißen den Sambesi entzwei, sie teilen Sambia und Simbabwe. Sie sind doppelt so hoch und eineinhalb Mal so breit wie die Niagarafälle.

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Sie werden gespeist aus sechs Flüssen, die wie ein Nervensystem aus dem Westen Afrikas, aus dem Kongo, Angola, Namibia und Botswana fließen und sich 60 Kilometer vor Victoria Falls zum Sambesi vereinen: Kwando und Kabombo, Chobe und Lungwebungu, das Flussgeflecht des Caprivi-Streifens. Ab dieser Vereinigung trägt der Sambesi in den Regenmonaten März bis Juli so viel Wasser, dass er dick und geschwollen aussieht.

Noch wenige Dutzend Meter von den Fällen entfernt, ist sein Fließen träge und behäbig, erst kurz vor dem Sturz wird die Geschwindigkeit atemberaubend, das Wasser bäumt sich, als stemme es sich gegen das Unvermeidliche. Wenn dieses Fließen Musik wäre, begänne sie als zarte Weise, würde schneller, lauter, dann erklängen gehämmerte Bässe, Sechzehntelnoten. Zornig und wehmütig seufzend zugleich stürzt und trudelt die Flussmasse über die Kante. Kaskaden von Sprühnebel sondern sich ab, fangen in dem kurzen Moment ihrer Befreiung aus dem Strom die Sonnenstrahlen ein und bündeln sie zu Dutzenden von Regenbogen.

Von Engeln bestaunt

Der erste Europäer, der die Fälle je sah, war der legendäre Missionar David Livingstone. Er war im November 1853 den Oberlauf des Sambesi hinaufgefahren und zu Fuß durch das Grenzgebiet zwischen Sambia, der heutigen Republik Kongo und Angola gegangen. Unterwegs hörte er Erzählungen von mosi-oa-tunya, von donnerndem Rauch, und obwohl ihm klar war, dass es sich um Wasserfälle handeln muss, wunderte er sich. Schließlich gibt es in jener Gegend keine Berge.

Im November 1855 erreichte Livingstone die Victoriafälle, ließ sich mit einem Kanu von den Kololo auf die Insel bringen, die am Rand liegt und heute nach ihm benannt ist. Kroch, weil er immer noch nicht genug sehen konnte, nach vorne an die Fallkante. Was er sah, nahm ihm den Atem. Später schreib er in sein Tagebuch: "Noch kein Europäer ist vor mir hierhergekommen. So liebliche Szenen müssen selbst von den Engeln im Flug angestaunt worden sein."

Käme Livingston heute nach Vic Falls, würde man ihm einen Eintrittspreis abknüpfen, der dreimal so hoch ist wie der, den Simbabwer bezahlen müssen. Zehn Dollar zahlt man für China-made-Regenschirme und -Umhänge. Der Fußweg entlang der Abbruchkante führt durch Gischt und Regenbogen. Weich schmeckt das Wasser, wie Federn fühlen sich die Sprühwolken auf der Haut an. Nach einigen Minuten läuft der Sambesi einem aus den Haaren, den Körper hinab, und das Wort pitschnass erhält eine neue Dimension.

Mose kennt von den Fällen nur den donnernden Rauch, jene Gischt, die man angeblich schon aus 50 Kilometern Entfernung sehen kann. Für einen wie ihn, der nur einige Dollar in der Woche verdient, ist der Eintrittspreis, selbst der ermäßigte, zu hoch. "Das zahle ich nicht für Wasser." Kürzlich hat er eine Kanadierin kennengelernt, die hat gesagt, in Kanada brauche man begnadete Künstler wie ihn, und versprochen, ihm demnächst Dollar für ein Flugticket zu schicken.

Aber das ist schon einige Monate her und Moses Hoffnung ist brüchig geworden. Ob man ein Foto von ihm machen und ihr schicken würde, fragt er und fummelt ein Papier aus der Hosentasche, darauf steht eine E-Mail-Adresse. "Damit sie wieder an mich denkt." Dann posiert er mit Häuptlingsgesichtsausdruck, und hinter ihm spuckt die Gischtfontäne der Wasserfälle nach oben.



insgesamt 22 Beiträge
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hisch88 20.05.2016
1. Nach einigen Minuten läuft der Sambesi einem aus den Haaren, den Körper hinab.
Wie war. Für mich der bisher zweitschönste Wasserfall gleich nach Iguazu in Argentinien (Brasilien) die ich bisher gesehen habe.
bodhi66 20.05.2016
2. Bitte nicht unterstuetzen
Simbabwe ist eine ruecksichtslose Diktatur zugunsten einer kleinen Clique um Mugabe. Rassistisch bis zum geht nicht mehr. Weisse Sind legal Buerger 2. Klasse. Wer nicht Shona ist hat keine Chance (Matabeleland massacre).
frenchie3 20.05.2016
3. Schade nur
daß selbst die schönsten Fotos nicht wirklich die ganze Pracht darstellen können. Ich beneide den Autor daß er das live erleben konnte
takvor 20.05.2016
4. Loch des Teufels
befindet sich in Sambia auf der anderen Seite, wo die Stadt Livingston liegt und da kann man wie im Swimming Pool baden. Sonst eine rein touristische Stadt und nicht mehr als 1 Tag wert. Die Wasserfälle sind schön,aber viel gewaltiger und spektakulär sind die Iguazu Fälle in Brasilien und Argentinien!
Strangelove 20.05.2016
5. Geschmackssache
Zitat von takvorbefindet sich in Sambia auf der anderen Seite, wo die Stadt Livingston liegt und da kann man wie im Swimming Pool baden. Sonst eine rein touristische Stadt und nicht mehr als 1 Tag wert. Die Wasserfälle sind schön,aber viel gewaltiger und spektakulär sind die Iguazu Fälle in Brasilien und Argentinien!
Von den drei großen Wasserfällen (Iguacu, Niagara, Viktoriafälle) finde ich die Viktoriafälledie letztlich immer noch die schönsten, gewaltigsten und beeindruckensten. Iguazu war für mich nur auf den ersten Blick schöner.(besonders spektakulär fand ich die nicht) Aber letztlich sind alle eine Reise wert und jeder findet anderes was ihn an diesen Wasserfällen besonders beeindruckt.
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