Vietnam Auf der Spur des Drachen

Die Ha-Long-Bucht im Norden Vietnams zählt zu den geschützten Naturwundern der Erde. Der pulsierende Lärm der Großstädte ist in der einzigartigen Meereslandschaft Lichtjahre entfernt.

Von Silvia Kling


Ächzend und schwankend wie ein schwergewichtiger vietnamesischer Wasserbüffel, quält sich der Sinh-Café-Bus die schlaglochgespickte Straße entlang. Oder mit wildem Hupen, wenn er sich an Radfahrern und knatternden Moped-Schwärmen vorbeikämpft. Rund einhundert Kilometer sind es von Vietnams Hauptstadt Hanoi bis zur östlichen Hafenmetropole Haiphong, dem Gateway zur Ha-Long-Bucht. Fünf Stunden Schaukeltour unter schwül-dämpfiger Asiensonne, dann blinzelt einem das Südchinesische Meer strahlend entgegen.

Vietnam-Klischee per Pedes
Jochen Siegle

Vietnam-Klischee per Pedes

Ein rostiges Fährboot nimmt sich vier Stunden Zeit für die Durchquerung des berühmten Kalkstein-Archipels. Die Einheimischen an Bord spielen Karten und knabbern ungeröstete Erdnüsse, während die ruhigen Wasser des Golf von Tonkin in eine versteinerte Fantasy-Welt entführen. Bizarr erheben sich die Umrisse dunkler Riesenfelsen, geben beim Näherkommen den Blick frei auf immer neue Formationen. Undefinierbare Gestalten, die aus dem Meer zu wachsen scheinen. Urweltliche Tiere, Fabelwesen, Pagoden oder gewaltige Kamelhöcker. Großzügig reihen sie sich zu einer grandiosen Parade der Wunderlichkeiten, die sich erst am Horizont verliert. Lautlos und urtümlich.

Dschunken kreuzen mit ihren Rechteck-Segeln zwischen den Kalksteingebilden, verschwinden wieder im scheinbar unendlichen Irrgarten. Mehr als 1600 Inseln sollen es sein, von Wasser und Wind in mühseligen Jahren geformt. Mit Exotik-Wildwuchs, Grotten, einsamen Buchten und trefflichen Namen wie "Wunder", "Elefant" oder "Überraschung" erstrecken sie sich bis an die chinesische Grenze.

Dramatischer Ort zum "Special Price"

Die Ha Long Bay, die Bucht des "herabsteigenden Drachen", ist ein Wassernaturpark, der auf seinen eineinhalbtausend Quadratkilometern nicht hätte perfekter inszeniert sein können. Seit 1994 steht der Archipel als Weltnaturerbe unter UNESCO-Schutz. Und dennoch leidet die wundersame Meereslandschaft zusehends unter illegalem Dynamit-Fischen und den Abwässern des schon seit der französischen Kolonialzeit praktizierten Kohlebergbaus an der Küste.

Motorräder sind in Vietnam oft Lastentaxi
Jochen Siegle

Motorräder sind in Vietnam oft Lastentaxi

Bedrängt von zahlreichen Figurenfelsen, ragt die größte der Inseln schroff aus dem Meer: Cat Ba, ein dramatischer Ort. Kantige Steilflanken werden vom violetten Licht der untergehenden Sonne in mystisches Schweigen getaucht. Trostlose Betonhäuser suchen sich verzweifelt Platz, quetschen sich auf einen schmalen Streifen zwischen Meer und Stein.

Nur zehn Prozent der Insel sind unter 50 Meter hoch, erklärt Yo, der junge Reisebegleiter des Low-Budget-Veranstalters Sinh Café. Steile Klippen, Sumpfgebiete, Wassermangel in der Trockenzeit, während des Fünf-Monate-Monsuns nichts als Regen. Kaum vorstellbar, dass das auf den ersten Blick so harsche Eiland als Wohnort auserkoren wird. Und doch scheint man auf Cat Ba schon seit jeher allen Widrigkeiten zu trotzen. 7000 Jahre alte Steinwerkzeuge und menschliche Knochen sprechen Bände. Und heute leben rund 12.000 Menschen auf der Insel.

Felsenwelt: Undefinierbare Gestalten, die aus dem Meer zu wachsen scheinen
Jochen Siegle

Felsenwelt: Undefinierbare Gestalten, die aus dem Meer zu wachsen scheinen

Eine Reihe grauer Häuser säumt die asphaltierte Hafenstraße. Die Touristenmeile. Vier, fünf einfache Hotels und kleine Straßenrestaurants mit blauem Mini-Plastikmobiliar. Daneben Karaokebars und winzige Läden, in denen die Erdnuss-Snacks und Biskuits vom Abgasdunst der Mopeds und klapprigen Eigenbau-Vehikeln eingestaubt werden.

"Special price, special price!", schallt es unermüdlich die Hafenmauer hinauf. Täglich konkurrieren Fischer in ihren leichten Schilf-Korbbooten um die spärlichen Touristen, offerieren für ein paar Dong Bootstouren um die Insel und zum "schwimmenden Dorf", ihren mobilen Wohnungen. Das Geld ist bitter nötig, um ein bescheidenes Auskommen zu sichern. Schätzungen zufolge verfügen Vietnamesen auch trotz der Erfolge des Liberalisierungskurses nur über ein jährliches Pro-Kopf-Einkommen von unter 250 US-Dollar. Zur Beschaffung des Lebensnotwendigen werden auch mühselige Wege nicht gescheut: So greift manch hungriger Inselbewohner etwa zur Steinschleuder und macht sich im Schatten des frühen Morgens auf die Pirsch, um mit gezieltem Schuss den Kochtopf mit ahnungslosen kleinen Singvögeln zu füllen.

Buntes Markttreiben in der Hafenmetropole Haiphong
Jochen Siegle

Buntes Markttreiben in der Hafenmetropole Haiphong

Es scheint zu funktionieren, in den Genuss von Vogelgezwitscher kommen Besucher zumindest in Cat Ba Town nicht. Im wilden Tropenwald, der sich hinter der schroffen Fassade versteckt, tummeln sich dagegen mehr als 100 Vogelarten. Denn kaum, dass man die "City" verlässt, nimmt üppiges Grün im Landesinneren Überhand. Ein Großteil der 345 Quadratkilometer großen Insel ist mit ihren Mangrovenwäldern, Wasserfällen, Süßwasserseen, Höhlen, Dschungel und küstennahen Korallen seit 1986 staatlicher Nationalpark. Bewahrt werden soll das Domizil der gefiederten Gefährten und allerlei anderen tropischen Getiers wie etwa Gibbons, Panther, Pythons oder gesprenkelten Karettschildkröten.



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