Vietnam Das ganz große Geschäft mit dem Lächeln

Wer zurzeit in Hanoi unterwegs ist, sollte sich nicht wundern, wenn Brautpaare den Weg kreuzen. Auch nicht, wenn es drei auf einmal sind. Oder zehn. In Vietnam ist Hochsaison für Hochzeiten. Das bedeutet vor allem zweierlei: essen, was das Zeug hält. Und Geld scheffeln.

Von David Frogier de Ponlevoy, Hanoi


Touristen, die zur Zeit für ein Erinnerungsfoto vor der Oper in Hanoi posieren wollen, könnten Probleme bekommen: An manchen Tagen ist zwischen lauter Hochzeitsgästen kein Platz mehr. Die Heiratssaison in Vietnam fällt zeitgleich mit der besten Reisezeit auf die Monate Oktober bis März. Aus exakt denselben Gründen: dem Wetter. Niemand heiratet gerne bei 40 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 96 Prozent.

Das führt zu einem gewissen Gedränge möglicher Heiratstermine. Es wird noch dadurch verstärkt, dass viele Vietnamesen an "gute" und "schlechte" Tage für Hochzeiten glauben. Daraus folgt: Wenn man in Hanoi eine Hochzeit sieht, dann lauert die nächste sicherlich gleich um die Ecke. Zu den Traditionen gehört bei vielen Familien, sich anschließend vor schöner Kulisse gemeinsam ablichten zu lassen. Bevorzugtes Ziel unter anderem: die Treppen der Oper, dem monströsen Kolonialgebäude in französischem Stil.

Dabei findet das traditionsreichste Fest bereits einige Tage vor der Heirat statt: die offizielle Verlobung. Geschlossen rückt die Familie des Bräutigams zu diesem Zweck bei der Brautfamilie an. So wie bei Yen Nguyen und Tung Kim. Es ist Mittagszeit in Hanoi. Grauer Himmel, kühle 15 Grad, und über die Hauptstraße rollt der Verkehr. Dazwischen reiht sich eine lange Reihe festlich geschmückter Fahrrad-Rikschas. Hochzeitskuchen, Obst und Lotos werden auf großen Schalen an die Brautfamilie überreicht. Zuständig dafür sind fünf Bräutigamsgehilfen, die, so heißt es, zwei Voraussetzungen erfüllen müssen: Sie sollten noch "Jungfrau" sein - und hässlicher als der Bräutigam.

Das Hochzeitspaar wartet draußen

Trung Nguyen, der an diesem Tag eine Straße weiter heiratet, hat zu diesem Zweck fünf Angestellte seiner Firma engagiert. Denn alle Freunde des 30-Jährigen sind schon verheiratet. Auf den letzten Metern bekommen die Männer Unterstützung von Brautjungfern. "Wir sollen aber die Platte möglichst so halten, dass die jungen Frauen das Gewicht nicht spüren", erzählt Bräutigamsjungfer Long.

Das kleine Haus der Brautfamilie an der Hauptstraße ist im Erdgeschoss komplett leergeräumt worden, um Platz für Bänke und Tische zu machen. Im von Konfuzianismus und Ahnenverehrung gleich doppelt durch den Vorrang des Alters geprägten Vietnam, haben bei der Verlobung ausschließlich Eltern und Großeltern das Wort. Sie erklären jeweils feierlich, dass das junge Paar sich gefunden hat. Das Hochzeitspaar selbst wartet draußen. Ihm wird unter anderem von dem Fotografen der Hochzeitsagentur die Sicht versperrt.

Verglichen mit der Verlobungszeremonie ist die eigentliche Hochzeit für westliche Zuschauer erschreckend profan. Es geht ums Essen. Nur um Essen. Eine vietnamesische Hochzeit dauert ziemlich exakt von halb zwölf Uhr mittags bis halb eins. Anschließend müssen alle schließlich wieder zur Arbeit. In Vietnam kam es in vergangenen Jahren des öfteren zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen ausländischen Firmenchefs, die nicht einsehen, warum ihre Angestellten zwischen Oktober und März mehrere Dutzend Male die Mittagspause überziehen, weil sie auf Hochzeiten eingeladen sind.

Heiratet der Gast später selbst, bekommt er das Geld zurück

Hochzeitsfeiern in Vietnam umfassen mehrere hundert Gäste. 600 sind durchaus Standard, 1000 auch keine Seltenheit. Eingeladen wird jeder, den man kennt. In der Hochzeitssaison sind Vietnamesen sehr vorsichtig, wenn es darum geht, sich seit langem mal wieder bei alten Bekannten zu melden. Wer Pech hat, erhält folgende SMS: "Toll, von dir zu hören! Ich feiere am 4. Januar Hochzeit. Du bist eingeladen. Liebe Grüße. Linh." Wenn es sich dabei nicht wirklich um eine gute Freundin handelt, sind solche Einladungen eher lästig. Und vor allem auch: Sie gehen ins Geld.

Denn von jedem Hochzeitsgast wird ein Hochzeitsgeschenk erwartet. Man ist da pragmatisch: Nur Geld zählt. Verpackt in einen Umschlag, auf dem aber der Name steht. Eine gewissenhafte Brautmutter vermerkt anschließend akribisch die Summe in einer großen Tabelle. Heiratet der Gast später irgendwann selbst, bekommt er die gleiche Summe zurückgeschenkt. Es ist ein großer Kreislauf. Mit entscheidendem Vorteil für Familien mit vielen Kindern. Findige Geschäftsführer pflegen ihre komplette Firma einzuladen. Berühmt wurde in Vietnam die Geschichte eines hohen Steuerbeamten, der zur Heirat seiner Kinder sämtliche zahlungskräftigen Firmen seiner Provinz einlud und ein prächtiges Geschäft machte.

Hochzeiten sind Geschäft. Das sieht man auch Kien an. Der Fotograf hat ein bleiches Gesicht und zieht ununterbrochen an der Zigarette. Vor drei Monaten hat er auf einer von Hanois Hauptverkehrsstraßen seinen Heiratsshop „Carolin Wedding“ eröffnet. Für das kleine Geschäft zahlt er 2800 Dollar Miete im Monat. Das durchschnittliche Jahresgehalt von Vietnams Großstadtbevölkerung beträgt gerade mal um die 2000 Dollar. Aber Kien glaubt an seine Chance. Der wichtigste Heiratstrend für die neue Mittelklasse sind Hochzeitsbücher: Mehrere Kilogramm wuchtige Fotoalben mit ganzseitigen Studio- oder Außenaufnahmen. Verkitscht zusammengestellte Bilder vor falschen Sonnenuntergängen, Trauminseln oder funkelnden Sternchen - in europäisch-weißem Hochzeitsdress, versteht sich. Ab umgerechnet 100 Euro aufwärts, nach oben ist keine Grenze gesetzt.



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Seite 1
DJ Doena 25.01.2007
1.
---Zitat von sysop--- Vietnam - wo sind die besten Ziele? ---Zitatende--- Als ich die Frage las, enstand in meinem Kopf sofort die Gegenfrage "Für Napalm, oder was"? Irgendwie hatte ich Vietnam überhaupt nicht mit Tourismus assoziiert.
Orlando Due, 26.01.2007
2. Vietnam als Tourismusziel
Wir waren 2002 zum ersten Mal in Vietnam. Es ist auf jeden Fall in Süd-Ost-Asien das bei weitem bemerkenswerteste Ziel. Nicht überall so pittoresk wie bspw. Thailand in manchen Ecken. Aber die Menschen sind wesentlich weniger westlich orientiert (zumindest nach wie vor im Norden). Kambodscha und Laos sind noch unberührter, aber eben auch infrastrukturell unterentwickelter. Das nördliche Hochland um Sapa ist einfach toll. Hanoi ist wohl nur noch kurze Teit ein Geheimtipp. Daher: nichts wie hin! Wir hatten einen phantastischen Badeurlaub in Phan Thiet
DiplIng09, 26.01.2007
3. Vietnam ein Traum !
Ich war im Februar 2003 das erste mal für drei Wochen in Vietnam. Wir sind nur durch den Süden gereist, weil es uns im Norden zu kalt war. Von Ho Chi Ming City (Ex Saigon) nach Hue, Hoi An, Nha Trang, Mui Ne, Mekong Delta, Ho Chi Ming City. Überall begegneten uns sehr freundliche Menschen, ob Fremdenführer, im Restaurant, Hotel oder einfach nur auf der Straße. Manche Begegnungen waren unglaublich: in einer Kirche waren plötzlich ganz viele freundliche Vietnamesen, die sich mit der hellhäutigen Touristin fotografieren lassen mußten. Eine Vietnamesin erklärte uns, es wäre sehr beliebt sich so zu bekleiden das möglichst keine Sonne an die Haut kommt, um diesen edlen hellen Taint zu bekommen. Noch ein kleiner Hinweis zu den Restaurants: wir waren in einem sehr kleinen ganz einfachen Restaurant (die Toiletten waren die der Familie, der Hausherr lag auf dem Bett und schaute fern,...) das Essen und die Beratung (Krebs ist im moment schlecht, weil es im Norden regnet) grandios und äußerst lecker. Insgesamt war es ein traumhafter, guter und sehr günstiger Urlaub, den ich am liebsten sofort wiederholen würde.
MAEface, 26.01.2007
4. erlebnissreiches Vietnam
@DJ Doena: Also wer heute noch Napalm mit Vietnam in Verbindung bringt, ist seit 30 Jahren nicht up-to-Date! --------------------------------------------- Ich habe Vietnam mit dem Rucksack bereist/erkundet und habe sehr schöne Erinnerungen an diese Reise. Vietnam ist schrecklich schön und gut zu bereisen. Einige Strände sind so einsam, dass dort angespülte Korallen zu finden sind. Weiße Sandstrände, grüne Palmen, blaues Meer, dazu eine frische Kokosnuss gefällig? Viele Vietnamesen sprechen ein paar Sätze Englisch, Deutsch und Französisch, das macht das reisen und organisieren einfach angenehm. Zudem sind die vietnamesen sehr finding und wissen was Reisende/Touristen möchten/brauchen. Essen gehen ist dort gar kein Problem. Unzählige Private Zimmer und winzige idyllische Ho(s)tels warten für wenig Geld auf Touristen. Schönste Punkte meiner Reise waren: - Hanoi - Hailong Bay (wunderschöne Wasserlandschaft) - ein Bergdorf im Norden (Bergvolk der Hmong, ethnische Minderheit) - Hue (alte Kaiserstadt) - Da Nang (zum Baden) - Nha Trang (zum Baden) - Hanoi-Saigon-Buslinie (2000KM nord-süd) - Mekong-Delta (per Schiff) - Saigon (offiziell: Ho-Chi-Minh-City) Meine Homepage mit Reiseberichten: http://www.markuspolo.de/onwalk2001/index.html#vietnam Im Dschungel sollte man Malaria-vorbeugende Tabletten mit sich füren! ein Morgentlicher Whisky soll allerdings auch helfen! Whisky enthält u.a.Geruchsststoffe, die über die Haut wieder ausgeschieden werden. Und die Mosquitos mögen eben diese Stoffe nicht. Ob es wirklich hilft weis ich nicht, mir hats jedenfalls geschmeckt...
Thomas45, 26.01.2007
5. Reisen durch Vietnam
Seit 97 reise ich aus privaten und geschäftlichen Anlässen nach Vietnam. In dieser Zeit hat der Tourismus und der Wirtschaftsboom das Land und die Mentalität stark verändert. Die Zeit läuft hier einfach schneller. Jedes halbe Jahr erscheint ein neuer Stadtplan von Saigon. Um noch einen Eindruck zu bekommen wie es mal war kann ich nur empfehlen seine Reise selbst zu planen, was hier wirklich sehr einfach ist, und sich auch mal abseits der ausgetretenen Pfade Saigon – Nha Trang – Hoi An – Hanoi - Sapa zu bewegen. Mein Tipp ist einen Kochkurs in Vietnam zu absolvieren, eine Bootstour mit Mama Hahn Greenhad Company in Nha Trang zu unternehmen und so oft wie möglich den Zug als Fortbewegungsmittel zu benutzen.
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