Fotostrecke

Kuba: Ausflug ins Viñales-Tal

Foto: Corbis

Viñales-Tal auf Kuba Garten Eden mit Macken

Karstberge im Nebel, bunte Häuschen mit Veranda und der beste Tabak Kubas: Das Viñales-Tal ist eins der schönsten Postkartenmotive des Landes. Doch wer sich aufmacht, den Westzipfel der Insel zu besuchen, lernt schnell die Tücken des sozialistischen Alltags kennen.
Von Andrea Fonk

Es knallt, als seien alle vier Reifen gleichzeitig geplatzt. Der alte Peugeot bockt, er bleibt fast stehen, dann macht er plötzlich einen weiten Satz nach vorne. "Zu viel Wasser", knurrt der Fahrer genervt. Benzin ist teuer, also wird es unter der Hand verkauft - und mit anderen Flüssigkeiten gestreckt. Dem protestierenden Auto und den Nerven der Mitfahrer gönnt er deshalb immer wieder kleine Erholungspausen am Rand der breiten Autopista Central zwischen Havanna und der Provinzhauptstadt Pinar del Rio.

Pferdefuhrwerke und die modernen, aus China importierten Busse des staatlichen Tourismusunternehmens teilen sich den Asphalt einträchtig. Ab und zu ziehen halb verhungerte Rinder mit weit herausstehenden Rippen vorbei. Aus dem Nichts tauchen Kubaner auf der Straße auf und hoffen auf eine Mitfahrgelegenheit.

Vereinzelt brennt es am Horizont im Gebüsch. Nichts, wirklich gar nicht bereitet auf der Fahrt nach Viñales auf das vor, was einen dort erwartet. Die letzten Kilometer vor dem Tal gehen durch Dörfer, die die Armut in der Hauptstadt noch weit übertrifft, auch wenn die Regierung sich bei der Zufahrtsstrecke zu der Touristenattraktion Mühe gegeben hat, das Gröbste zu übertünchen.

Von Pinar del Rio, der 1571 gegründeten Provinzhauptstadt, windet sich die Straße nach Viñales noch etwa 30 Kilometer in die Höhe. Der Peugeot holt das Letzte aus sich heraus und landet schließlich wohlbehalten zwischen den längst eingetroffenen chinesischen Bussen auf der Aussichtsplattform neben dem rosa gestrichenen Hotel Los Jazminez.

Zu kitschig für Hollywood

Der Blick auf das Tal fehlt in keinem Reiseführer, trotzdem war man nicht vorbereitet auf dieses Panorama. Aus der rostroten Erde, den Palmen, den mit dem Lineal gezogenen Tabakanpflanzungen und strahlend weißen Bauernhütten erheben sich die bis zu 400 Meter hohen "mogotes" - dicht mit Flechten und Moosen bewachsene Kalksteinkegel mit einer 150 Millionen Jahre alten Geschichte. Wie eine kleine Elefantenherde schieben sich die abgerundeten Kegel durch die aufsteigenden Nebelschwaden.

Hätte ein Hollywood-Ausstatter diese Kulisse in den fünfziger Jahren für einen Mammutschinken über den Garten Eden angeboten, sie wäre wohl als zu kitschig abgelehnt worden. Das Licht- und Schatten-Spiel von Sonne und Wolken verleiht eine fast überdimensionale Plastizität, die minutenschnell wechselt und immer wieder neue Bilder entstehen lässt.

Über dem vier Kilometer nördlich liegenden Dorf Viñales liegt eine träge Wolke der Entspannung. Kein holunderrot, senfgelb oder himmelblau gestrichenes Häuschen kommt hier ohne Veranda und zwei Schaukelstühle der immer gleichen Baureihe aus. Hier wippt man ruhig vor sich hin, beobachtet die Touristen und nippt gelegentlich verträumt an einem Gläschen Rum.

Bevor die angepriesenen Ausflugsziele angefahren werden, lohnt es sich, einem der roten Sandwege des Tals zu Fuß zu folgen. Zwischen Bananenstauden führt der Weg vorbei an kleinen Häusern und Feldern, an im Wind flatternder Wäsche und an unter gelb blühenden Oleander-Bäumen auf bessere Zeiten wartenden Oldtimern. Hinter einem schattenspendenden Busch liegt eine Sau mit einer Handvoll genüsslich trinkender Ferkel.

Gigantische Kalksteinlandschaft

Ochsengespanne helfen bei der Feldarbeit, ein Kind sitzt auf dem blanken Pferderücken und treibt es zu einer Furt. Ein archaisches Bild, dessen Schönheit kritischere Gedanken verdrängt. Königspalmen wachsen schnurgerade in den Himmel, andere tragen auf halber Höhe seltsame Verdickungen mit sich herum - es sind die "schwangeren" Barrigona-Palmen, die nur hier zu finden sind.

Zu den offiziellen Besichtigungsorten gehört die 1961 auf Castros Wunsch hin auf eine 120 Meter hohe Felswand gemalte Geschichte der Evolution. Die einst grellen Farben sind verblichen, immer wieder sieht man jedoch Restaurateure, die sich abseilen und das Bild erneuern.

Unmittelbarer kann man die Vergangenheit unter dem Tal erleben. Eine Theorie für die Entstehung der mogotes lautet, dass sie die Reste einer gigantischen, von Höhlen durchsetzten Kalksteinlandschaft darstellen, deren Decke einbrach. Einen Eindruck davon erhält man in der Cueva del Indio.

Schon wenige Meter hinter dem Einstieg sinkt die Temperatur rapide ab, gleichzeitig steigt die Luftfeuchtigkeit auf gefühlte 100 Prozent. Die Haut am ganzen Körper entspannt sich sofort in dieser wohltemperierten Dampfsauna. Richtig spektakulär ist der kurze Fußweg nicht, dafür folgt im Anschluss eine zehnminütige Bootsfahrt auf einem unterirdischen Fluss.

Verbotenes Rindfleisch

Die Kalksteinabsonderungen an der Decke erinnern fast gespenstisch an die großen Tabakblätter, die in den Trockenscheunen hängen. Im Viñales-Tal wächst unwidersprochen der beste Tabak Kubas. Nachdem ein Versuch, die Produktion enorm zu steigern, zu einem sofortigen Qualitätsabfall führte, überlässt der Staat den Bauern nun wieder den größten Teil des viel Pflege und Sorgfalt verlangenden Tabakanbaus.

Mittags wird man zu einem "Bekannten" des Fahrers inmitten des Tals gelotst. Im provisorisch zu einem Ein-Tisch-Restaurant umgestalteten Wohnzimmer gibt es dann Langusten. Schneller als erwartet wird die Rückfahrt nach Havanna in Angriff genommen - denn so malerisch es auch aussehen mag: Nachts werden die unbeleuchtet auf der Autopista dahinzuckelnden Pferdewagen und Fahrradtransporter zur tödlichen Gefahr. Sobald es dämmert, drängen selbst die Fahrer der chinesischen Busse die Touristen zum Aufbruch.

Der Fahrer des kleinen Peugeots wird zwischen Pinar del Rio und Havanna viermal von der Polizei angehalten. "Ich heiße Juan, mein Sohn heißt Juan, sag, du seist mit ihm in Amerika verheiratet und hier zu Besuch", raunt er schnell, bevor ein Polizist die Tür öffnet. Aber dieser ist an den Ausländern im Auto gar nicht interessiert. Der Kofferraum wird kontrolliert. "Die suchen nach Rindfleisch", erklärt der temporäre Schwiegervater später und zündet sich mit zitternden Fingern eine Zigarette an. Rindfleisch steht höchstens mal in einem teuren Touristenlokal auf der Karte. Wer illegal schlachtet und damit handelt, muss mit drakonischen Gefängnisstrafen rechnen.

Wieso es eigentlich so wenig Rinder gibt, fragt man naiv. Achselzucken. Die Rinderbarone seien enteignet worden, aber niemand habe sich mit der Viehzucht richtig ausgekannt. Die Rinder seien verwildert, viele gestorben. Und überhaupt: "Guck dir doch die Felder an", fährt er resigniert fort. Felder? Der ältere Mann zeigt auf von Macchia eroberte Flächen. Fruchtbare Böden würden vernichtet, weil niemand das Unkraut eindämme.

Plötzlich versteht man auch, warum Kubaner in den Supermärkten fast ausschließlich amerikanische Konservennahrung finden. Die Sonne geht langsam unter. Das Paradies ist schon wieder etwas in die Ferne gerückt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.