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Sehnsuchtsort Insel »Wir alle brauchen Isolation«

Seit 25 Jahren reist Gavin Francis zu Inseln auf der ganzen Welt, jetzt hat er ein Buch über sie geschrieben. Er erzählt, welche Art von Insel sich gut eignet, um Kraft zu tanken – und wohin er als Nächstes reist.
Von Anne Haeming

SPIEGEL: Herr Francis, gemessen am Buchmarkt scheinen Inseln ein gefragtes Thema zu sein: angefangen von Judith Schalanskys »Atlas der abgelegenen Inseln« bis hin den Büchern von Alastair Bonnett und Ihnen. Woher kommt die Faszination für Inseln?

Francis: Romantisierte Abgeschiedenheit wird verlockender. Diese Sehnsucht ist dabei uralt: von der Odyssee über Herkules und Mönche im Mittelalter, die skandinavische und irische Inseln erforschten, bis zu »Robinson Crusoe«. Das Fundament dieser europäischen Kultur ist Tausende von Jahren alt. Aber die Faszination bleibt.

Eine Insel, die echte Einsamkeit verspricht: »Bass Rock from the South«, gemalt um 1700

Eine Insel, die echte Einsamkeit verspricht: »Bass Rock from the South«, gemalt um 1700

Foto: University of St Andrews Library / DuMont Buchverlag

SPIEGEL: Sie sind schon zu vielen Inseln gereist. Hat Ihnen das im vergangenen Jahr geholfen?

Francis: Ich habe einmal 14 Monate lang in einer sehr abgelegenen Forschungsstation in der Antarktis gelebt. Dort gibt es keine Chance, wegzugehen. Du musst dich auf deine Ressourcen besinnen, die Situation als bereichernd statt einengend wahrnehmen. Das war ein sehr gutes Training für die Pandemie. Auch wenn ich wegen meiner Arbeit und der Familie danach weniger isoliert war als damals. Aber ich weiß, wie elementar Abgeschiedenheit ist für Ausgeglichenheit und mentale Gesundheit. Auch weil ich immer wieder lange auf Inseln gelebt und als Arzt gearbeitet habe, etwa auf Orkney.

Zur Person
Foto: Chris Austin / DC Thomson & Co. Ltd

Gavin Francis (*1975) ist ein schottischer Arzt und Autor. Mit »Dem Nordpol entgegen. Unterwegs im arktischen Europa« und »Empire Antarctica. Eis, Totenstille, Kaiserpinguine« sind zwei Bücher über seine Abenteuerreisen bereits auf Deutsch erschienen. Er lebt mit seiner Familie in Edinburgh.

SPIEGEL: In Ihrem Buch erzählen Sie, dass die Antarktis-Zeit Ihr Hirn neu verdrahtet habe. Was meinen Sie damit?

Francis: Zunächst ganz buchstäblich: Nach Monaten voller Monotonie ändert sich tatsächlich die Form deiner Hirnströme. Psychologen haben untersucht, wie das Leben in der Antarktis die Psyche beeinflusst; auch die Nasa hat viel in diese Forschung investiert, um ihre Teams besser auf die Isolation auf dem Flug zum Mars vorbereiten zu können. Den einen geht es mental schlechter, weil alte Erinnerungen hochkommen und sie sich in dieser Monotonie nicht ablenken können. Andere sind sogar 30 bis 40 Jahre nach dieser extremen Isolation mental gesünder als andere, eben weil sie eine derart harte Zeit durchgestanden haben. Sie wissen: »Ich habe das überlebt, also schaffe ich es durch andere schwere Phasen.« Auch für mich ist die Zeit in der Antarktis bis heute mein Anker.

SPIEGEL: Als Sie in der Antarktis waren, waren Sie in Ihren Zwanzigern. Wie hat sich die Bedeutung des Reisens für Sie seither verändert?

Francis: Damals wollte ich nur eins: möglichst schnell möglichst weit weg. Ich trampte zum Nordkap, nahm ein Boot nach Svalbard, von da nach Grönland, in die Antarktis und danach nach Lateinamerika. Bis in meine Dreißiger, etwa während der 18-monatigen Motorradreise mit meiner Frau nach Neuseeland, ging es nur um Extreme, um Abgeschiedenheit. Jetzt habe ich drei Schulkinder und reise durch ihre Augen: Für sie ist ein Trip zur schottischen Isle of Skye so dramatisch wie für mich damals die Reise zur Inselgruppe Tierra del Fuego an der Spitze Südamerikas.

SPIEGEL: In der Phase dieser Reisen begannen auch Digitalisierung und Globalisierung – ist Ihr damaliges Unterwegssein überhaupt noch möglich?

Francis: Heute muss man nur das Telefon ausschalten, um sich isoliert zu fühlen. Zugleich ist es leichter und billiger, weit wegzukommen. Und damit schwerer, wirklich unerreichbar zu sein: Ein 20-Jähriger mit Smartphone in der Tasche, der nach Tierra del Fuego trampt, wird heute nicht so viel Abenteuer empfinden wie ich damals.

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[Francis, Gavin]

Inseln: Die Kartierung einer Sehnsucht (Das Meer und seine Geschichten, Band 3)

Herausgeber: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG
Seitenzahl: 256
Übersetzung: Sofia Blind
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SPIEGEL: Solange Sie – wie wir alle – festsaßen: Haben Sie als Ersatz für das Reisen Landkarten gelesen?

Francis: Ich bin seit meiner Kindheit Landkartenliebhaber. Ich breite sie gerne aus und beuge mich dann über die Orte. Sie ermöglichen es mir, die Welt zu begreifen, mir fremde Orte vorzustellen. Ausgehend von einer Karte stelle ich mir die Topografie dieser Inseln vor, überlege, wie ich dorthin reisen könnte. Deswegen sind im Buch auch so viele schöne alte Karten abgedruckt. Sie zeigen, wie sich unser Zugang zu Inseln verändert hat. Die meisten alten Abbildungen der Isle of May hier vor der Küste etwa sind holländisch. Weil es früher regen Handelsverkehr zwischen Schottland und Holland gab – übers Wasser. Heute muss ich den Zug nach London nehmen und mich dann mühsam über Frankreich weiter durchhangeln.

Die »Nieuwe paskaart van de Orcades Eylanden«, also die »Neue Karte« von (1695), National Library of Scotland

Die »Nieuwe paskaart van de Orcades Eylanden«, also die »Neue Karte« von (1695), National Library of Scotland

Foto: DuMont Buchverlag

SPIEGEL: Was ist der größte Irrtum über das Leben auf Inseln?

Francis: Sie werden romantisiert. Das Leben auf Inseln bringt es mit sich, dass alle viel enger miteinander verbunden sind, mehr Verantwortung füreinander übernehmen als in der Stadt: Sie müssen, es geht nicht anders. Es ist ein Paradox, das D.H. Lawrence in einer Kurzgeschichte  beschreibt, über einen Misanthropen, der auf eine Insel zieht, um allein zu sein, und dann immer weiter reist zu immer noch entlegeneren Inseln, bis er komplett allein ist – und stirbt.

SPIEGEL: Und wie sind Sie der Romantisierung entkommen?

Francis: Ich kenne auch die negativen Seiten des Insellebens, sei es die Monotonie des Isoliertseins oder die extreme Abhängigkeit voneinander. Aber das hält mich nicht ab, im Gegenteil. Mit dem Buch möchte ich zeigen, wie Inseln es uns ermöglichen, Kraft zu tanken. Besonders gut dafür sind Inseln, die sich auf einen Blick erfassen und an einem Tag ablaufen lassen. Großbritannien ist ja auch eine Insel – aber eben zu groß dafür. Deswegen konzentriere ich mich auf kleine, abgelegene Inseln.

SPIEGEL: Aber wie gelingt das, wenn derartige Inselerinnerungen fehlen?

Francis: Mein Werkzeug ist das Rad: Die Klinik, in der ich arbeite, ist zwölf Meilen von zu Hause weg – die Strecke zu radeln, gibt mir Raum und Zeit, um Abstand von allem zu bekommen. Es ist wichtig, dieses Gefühl auch in unserem Alltag zu kultivieren. Die Psychoanalyse lehrt uns, dass wir ein Minimum an Isoliertheit brauchen, um gesund zu sein. Es sollte egal sein, ob ich 1000 Meilen von der nächsten Küste entfernt bin oder in New York in einer Bar sitze, wie es in »Moby Dick« heißt. Aber ganz ehrlich: Ich habe das Glück, in Schottland zu leben. Hier gibt es viele Orte, die Rückzug erleichtern. Keine Ahnung, wie ich es schaffen sollte, würde ich Hunderte Kilometer von der Küste entfernt wohnen.

Am liebsten beschreibt Gavin Francis kleine Inseln, auf denen man die Isolation spüren kann

Am liebsten beschreibt Gavin Francis kleine Inseln, auf denen man die Isolation spüren kann

Foto: Romulic-Stojcic / DEEPOL / plainpicture

SPIEGEL: Haben Sie denn schon Ihren ersten Post-Pandemie-Inseltrip geplant?

Francis: Den habe ich schon hinter mir! Vergangene Woche sind meine Familie und ich auf die Isle of May gefahren. Sie ist nur eine Stunde mit dem Schiff von Edinburgh entfernt, der Fährbetrieb hatte gerade wieder begonnen. Es war wundervoll. Mai ist der beste Monat, um ein Vogelreservat zu besuchen: überall brütende Papageitaucher, Sperlinge, Möwen. Die nächsten auf der Liste: die Isle of Skye und Orkney. Also erst einmal nur schottische Inseln, solange die Quarantäneregeln unklar sind. So lange am Stück an einem Ort, ohne ins Ausland zu verreisen, bin ich zum ersten Mal, seit ich vor 25 Jahren zu Hause ausgezogen bin. Aber die nächste Reise zu einer für mich neuen Insel steht schon fest.

SPIEGEL: Wohin geht es?

Francis: Eigentlich wollten mein Sohn und ich auf die Insel Grímsey nördlich von Island, sie liegt auf dem Polarkreis. Unser Plan: mit der Fähre von Dänemark nach Island, dann nach Norden bis Húsavík, noch eine Fähre, dann sind wir da. Und stellen unser Zelt genau auf dem Polarkreis auf. Alles mit Schiff und Zug. Die Pandemie hat uns eines gelehrt: Wie leicht es ist, den CO2-Ausstoß zu senken, einfach, weil alle weniger geflogen sind.

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