Oliver Lücks erster Bulli unterwegs in Spanien
Oliver Lücks erster Bulli unterwegs in Spanien
Foto: Oliver Lück

Von Bulliliebe zu Vanlife Die Freiheit auf vier Rädern ist kleiner geworden

Seit 25 Jahren reist Oliver Lück im Bulli durch Europa. Den Begriff »Vanlife« gab es erst noch nicht – aber das Gefühl, frei und unabhängig unterwegs zu sein. Hier beschreibt er, wie sich das Reisen auf Rädern verändert hat.

Es ist ja so, dass Gerüche längst vergessene Bilder und Gefühle zurückholen können, auch Jahrzehnte später. Momente der Kindheit werden wieder lebendig. Erinnerungen an endlos lange Sommerferien, in denen an jedem Tag die Sonne schien, man mit einem Bärenhunger aus dem Freibad kam – und dann gab es Frikadellen mit Pommes! Manch einer wird nostalgisch, wenn er in der Fremde ein Bier aus der Heimat trinkt.

Bei mir ist es bis heute der Hauch von frisch gezapftem Diesel, der mich in der Zeit zurückreisen lässt. Kaum bin ich beim Tanken, bin ich im Urlaub. In Gedanken stehe ich an einer Zapfsäule in Nordspanien. Ich bin wieder 23 Jahre alt. Die Sonne scheint. Und ich habe Zeit.

Denn so fing das alles an mit dem Leben und Reisen auf Rädern. Es war 1996, das Jahr, in dem Rio Reiser starb. Ein Schaf namens »Dolly« kam zur Welt. Und ich hatte mir bei einem Bauern im Nachbardorf mein erstes Auto gekauft. Einen rostigen postgelben Bulli, Baujahr 1973. Für 2670 D-Mark. Ein Freund malte noch schwarze Posthörner auf die Türen und zwei Wörter in großen Buchstaben darunter: PEST auf die eine und ROST auf die andere Seite. Dann ging es los.

Das Reisen funktionierte ganz anders damals – ohne Handy oder Hilfe aus dem Weltraum. Es gab noch keine Navigationsgeräte und gerade mal das Internet, doch längst nicht für alle. Und ich weiß noch, dass ich eine Straßenkarte dabeihatte. Sie war aus dem Jahr 1979, Europa im Maßstab eins zu vier Millionen. Einzig die blauen Autobahnen waren halbwegs zu erkennen, die ich ohnehin nicht fahren wollte. Und rückblickend betrachtet hätte ich die Karte auch überhaupt nicht gebraucht, wollte ich doch sowieso zunächst immer an der Küste entlang. Rechts das Wasser, links das Land und ich irgendwie dazwischen, von Hamburg in Richtung Süden. Ich hätte mich gar nicht verfahren können.

Alles einfach, aber flexibel

Nach 85 Tagen und 16.000 Kilometern endete diese erste Tour mit Motorschaden am Offenbacher Kreuz, kurz vor dem Ziel meiner Rückreise. Doch sie war wegweisend. Denn mir war schnell klar geworden, dass ich weiter so reisen wollte – im eigenen Haus auf Rädern. Der Bus als Hotel und als Büro. Gleichzeitig unterwegs und trotzdem zu Hause. Alles drin, was ich brauche, sehr reduziert, aber ausreichend.

Fotostrecke

25 Jahre Van-Fan: Oliver Lück unterwegs im Bulli

Foto: Oliver Lück

In den Jahren zuvor war ich noch ganz anders unterwegs gewesen. Mit Rucksack und möglichst weit weg. Durch den Dschungel Costa Ricas. Durch die Straßen Kalkuttas. Hinauf auf die Vulkane Sumatras. Die eigene Heimat schien mir viel zu eng und normal, fast langweilig zu sein. Dann aber begann ich die Länder in der Nachbarschaft zu entdecken. In einem Kleinbus konnte ich unabhängiger reisen, bleiben, wo und wie lange ich wollte. Er bot mir einen geschützten Rahmen. Und jede Nacht das eigene Bett. Alles einfach, aber flexibel. Und so wurde aus meinem gelben Bulli ein roter und aus dem roten ein blauer, den ich seit 20 Jahren und einer halben Million Kilometer fahre.

Irgendwann Anfang der 2010er-Jahre veränderte sich was. Immer mehr selbst ausgebaute Campingbusse waren unterwegs. Immer schwieriger wurde es, an den schönen Orten der Atlantikküste in Frankreich, an der deutschen Ostsee oder in den Sommermonaten in Südschweden einen Schlafplatz für die Nacht zu finden. Entweder war dieser schon besetzt oder das wilde Campieren plötzlich verboten. Selbst in Ländern, wo das Schlafen in der Natur zu einem Grundrecht zählt.

Auf den Lofoten zum Beispiel, der norwegischen Inselkette, die sich wie ein knöcherner Finger 200 Kilometer weit hinaus ins offene Nordpolarmeer streckt, stehen an vielen Orten heute Verbotsschilder, wo vor zehn Jahren das Übernachten noch problemlos möglich war. Manche Nebenstraßen wurden von den Einheimischen zusätzlich mit schweren Ketten versperrt. »Es ist zu viel geworden«, erzählte mir bei meinem letzten Besuch einer der Inselbewohner, »gerade in den Sommermonaten überfluten Campingbusse und Wohnmobile unser Archipel. Und das noch größere Problem ist, dass viele der Leute sich nicht zu benehmen wissen. Sie kacken uns alles voll. Und ihren Müll lassen sie auch noch liegen.«

Man ist kein Camper, sondern »Vanlifer«

Die Freiheit auf vier Rädern ist kleiner geworden. Ganz so unbeschwert wie früher ist es nicht mehr. Auch Campingplätze müssen in manchen Regionen Wochen im Voraus gebucht werden. Und die Pandemie hat diesen Trend nochmals verstärkt. Heute fahren so viele Campingbusse auf den Straßen wie nie zuvor. Dazu die größeren Wohnmobile und Caravans. Inzwischen sollen es mehr als drei Millionen Deutsche sein, die mit dem eigenen Mobilheim verreisen. Gefühlt sind es sehr viel mehr. Tendenz: europaweit stark steigend.

Hinzu kommt die Karawane der modernen Nomaden, die das eigene Wohnmobil längst nicht mehr so nennen, sondern »Van«. Anfang der 2010er-Jahre setzte der amerikanische Fotokünstler und Bullifahrer Foster Huntington erstmals das Hashtag #vanlife. Heute sind es instagramweit über zehn Millionen Beiträge, »Vanlife« ist zu einem Social-Media-Lifestyle-Phänomen geworden. Man ist kein Camper, sondern »Vanlifer«. Und meist ist man »offroad« und »outdoor« unterwegs. Die Busreise ist zum »Roadtrip« geworden. Dabei ist eigentlich noch alles wie früher: einsteigen, abfahren, anhalten, ankommen.

Doch heute scheint jede Tour, die länger als drei Wochen dauert, medial begleitet, öffentlich geteilt oder gar inszeniert zu werden. Es gibt unzählige Webseiten, Blogs, Videokanäle und Magazine, die – online wie gedruckt – vom Leben und Reisen im eigenen Van erzählen. Menschen fotografieren ihre Fahrzeuge aus der Luft, zeigen ihre Gardinen und Einbauschränke oder lassen sich beim Kaffeekochen oder Zähneputzen filmen. Bulli-Emoji, betende Hände, Peace-Zeichen, Zwinker-Smiley. Dann werden Tipps für das wirklich wahre »Vanlife« gegeben. Doch vor allem vergessen die Van-Influencer nicht, Marketing in eigener Sache zu machen. Alles ganz easy, alles extrem durchgeplant.

Dabei ist Reisen doch eigentlich das, was passiert, wenn man gerade andere Pläne hat. Wie das australische Pärchen, was ich vor 20 Jahren in Portugal traf. Tagelang hatten sie mit einer Panne an der Hauptstraße eines Dorfes gestanden und den Motor ihres VW-Busses in sämtliche Einzelteile zerlegt. Sie saßen mit der englischsprachigen Ausgabe des Ratgebers »Jetzt helfe ich mir selbst« daneben. Er: »Wir haben überhaupt keine Ahnung von Autos, aber wir haben ja dieses Buch.« Sie: »Und wir haben Zeit.« Ich weiß nicht, ob sie es damals schafften, den Motor wieder in Gang zu bringen. Aber ich hatte sofort verstanden, worum es den beiden beim Unterwegssein ging.

»Auch bei uns polnischen Nachbarn ist es schön«

Was bei den oft rosarot gefärbten Selbstvermarktungsberichten oft vergessen wird: Das Leben im Bus ist – natürlich – nicht immer nur sonnig und aufregend. Wer mal drei Wochen am Stück im schottischen Sommer im nasskalten Bulli gesessen hat, versteht, warum es dort 23 Wörter für Regen gibt. Selbst das stundenlange Fahren ist in einem alten Bus alles andere als erholsam. Und auch die Staus werden nicht kürzer. Was tatsächlich gut am Trend »Vanlife« ist: Wer im eigenen Camper reist, bucht keine Flüge. Und: Mehr und mehr beginnen das eigene Land zu erkunden, um nicht tagelang durch halb Europa fahren zu müssen, bevor der Urlaub endlich anfangen kann.

Oder wie Marek, ein Wirt in der Danziger Altstadt, sagte: »Es muss nicht immer Indien sein, auch bei uns polnischen Nachbarn ist es schön.« Marek war klein und kompakt, doch vieles an ihm auch riesig. Sein Kopf, seine Oberarme, sein Bauch. Vor allem aber seine Hände, die so manchen seiner Sätze dadurch betonten, dass sie mit großer Wucht auf den glatt gewischten Tresen klatschten. Man konnte glauben, Marek war ein Kneipenphilosoph. Er sagte auch Sätze wie: »Wer zu Hause nicht zufrieden ist, wird auch auf Reisen nicht glücklich.« Er hatte recht. Hätte ich keine Heimat, wo ich gern bin, könnte ich auch nicht länger weg sein. Das Gefühl, nach Hause kommen zu können, wenn man möchte, ist Teil des Reisens geworden.

Irgendwann – es muss vor acht oder neun Jahren gewesen sein – ging dann die Uhr in meinem Bus kaputt. Die Zeiger blieben einfach stehen. Auf fünf vor zehn. Heute meine Lieblingszeit. Morgens kann man sich noch einen Kaffee machen und bis mittags noch was schaffen, abends ist der Abend auch noch nicht rum. Und seither ist es so: Wenn ich in den Bus steige, habe ich Zeit. Viel Zeit und kein Ziel. Eine gute Mischung.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.