Watamu-Nationalpark in Kenia Krieger zum Schutz der Natur

Unter Wasser die Walhaie, an Land die Löwen: Kenias Tierwelt ist spektakulär. Für ihren Schutz braucht das Land zahlungskräftige Besucher - doch im Tourismus herrscht seit Jahren Flaute.

Marc Hillesheim

Von Linus Geschke


Wenn sich ein Tourist in die staubigen Straßen von Watamu verirrt, wird er angebettelt. Um Geld, um Bohnen, um eine Tüte Reis. Die meisten Einheimischen gehen dabei nicht aufdringlich vor, sondern zurückhaltend. "Sie tun es nicht gerne", sagt Hans Langer, ein Deutscher, der an Kenias Küste ein Hotel betreibt. "Sie tun es, weil sie keinen anderen Ausweg sehen. Alles, was hier aufgebaut wurde, geht kaputt, wenn die Urlauber weiter fernbleiben."

Watamu war mal ein beliebter Touristenort am Indischen Ozean, zwei Stunden nördlich von Mombasa. Früher, als Touristen noch in größerer Anzahl nach Kenia kamen. Ausländer investierten hier, Fürstin Gloria von Thurn und Taxis kaufte eine Villa.

Heute stehen die meisten Hotels leer, sind viele der Bars, Restaurants und Geschäfte geschlossen. Das meistbesuchte Gebäude ist jetzt ein Zelt des Roten Kreuzes, in dem die Ärmsten der Armen Medikamente und täglich eine warme Mahlzeit bekommen. Für Langer bedeuten weniger Touristen weniger Angestellte - und wer in Watamu seinen Job verliert, bekommt so schnell keinen neuen.

Schon nach dem Bombenanschlag auf eine Shopping Mall in Nairobi im Jahr 2013 brachen die Touristenzahlen drastisch ein. Als dann ein Jahr später in Nigeria, Sierra Leone und Guinea die bislang größte Ebola-Epidemie ausbrach, reduzierte sich die Zahl der Reisenden nochmals. Während 2011 noch 1,75 Millionen internationale Touristen ins Land kamen, waren es 2014 laut Weltbank nur noch 1,26 Millionen. Hoteliers an der Küste hat es offenbar noch härter getroffen. Manche hatten damals um die 40 Prozent weniger Gäste im Vergleich zum Vorjahr.

Um die Sicherheitslage Kenias ist es nicht zum Besten bestellt. Das Auswärtige Amt warnt vor der somalischen Shabab-Miliz. Mehrere Anschläge und eine Reihe vereitelter Anschläge hätten die Entschlossenheit der Terroristen unter Beweis gestellt, heißt es in den Reisehinweisen zu Kenia. Besonders betroffen sei vor allem der Norden des Landes.

"Viele denken bei Kenia an Attentate oder die Ebola-Epidemie", sagt Hotelier Langer. "Dabei ist die Krankheit in Westafrika ausgebrochen, Tausende Kilometer entfernt. Aber in den Köpfen der Europäer ist Afrika immer gleich Afrika."

Da die Badeurlauber ständig weniger werden, hat Langer sich nach neuen Zielgruppen umgesehen - Taucher beispielsweise: eine Zielgruppe, die in der Tourismusbranche als besonders widerstandsfähig gegenüber Negativmeldungen gilt.

Die Tierwelt war schon immer Kenias größtes Kapital, sagt Langer, und nirgends sonst lässt sich eine Kombination aus enormer Artenvielfalt leichter finden. An einem Tag Löwen und Elefanten, am Tag darauf Schildkröten und Fische. Das passende Tauchgebiet liegt mit dem Watamu-Nationalpark direkt vor Langers Tür.

Taucher als neue Zielgruppe

Das Taucherlebnis ist hier ähnlich wie in der Karibik, aber nicht so farbenfroh wie im Roten Meer. Fischschwärme gibt es reichlich, ebenso Barrakudas und Napoleonfische.

Intakte Korallenformationen wechseln sich mit abgestorbenen Bereichen ab - die Folgen des Klimaphänomens El Niño sind im gesamten Indischen Ozean zu sehen. Bei den meist dicht an der Küste gelegenen Tauchspots pendeln die Sichtweiten zwischen zehn und 20 Metern. Weit genug, um Mantas und Walhaie schon aus der Ferne zu erkennen, wenn sie zwischen Dezember und Februar an der Küste vorbeiziehen.

Fotostrecke

11  Bilder
Watamu: Kenias verlorenes Küstendorf

Kenia muss zwischen Tourismus und Naturschutz abwägen. Insbesondere unerfahrene Taucher können Riffe schädigen, wenn sie wegen mangelnder Tarierfähigkeiten mit Korallen in Kontakt geraten. Dem gegenüber stehen die dadurch erzielten Einnahmen, die notwendig sind, um Naturschutz überhaupt finanzieren zu können.

"Ich liebe Taucher", sagt Eric Onyango Aduda. "Vor allem, weil jeder von ihnen auch eine Nationalparkgebühr entrichten muss. Sie helfen uns, unsere Arbeit zu tun." Dann zeigt er das Motorboot, den Geländewagen und die Gewehre, die neu angeschafft werden mussten. "Naturschutz ist teuer", erklärt der Mann, der in Watamu das örtliche Büro des Kenya Wildlife Service leitet. Die staatlichen Behörde ist für den Schutz der kenianischen Nationalparks zuständig. "Ohne die Safari-Touristen gäbe es im Landesinneren keine Nationalparks mehr."

Adudas Büro ist klein und wenig imposant: zwei Fenster mit verschmiertem Glas, ein paar schief aufgehängte Bilder und Infotafeln an den Wänden. Abuda trägt eine Uniform, in Tarnfarben, so wie Soldaten sie tragen. Er sagt, er sei ein Krieger.

Sein Einsatzgebiet? Der Watamu Marine National Park, ein lediglich zehn Quadratkilometer großes Meeresschutzgebiet, welches sich auf 300 Meter Breite zwischen der Küstenstadt Malindi und der Mündung des Mida Creek erstreckt. 600 Fischarten sollen dort vorkommen, mehr als 110 Arten von Steinkorallen. Dazu diverse Meeresschildkröten, Mantas und Walhaie. Aduda soll sie alle beschützen.

Patrouillieren gegen Wilderer

Er sagt, das sei kein Problem. Er habe 26 Leute vor Ort, die rund um die Uhr im Einsatz seien. An den Stränden entlangpatrouillieren, mit Motorbooten die Küste abfahren. Wilderer und illegale Fischerei würden ihm keine Sorgen machen. Nur das Geld. Das käme vom Staat, und in den letzten Jahren sei es immer knapper geworden. Wie alles in Kenia.

Anders als andere Umweltschutzorganisationen hat der Kenya Wildlife Service Befugnisse, die eher mit denen von Polizei und Militär zu vergleichen sind. 4860 Mitarbeiter und eine militärisch geprägte Struktur haben neben hohen Strafen dafür gesorgt, dass die Wilderei in Kenia - anders als in anderen afrikanischen Staaten - merklich zurückgegangen ist. Wer hier einen Löwen schießt, muss mit lebenslangen Haftstrafen rechnen. Wer sich der Verhaftung widersetzt, mit dem Einsatz von Schusswaffen. Es ist Naturschutz der konsequenteren Sorte.

Was heißt es, ein Krieger zum Schutz der Natur zu sein? Aduda sagt, dass es in Kenia Regeln gebe und diese Regeln eingehalten werden müssten. "Den Watamu Marine Nationalpark gibt es seit 1968", sagt er. "Er ist einer der ältesten in Afrika und wir werden nicht zulassen, dass er durch illegale Fischerei ausblutet." Das sei er dem Land schuldig - und den Touristen, die Geld ausgeben, um ihn zu sehen. "Ich hoffe nur, dass es bald wieder mehr sein werden."

Linus Geschke arbeitet als freier Autor für SPIEGEL ONLINE. Die Reise fand mit Unterstützung des Reisecenters Federsee statt.

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.