Weihnachten in China Big Business mit Zipfelmütze

Halloween, Weihnachten oder Valentinstag - die Chinesen feiern die Feste, wie sie fallen. Mit christlicher Religion hat der Lichterglanz in den Großstädten und die gigantische Tannenbaum-Produktion nichts zu tun. Vielmehr mit einem ausgeprägtem Geschäftssinn.


In den engen Gassen des Arbeiterviertels in der südchinesischen Millionenstadt Shenzhen gibt es gebrauchte Kühlschränke und Fernseher zu kaufen. Friseure und Wäschereien haben in den Häuserschluchten ihre kleinen Geschäfte, Händler bieten an den Ecken Gemüse feil. Durch die schmalen Gänge huschen Prostituierte, und auch die Angestellten des Restaurants "Goldene Essstäbchen" eilen zur Arbeit.

In diesem warmen Dezembertagen sind sie ungewöhnlich gekleidet: Die Kellnerinnen vom "Goldenen Essstäbchen" tragen rotweiße Weihnachtsmützen, am Schaufenster ihres Lokals hängt ein künstlicher Kranz: "Fröhliche Weihnachten!"

So skurril wie in Shenzhen geht es allenthalben in China zu. Das überwiegend atheistische Land feiert Weihnachten: Vor Pekings Vogelnest-Olympiastadion haben sie einen riesigen Baum aufgestellt, vor dem Arbeiterstadion und vielen anderen Sehenswürdigkeiten der Stadt blinken auch welche.

Die Stände im Shin-Kong-Einkaufszentrum im Pekinger "Central Business District" sind ebenfalls mit Tannenbäumen und mit bunten Geschenkpaketen dekoriert. Aus den Lautsprechern dudelt "Jingle Bells", Weihnachtskränze hängen an den Wänden, im Supermarkt, Untergeschoss A, gibt es Baumkugeln zu kaufen.

Ein Weihnachtsbaum aus Plastik, rund einen halben Meter hoch, kostet 78 Yuan (rund acht Euro). In der Supermarktkette "Jingkelong" gibt es ihn schon für 48 Yuan.

Weihnachtsdinner für 5200 Euro

Die Restaurants und Hotels haben den Heiligen Abend und den ersten Weihnachtsfeiertag als Verkaufsschlager entdeckt. Sie bieten spezielle Buffets und Gerichte an, spendieren dazu eine Portion Truthahn und ein Glas Rotwein. Die A-che-Bar in der Dongzhimenwai Straße lockt am Abend des 24. Dezember mit einem Buffet spanischer und lateinamerikanischen Speisen für 298 Yuan (31 Euro).

Das Pangu-7-Star-Hotel neben dem Olympiagelände wirbt gar in der englischsprachigen KP-Zeitung "China Daily" für ein "Courtyard"-Weihnachtsdinner mit "phantastischem Ausblick auf den Wasserwürfel und das Vogelnest". Der Preis pro Person: 3131 bis 5218 Euro. Dazu müssen mindestens zehn Personen pro Tisch erscheinen – alles ist im Voraus zu bezahlen, plus 15 Prozent Steuern, versteht sich.

"Wir feiern halt, wie die Feste fallen", scherzt ein Pekinger Professor, der sich mit seiner Familie am Weihnachtstag zum feinen Essen in den Zhai-Men-Meeresfrüchte-Garten im Osten der Stadt aufmachen will.

Chinas Weihnachtsscheußlichkeiten im Weißen Haus

Wohl bemerkt: Mit Religion oder gar einem Erstarken des Christentums in China hat dies alles wenig zu tun. Die meisten Kunden wissen wenig vom Hintergrund des Festes. Wie mit dem aus den USA importierten Valentinstag machen Chinas Kaufleute mit Weihnachten ihr Geschäft.

So sind der 24. und der 25. Dezember in der Volksrepublik denn auch normale Arbeits- und Schultage, nur die christlichen Kirchen dürfen an diesen Tagen ihre Festgottesdienste feiern. Geistliche Konzerte allerdings sind verboten.

In der südlichen Metropole Shenzhen produzieren sie künstliche Weihnachtsbäume bis kurz vor dem Fest auf Hochtouren. Um konkurrenzfähig zu bleiben, entwickeln die Hersteller immer neue Gags. Einige Bäume drehen sich, sprühen künstlichen Schnee und spielen Weihnachtslieder. An anderen hängen kleine LCD-Bildschirme.

Von fünf dieser in der ganzen Welt verkauften Furchtbarkeiten stammen mittlerweile vier aus Shenzhen – sogar das Weiße Haus hat welche bestellt.



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