Weltkulturerbe Malakka Im Duft von Pfeffer und Ingwer

Malakkas Häuser sind so bunt wie das Völkergemisch, das die Weltkulturerbe-Stadt bewohnt. Die koloniale Vergangenheit der malaysischen Hafenstadt lässt sich mit einer Rikschafahrt erkunden - oder mit einem kulinarischen Ausflug in eine Küche, die eine einzigartige Fusion der Kulturen ist.

Michael Lenz

Von Michael Lenz


Bei der Dekoration der Rikschas in Malakka ist alles erlaubt und nichts unmöglich. Die einzige Regel lautet: Darf's ein bisschen mehr sein? Je üppiger, je phantasievoller, je überdrehter der Schmuck an den urigen Gefährten ausfällt, desto besser. Eine Tour mit einer dieser Kitsch-Rikschas ist die originellste Art das historische Malakka zu erkunden: vom "Roten Platz" mit seinen holländischen Kolonialbauten zum malaiischen Sultanspalast, durch die chinesisch-koloniale Altstadt, das malaiische Viertel, durch Kleinindien, vorbei an chinesischen Pagoden, katholischen Kirchen, indischen Tempeln und islamischen Moscheen.

Kaum eine Stadt trägt den Titel Weltkulturerbe mit mehr Recht als die alte Hauptstadt eines malaiischen Sultanats, die im 15. Jahrhundert der wichtigste Seehafen für den Handel zwischen Orient und Okzident war. Kein Wunder, dass die Seeleute die Gewässer zwischen Sumatra und der malaiischen Halbinsel "Seestraße von Malakka" tauften. Noch heute passieren Schätzungen zu Folge 2000 Containerschiffe pro Jahr die Straße. Mit der Blütezeit Malakkas war es allerdings mit den Rivalitäten der Kolonialmächte in Südostasien vorbei, und Singapur hat die Rolle des wichtigsten Seehafens der Region übernommen.

Chinatown ist das historische Herz des kolonialen Malakka. In den Gassen mit den vielen pittoresken Shophäusern und prachtvollen alten Residenzen chinesischer und europäischer Kaufleute rings um die Straße Jalan Hang Jebat scheint die Zeit fast stehengeblieben zu sein. Handwerker gehen ihrem Gewerbe in Werkstätten nach, die abends zum Wohnzimmer für die ganze Familie umfunktioniert werden. In Coffeeshops sitzen ältere Chinesen, palavern, trinken Tee und genießen mit Schweinehack, Pilzen oder Krabben gefüllte Dim Sum.

Lediglich die Souvenirshops mit billigem, chinesischem Massenkitsch sind Konzessionen an die Gegenwart. Ebenso die elektrischen Glühbirnen in den roten Lampions, die nachts die Gassen in ein sanftes Licht tauchen. Und ein paar moderne Cafés, Kneipen und Hotels in der Jalan Hang Jebat selbst, die zu Zeiten der Holländer als Kolonialmacht "Junkerstieg" hieß.

Baba-Nyonya, Chittys und Eurasier

Malakka hat seit jeher Religionen, Völker und Kulturen aus aller Welt angezogen. Malaien von Java und Sumatra suchten in Malakka ihr Glück, chinesische Händler brachten Seide und Porzellan und fanden in den Kaufleuten aus Indien und Europa dankbare und zahlungskräftige Abnehmer. Es waren indische und arabische Händler, die vor vielen hundert Jahren den Islam nach Malakka brachten. Von dort breitete er sich über die malaiische Halbinsel und jenes Archipel aus, der heute Indonesien heißt.

Auf weitaus weniger fruchtbaren Boden fiel in Asien jedoch das Christentum, das der Mitbegründer der Jesuiten, der Spanier Francisco de Xavier, von 1545 an im Gefolge der katholischen Portugiesen von Malakka aus in Asien zu verbreiten suchte. Wer weiß, vielleicht wäre Asien heute katholisch, wären die Portugiesen nicht von den protestantischen Holländern als Supermacht abgelöst worden, die ohne christlichen Missionsdrang ausschließlich an dem lukrativen Handel mit Pfeffer, Muskatnüssen, Tee und Kaffee interessiert waren.

Alle Kulturen, die Asien in den vergangenen Jahrhunderten geprägt haben, haben in Malakka ihre Spuren hinterlassen. Im Portugiesischen Dorf leben bis auf den heutigen Tag Nachfahren portugiesischer Seeleute. Oft lagen die portugiesischen Galeeren monatelang in Malakka vor Anker, um auf den richtigen Wind zu warten, der sie zu den Gewürzinseln oder heim nach Europa blasen sollte. Zeit genug, sich mit einheimischen Frauen zu vergnügen und Nachwuchs zu zeugen.

Malakkas "Portugese Village" ist tagsüber wenig idyllisch, aber abends kann man in den vielen Fisch- und Meeresfrüchterestaurants direkt am Meer aus so manchem der leckeren Gerichte noch das portugiesische Erbe schmecken. Auch wenn die Sambalsauce zu den gebackenen Tintenfischen oder der Ingwer an den gedünsteten Miesmuscheln eine schmackhafte Konzession an kulinarische Tradition der Malaien ist.

Wie die portugiesischen Männer vor ihnen verbreiteten auch die Chinesen, Inder und Engländer großzügig ihre Gene und sorgten so für das Entstehen völlig neuer Ethnien: Baba-Nyonyas sind die Nachkommen von chinesischen Männern und malaiischen Frauen; Eurasier haben europäische Gene; die indisch-malaiische Mischung wird Chitty genannt. Die Malakka kulturell prägendste Volksgruppe sind bis heute die Chinesen und eben die Baba-Nyonyas oder auch Peranakan genannt, die der chinesischen Tradition näher stehen als der malaiischen. Manche der Chinesen waren als Händler gekommen. Die meisten aber wurden von den britischen Kolonialherren als Nachfolger der Holländer als Arbeiter in ihre Kolonie geholt.

Seidene Schühchen für die Touristen

Ein Beispiel für die Kultur der Peranakan ist die kleine, unscheinbare Schusterwerkstatt Wah Aik, schräg gegenüber dem farbenprächtigen, reich mit Figuren aus der chinesischen Mythologie verzierten Cheng-Hoon-Teng-Tempel aus dem 15. Jahrhundert. Dort stellen in dritter Generation die Brüder Raymond und Toni Yeo Seidenschuhe für abgebundene Füße chinesischer Frauen her. Abnehmer für die seidigen Folterschühchen sind aber nur noch Touristen, denn die grausame Unsitte der verkrüppelten Füße gehört der Vergangenheit an.

Das Hauptgeschäft der Yeos ist jedoch das Schustern jener prächtigen, eleganten Pantoffeln für die Nyonyas, die weiblichen Peranakans. Gearbeitet wird auf einer alten Nähmaschine von Singer aus Deutschland mit der Seriennummer EA 993932, die Großvater Yeo vor langer Zeit gekauft hatte. "Die musste noch nie repariert werden", sagt Raymond Yeo stolz. Für ein Paar der Prachtpantoffeln braucht er zwei Monate. So lange dauert es, bis seine Schwestern die winzig kleinen Perlen auf die Pantoffelkappe zu einem kunstvollen Muster vernäht haben.

Die Chinesen und die Malaien haben aber nicht nur ihre Gene, sondern auch ihre Kochrezepte fusioniert und eine einzigartige Küche hervorgebracht, die es außer in Malakka nur noch in Georgetown und in Singapur gibt. Das "Peranakan Restaurant" in Malakka ist so ein Ort, wo noch unverfälschte Baba-Nyonya-Kochkunst auf den Tisch kommt. Wie zum Beispiel Ayam Buak Keluak, ein mittelmäßig scharfes, leicht saures, gelb-orangefarbenes Curry mit Huhn und schwarzen Buak-Keluah-Nüssen.

Sinnlicher kann man Geschichte, Tradition und Kultur der Babas und Nyonyas von Malakka nicht erfahren.



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