Weltreise ohne Flugzeug Die Entdeckung der Langsamkeit

Der Brite Ed Gillespie umrundet die Welt per Schiff und Bahn. Für ihn und viele Gleichgesinnte ist Langsamkeit keine Einschränkung, sondern eine Rückkehr zum eigentlichen Sinn des Reisens – in die Welt einzutauchen, statt darüber hinwegzufliegen.

Von


"Die Abflughalle", antwortet Tony Wheeler, weltenbummelnder Gründer des Lonely-Planet-Verlags und Halbgott der Backpacker-Bewegung, wenn man ihn nach seinem Lieblingsort auf der Welt fragt. Das Kribbeln im Bauch vor dem Flug in ferne Länder, das Wissen, in nur wenigen Stunden Tausende Kilometer entfernt in einer anderen Zeit- und Klimazone anzukommen: Für viele liegt hier ein wesentlicher Aspekt der Faszination des Reisens.

Nicht für Ed Gillespie. "Wer die Welt erleben will, sollte nicht in einer Aluminiumwurst darüber hinwegfliegen", sagt der britische Globetrotter, der in einem Blog über seine einjährige Weltreise mit seiner Partnerin Fiona King per Bahn, Bus und Schiff berichtet. Von Europa geht ihre Reise nach Asien und Amerika, aus Costa Rica bringt sie ein Bananentransportschiff zurück nach England. Anstatt seine Reiseziele als schnell konsumierbare Produkte zu sehen, interessieren Gillespie die gemächlichen Veränderungen auf dem Weg, Reduktion ist für ihn die neue Üppigkeit.

Schnaps im Orient-Express

"Es ist schwieriger und abenteuerlicher, über den Landweg zu reisen, aber gleichzeitig eine viel reichere Erfahrung", sagt der 35-Jährige. "Auf Zugfahrten ist es leichter als im Flugzeug, ins Gespräch mit den Mitreisenden zu kommen – man verbringt mehr als 24 Stunden mit den gleichen Menschen, man schließt Freundschaften, teilt Essen oder auch mal einen Schnaps."

Auch wenn Reisende wie Gillespie mit Lonely-Planet-Reiseführern aufgewachsen sind, teilen sie nicht die Flug-Affinität des Verlagsgründers. Gleichzeitig verstärkt die Klimadebatte die Nachfrage nach umweltverträglichen Reisen.

Schon sehen manche einen allgemeinen Trend zu langsamen Reisen per Bahn, Schiff, Fahrrad oder zu Fuß, jüngst widmete das US-Magazin "Newsweek" dem Phänomen eine Titelgeschichte. Zehn-Tages-Gruppenreisen zu den Top-Sehenswürdigkeiten eines Landes, bis ins Detail durchstrukturiert wie ein Arbeitstag, sind bei Reisenden zumindest aus westlichen Ländern out. Schließlich hat man in der Nicht-Urlaubszeit genug mit To-Do-Listen zu tun. Je mehr Hektik und Stress der Job bringt, desto wichtiger wird ein Urlaub, bei dem man wirklich einen Gang zurückschalten kann.

Im Gedränge vor der Mona Lisa oder in der Schlange vor dem Kolosseum sind dazu allenfalls Großmeister der Zen-Entspannung in der Lage. Und klingt ein Buchtitel wie "Thousand places you have to visit before you die" nicht ein bisschen wie "Bis fünf Uhr brauche ich von Ihnen noch drei Verträge und den Quartalsbericht"? So suchen die "Slow Travellers" nach Reisezielen, die nicht auf den "Must see"-Listen stehen. Sie wollen kein Foto vom Eiffelturm oder eine Freiheitsstatuen-Postkarte zurückbringen, sondern eine gute Geschichte erzählen können – vielleicht über die Begegnung mit einem Maler an der Côte d'Azur oder einem alten Büffelzüchter in South Dakota.

Oder über ein elfjähriges chinesisches Kind, das die komplette Bahnfahrt dazu nutzte, um dem britischen Touristenpärchen Chinesisch beizubringen. "Den ganzen Tag lang zeichnete der kleine Junge Tiere, schrieb die chinesischen Schriftzeichen dazu, ließ uns Zahlen nachsprechen", erzählt Gillespie. "Es war phantastisch, wir hatten so viel Spaß, dass die Familie des Jungen fast vergaß, auszusteigen – plötzlich sprangen sie auf, sagten nur noch 'Oh my god', holten ihr Gepäck und hetzten zum Ausgang."

"Das wäre bei einem Flug echt einfacher"

Wer ohne Flugzeug um die Welt reist, braucht einiges an Flexibilität und Organisationstalent. Mehrere Containerschiffe stehen auf dem Routenplan von Gillespie und seiner Partnerin. Bei diesen Schiffen kommt es vor, dass sie ihre Route sehr kurzfristig ändern. Ursprünglich sollte es von Singapur nach Fremantle an der australischen Westküste gehen, stattdessen steuert die "MV Theodor Storm" jetzt Brisbane an der Ostküste an, 3000 Meilen entfernt. "Das Schiff kommt übrigens aus Deutschland, was wir vor allem an der bürokratischen Genauigkeit mit unseren Dokumenten merkten: Wir mussten endlos viele Kopien von Versicherungsdokumenten, medizinischen Gutachten und Ausweisen einreichen - das wäre bei einem Flug echt einfacher."

Trotzdem habe er das Fliegen, das früher in seinem Job als Meeresbiologe zum Alltag gehörte, bislang überhaupt nicht vermisst. Zumindest fast: "Als eine Fährverbindung zwischen Japan und China mehrfach ausfiel und ich deshalb sogar den Geburtstag meiner Freundin Fiona verpasste, habe ich mich schon geärgert. Sie war in China geblieben, während ich in Japan Freunde besuchen wollte."

Die Aussicht vom Deck auf der zweitägigen Überfahrt entschädigte dann doch noch für die Verspätung. "Das ostchinesische Meer ist atemberaubend schön, die vielen kleinen Inseln, die Fischerboote auf der Jagd nach Tintenfischen, die nächtlichen Lichter der Boote auf der enorm ruhigen Wasseroberfläche – ein sehr entspannender Anblick."

Jetlag in Sibirien

Von allen Zugreisen, die das Paar zwischen London und Tokio bislang erlebte, hat Gillespie zwei ungleiche Favoriten: die Semmeringbahn in Österreich wegen der atemberaubenden Bergpanoramen und die Transsibirische Eisenbahn als Gesamterlebnis. "Das ist wie ein kompletter Urlaub in einem Zug, in den sieben Tagen lernt man so viele Menschen kennen. Dazu kommt die ständig wechselnde Landschaft, die am Fenster vorüberzieht." Überrascht war er allerdings von einem Phänomen, das er auf einer flugzeugfreien Tour nun wirklich nicht erwartet hatte: "Das ist die einzige Bahn weltweit, in der man einen Jetlag bekommt – nach fünf Zeitzonen in vier Tagen fühlten wir uns tatsächlich ein wenig desorientiert."

Gillespie glaubt an einen allgemeinen Trend zu langsameren und dafür längeren Reisen. Er traf viele Weltenbummler, die im Flugzeug one-way möglichst weit weg von zu Hause fliegen und dann auf dem Landweg zurückkommen. "Noch vor zehn Jahren hatten viel weniger Menschen die Möglichkeit, eine längere Auszeit von der Arbeit zu nehmen. Heute dagegen gibt es viele befristete Verträge und die Möglichkeit, ein Jahres-Sabbatical einzulegen", sagt Gillespie. "Bei vielen ist das Geld nicht das Problem, sie müssen sich nur klarmachen, dass sie sich die Zeit nehmen können. Vielleicht nicht gleich für ein Jahr, aber zumindest für drei Monate."

Selbst wer nur zwei Wochen Urlaub hat, muss laut Gillespie nicht in den Billigflieger steigen. "Wer wenig Zeit hat, kann sich doch einfach nähere Ziele aussuchen", sagt er. "In Europa gibt es keine Entschuldigung, weil man innerhalb von 24 Stunden überall sein kann – ohne in ein Flugzeug zu steigen." Und ohne eine Abflughalle zu betreten. Denn mal ehrlich: Nüchtern betrachtet haben viele Abflughallen kaum mehr Charme als das Wartezimmer im Einwohnermeldeamt.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.