Fotostrecke

Vancouver Island: Bill, der fliegende Postbote

Foto: Pia Volk

Vor der Westküste Kanadas Postbote mit Propeller

Im Archipel der Discovery-Inseln klingelt der Postbote dreimal die Woche - doch statt mit dem Rad kommt er mit dem Wasserflugzeug in die kanadische Wildnis. Wer will, kann ihn begleiten. Und dorthin gelangen, wo die Menschen ein Leben fernab der Zivilisation gewählt haben.
Von Pia Volk

Bill Dutch ist Postbote. Nichts an ihm aber erinnert an einen Briefträger: Weder trägt er Uniform noch schiebt er ein Wägelchen vor sich her. Überhaupt muss Bill nicht weit laufen, nur wenige hundert Meter. Einen weiten Weg hat er dennoch. Dutzende Kilometer legt er in seinem Wasserflugzeug zurück, um die vor Vancouver liegenden Inseln mit Briefen und Paketen zu versorgen.

Die Westküste Kanadas ist rau - Klippen und Steilküsten reihen sich aneinander - und ein riesiges Stück Land, Vancouver Island, liegt im Meer davor. Dazwischen sieht es aus, als habe jemand ein Stück vom Festland abgebrochen und danach versucht, es notdürftig zusammenzupuzzeln. Viele kleine Inseln sprenkeln das Blau, dort, wo die Strait of Georgia, eine bis zu 30 Kilometer breite Wasserstraße, in die Discovery-Passage und weiter in die Johnstone-Straße übergeht. Gletscher haben diese Wasserwege ausgeschliffen, Inseln hinterlassen und Meerengen geformt.

Hier liegen die Discovery-Inseln, sie sind Bills Revier. Von Campbell River auf Vancouver Island startet er seine Posttour. Wer will, kann ihn in der Cessna U206D begleiten.  Statt einen alten Postsack hievt er drei große Plastikboxen mit der Aufschrift "Mail - Poste" in seinen kleinen Flieger, der nur vier Plätze hat. Zehn Kilo Post für jede der drei Inseln hat Bill dabei. Dreimal pro Woche macht sich der Anfang-50-Jährige auf den Weg.

Bill wirft den Propeller an, setzt die Kopfhörer auf und lässt die Kufen der Maschine über das Wasser gleiten. Sie schaukelt ein wenig - wer einen schwachen Magen hat, könnte seekrank in diesem Flieger werden. Von oben breiten sich Hunderte von Inseln in dunkelblauer See vor den Fluggästen aus. Sie sind überzogen von grünen Regenwäldern, die nicht klassisch dschungelartig sind, sondern aus Nadelbäumen bestehen. Hier in der Region um den 50. Breitengrad stellen sich Gebirgsmassive den feuchten Westwinden in den Weg, zusammen mit dem Einfluss des Ozeans entsteht ein mildes, aber regenreiches Klima, das die Bäume sprießen lässt.

Vier Generationen auf einer Insel

Einer der wichtigsten Bäume ist die Western Red Cedar, im Deutschen Riesen-Lebensbaum genannt. Ein Lebensbaum war es auch für die First Nations, die Indianer. Sie bauten aus dem Holz der Red Cedar Kanus und Totempfahle, webten aus den Wurzeln Körbe und aus der Rinde Matten. Nach diesem Baum ist das Postamt auf der Insel West Thurlow benannt: das Cedar Post Inn. Jenn, die Postmeisterin, wartet schon am Steg auf Bill. Ein paar Meter weiter sitzt ein älterer Mann vor einer Tanksäule, hat die Füße auf einen Hocker gelegt und liest Zeitung.

Vier Generationen von Jenns Familie leben auf der Insel: Die Eltern, Großeltern, sie und ihre Kinder. Es gibt hier nicht viel, ein paar Häuser, eine Marina und die letzte Tankstelle für die Boote auf dem Weg gen Westen. Die nächste gibt es erst wieder 200 Kilometer nordöstlich in Port Hardy. Boxen werden ausgetauscht, Papierkram unterschrieben, dann fliegt Bill wieder los, weiter durch die Inselwelt.

Der Pazifik liegt ruhig und friedlich da. Vancouver Island als schützender Wall vor der Westküste hält die Wellen draußen. Es ist ein phantastisches Gebiet für Bootsfreunde, mit viel Wind und wenig Wellengang. Vor Stuart Island, Bills zweitem Stopp, tummeln sich viele Boote in der Big Bay. Eine Yacht leuchtet weißer als die nächste. Als Bill zum Landen ansetzen will, verlässt gerade ein Boot den Hafen.

Bill fliegt eine steile Kurve, der Magen hebt sich, im Kopf beginnt es zu kreisen - ein Gefühl wie in der Achterbahn. "Entschuldigt bitte, aber ich muss vor den Wellen, die das Boot auslöst, auf dem Wasser sein", sagt der Postpilot durch das Mikrofon an seinem Kopfhörer. In der Cessna ist es so laut, dass man nur so miteinander reden kann. Am besten lässt man es aber ganz bleiben und gibt sich der Aussicht hin, bei der man nur immer wieder "Oh" und "Ah" rufen möchte.

Insel der Schönen und Reichen

Vor dem Postamt von Stuart Island, am Ende eines langen Steges, reihen sich die Postboxen aneinander. Niemand hier hat Briefkästen an seinem Haus, jeder muss sich seine Post abholen. Neben den Boxen prangt ein Bild von einem Mann mit einem riesigen Fisch, man hat es auf Lebensgröße vergrößert: Der Fisch ist so groß wie ein Kleinkind. Und wie ein kleines Kind freut sich der Angler über seinen Fang.

Das Postamt ist gleichzeitig ein Laden für alles, es gibt Angelzubehör, Süßigkeiten und Kram für den Haushalt. Hinter dem Tresen steht Sarah, eine quirlige Mittzwanzigerin. "Die Post mache ich nur so nebenbei", sagt sie und lacht, "eigentlich arbeite ich in den Hotels." Mit einer Armbewegung zeigt sie auf die andere Seite der Bucht, wo sich Luxushotels zwischen Bäumen und Felsen verstecken und die Yachtbesitzer ihre Villen haben.

Sarah findet es großartig, den ganzen Sommer bleibt sie und treibt sich zwischen den Schönen und Reichen rum. Auf dem Weg zurück zum Flugzeug sagt Bill: "Ich habe von hier aus mal Tommy Lee Jones mitgenommen." Aber mehr sagt er nicht. Der Luxus von Stuart Island ist die Verschwiegenheit der Mitarbeiter.

Stuart Island liegt vor dem Ausgang des Bute-Fjords, 80 Kilometer reicht er ins Landesinnere, kaum ein Tourist verirrt sich dorthin. "Es ist eine spektakuläre Landschaft dort, aber mit dem Auto kommt man nicht hin", sagt Bill. Manchmal fliegt er Menschen ein Stück den Fjord rauf und setzt sie dort ab, dann sind sie allein in der Wildnis: ohne Strom, Wasser, aber mit Grizzlys.

An anderen Tagen fliegt er Holzfäller raus zu den Inseln. Wälder bedecken fast zwei Drittel von British Columbia, der Provinz an der Westküste, und Holz ist eines der wichtigsten Exportprodukte. Von oben sieht man die Stämme zu Hunderten im Wasser schwimmen, das hellbraune Holz hebt sich von dem dunklen Wasser ab, und die kahlen Stellen leuchten im Wald, wo die Bäume einst standen.

Ein Leben fern der Zivilisation

Seit Mitte der Neunziger ist Bill Wasserpilot - und Postbote. Noch nie hat er einen Brief verloren. Die romantische Vorstellung, dass er den Gedanken anderer Menschen Flügel verleiht, interessiert ihn herzlich wenig. "Ich will nur das Flugzeug sicher landen", das sei sein Job, nicht mehr und nicht weniger. In der Bucht von Surge Narrows vor Read Island scheucht er ein paar Weißkopfseeadler auf, als er landet. Surge Narrows ist besonders: Es beherbergt eines der beiden schwimmenden Postämter Kanadas. Es sieht allerdings sehr unspektakulär aus, ein kleiner Wellblechbau auf einem dümpelnden Steg.

Ein Holzbau, von dem die weiße Farbe abblättert, steht am Rand. Das war einst der General Store, er musste dicht machen, weil die Kundschaft ausblieb. Auf Read Island versorgt sich jeder selbst. Jeden Nachmittag treffen sich die Einwohner an dem kleinen Holzsteg, kommen mit den Booten, um die Ernten aus ihren Gärten zu verkaufen, einzutauschen und ein wenig zu plaudern. Als Bill mit seinem Postflugzeug landet, packen gerade alle ein. Die Ersten sind schon wieder Richtung Einsamkeit gefahren.

Judith ist noch da. "Ich warte auf eine Kiste mit Büchern", sagt sie. Sie bestellt online, denn eine Buchhandlung gibt es auf Read Island nicht. Nichts gibt es dort, keinen Strom, kein Wasser, nur Ruhe. Die etwa 40 Einwohner der kleinen Insel haben für sich beschlossen, "off the grid" zu leben, abseits des Stromnetzes und meist auch fern der Zivilisation, der Städte und des Gewusels.

Zusammen mit Postmeisterin Renata hilft Judith, die drei Kisten aus dem Flugzeug zu laden. Wieder keine Bücher. "Sie wurden schon vor einer Woche losgeschickt, aber vieles dauert länger hier", sagt Judith. "Hoffentlich kommen sie am Freitag." Dann geht Bill wieder auf Tour.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.