Westmänner-Inseln Pompeji des Nordens

Auf Heimaey zieht das moderne Leben ein. Papageientaucher werden kaum noch gejagt, sondern per Webcam beobachtet, ein Tunnel soll die Westmänner-Insel mit dem isländischen Festland verbinden. Zugleich gräbt man Geschichte aus.

Von Henryk M. Broder


Heimaey: Durch einem Tunnel mit dem Festland verbinden
Ashkan Sahihi

Heimaey: Durch einem Tunnel mit dem Festland verbinden

Der Flug vom Reykjavíker Stadtflughafen dauert eine Viertelstunde, der von Bakki, auf der anderen Seite der Meerenge, nur sechs Minuten. Die Westmänner-Inseln, in Sichtweite vor der Südküste Islands gelegen, sind meistens einfach zu erreichen. Nur bei Nebel, Sturm und starkem Schneefall werden die Flüge eingestellt. Die Autofähre von Thorlakshöfn nach Heimaey, der einzigen bewohnten Insel, geht immer, aber die Fahrt dauert drei Stunden und kann auf den Magen schlagen.

Also muss ein Tunnel her, der das "Mainland" mit der Inselgruppe verbindet, so dass die "Westmänner" zum Arbeiten und Einkaufen hinüber fahren und Besucher unabhängig vom Wetter herüber kommen können. So ein Tunnel würde viele Milliarden Kronen kosten und sich kaum rechnen, denn auf Heimaey leben nur 4000 Menschen, die meisten vom Fischfang. Dennoch soll die 18 Kilometer lange Unterwasserröhre gebaut werden, denn Kosten spielen, wenn es um den Fortschritt und die Zukunft geht, auf Island keine Rolle.

Hausmalerei von Jakob Erlingsson: Super-Tunnel mit glücklichen Papageientauchern
Ashkan Sahihi

Hausmalerei von Jakob Erlingsson: Super-Tunnel mit glücklichen Papageientauchern

Der erste Schritt zur Realisierung des ehrgeizigen Projekts wurde bereits getan. Die Rückwand des Hotels Eyar ziert seit kurzem ein naturalistisches Gemälde. Es zeigt, wie sich der Maler Jakob Erlingsson den Super-Tunnel vorstellt, eingebettet in eine unberührte Landschaft, in der glückliche Papageientaucher mit ihren Familien nisten.

Denn der Papageientaucher ist gleich nach dem Kabeljau und dem Schellfisch das Lieblingstier der "Westmänner", so allgegenwärtig wie der Bär in Berlin. Der bunte Vogel sieht nicht nur lustig aus, er gilt auch als nahrhafte Delikatesse. Millionen von Papageientauchern siedeln auf den 15 Inseln, mindestens 1000 pro Einwohner, wahrscheinlich viel mehr. Von Anfang Juli bis Mitte August dürfen sie gejagt werden, dann steigen die "Westmänner"-Männer in die Klippen oder seilen sich von oben ab und riskieren Kopf und Kragen, um nicht mit leeren Händen nach Hause zu kommen.

Papageien-Watching per Webcam

"Die Papageientaucher werden trotzdem immer mehr, nur die Jäger sterben langsam aus", sagt Kristin Johannsdottir, die das "Innovationsbüro" auf Heimaey leitet. Der Job sei zu gefährlich, die Jungen würden lieber in der Bar sitzen oder im Internet surfen. Und wie bei den Walen, wo das "Whalewatching" inzwischen beliebter als das "Whalehunting" ist, kann man auch die Papageientaucher aus der Nähe beobachten, ohne ihnen nachsteigen zu müssen. Am "Klettsnef", im äußersten Norden von Heimaey, wurde eine Webcam aufgestellt, die man bei jedem Wetter vom Naturkunde- und Fischereimuseum "Fiskasafnid" aus bequem bedienen kann. Sie lässt sich in alle Richtungen drehen und ein starker Zoom macht es dem Zuschauer leicht, am Privatleben der Papageientaucher teilzunehmen.

Papageientaucher: Lieblingstier der "Wetmänner" - gleich nach Kabeljau und Schellfisch
Ashkan Sahihi

Papageientaucher: Lieblingstier der "Wetmänner" - gleich nach Kabeljau und Schellfisch

Die Sache ist so typisch isländisch wie das Fladenbrot ("Flatkaka") mit geräuchertem Lamm. Die Liebe zur Natur und Hightech bilden eine symbiotische Einheit. Typisch ist auch, dass der Leiter des Museums, Kristjan Egilsson, früher ein Klempner war; er übernahm das Haus vor 15 Jahren von seinem Schwiegervater, Fridrik Jesson, einem Lehrer. Man macht auf Island nicht unbedingt das, was man gelernt hat, eher, wozu man Lust hat.

Und man neigt dabei immer ein wenig zum Größenwahn. "Wir können nicht anders", sagt Kristin Johannsdottir vom Innovationsbüro, "wenn wir nur das machen würden, was realistisch ist, kämen wir nicht von der Stelle". Nun soll Heimaey nicht nur per Tunnel mit der großen Insel im Norden verbunden, bald soll es auch als "Pompeji des Nordens" bekannt und vermarktet werden. Im Januar 1973 brach auf Heimaey der Vulkan Eldfell aus, die gesamte Bevölkerung wurde in einer Nacht evakuiert. Als sich der Berg nach fünf Monaten beruhigt hatte, war die Insel um zweieinhalb Kilometer größer. Dafür hatte die Lava 400 Häuser unter sich erdrückt, die übrigen 800 waren von einer meterhohen Ascheschicht bedeckt. Die meisten wurden freigeschaufelt und instand gesetzt, aber eben nicht alle. "Wir wollen zehn bis zwölf dieser Häuser ausgraben, sie sind vermutlich vollständig erhalten, mit allem, was die Bewohner bei ihrer Flucht zurücklassen mussten."

Glaskuppel über Heimaey-Pompeji

Die Regierung in Reykjavík hat für das Projekt 200 Millionen Kronen bereitgestellt (etwa 15 Millionen Euro), ein Haus wurde bereits zum Teil freigelegt, eine Computersimulation, die Kristin anfertigen ließ, zeigt, wie die Anlage eines Tages aussehen könnte. Unklar ist noch, ob sie "open air" gebaut oder mit einer Glaskuppel überdacht wird. "Wie der Reichstag in Berlin, nur kleiner."

Kristin Johannsdottir an der Ausgrabung: "Wir haben nicht genug Arbeitslose"
Ashkan Sahihi

Kristin Johannsdottir an der Ausgrabung: "Wir haben nicht genug Arbeitslose"

Zurzeit sind acht Arbeiter im Einsatz, meist Schüler und Studenten, die mit dem Ende der Ferien aufhören werden. "Wir haben nicht genug Arbeitslose, die wir einstellen könnten", klagt Kristin, "wir werden ein paar importieren müssen."

Dazu kommen rechtliche Fragen, die noch geklärt werden müssen. Da die Bewohner entschädigt wurden, "gehören die Häuser der Stadt, mit allem, was drin ist". Persönliche Dinge wie Fotos und Familiendokumente wird man entweder den Besitzern zurück- oder dem örtlichen Museum übergeben. Und genau darüber gibt es unter den Westmännern und -frauen jetzt schon Streit. "Die einen finden die Idee prima, die anderen wollen alles so lassen, wie es ist."

Der Bürgermeister, die Geschäftsleute, das "Innovationsbüro" sind dafür, die Fischer dagegen. Sei es, dass sie den ruhenden Vulkan nicht aufwecken wollen, sei es, dass sie von Natur konservativ sind, der Tunnel und das "Pompeji des Nordens" würden das Leben auf den "Westmännern" stark verändern. Eine schnelle Anbindung und eine Touristenattraktion bedeuten mehr Besucher und mehr Einnahmen, aber auch mehr Unruhe und mehr Fremde im Paradies der Papageientaucher, die nicht gestört werden möchten.

Papageientaucher à la carte: Der bunte Seevogel gilt auf den Westmänner-Inseln als Delikatesse
Ashkan Sahihi

Papageientaucher à la carte: Der bunte Seevogel gilt auf den Westmänner-Inseln als Delikatesse

Deswegen überlegt Kristin, wie sie den Insulanern die Sache schmackhaft machen soll. "Wir werden die Arbeiten über fünf, sechs Jahre strecken und ein Programm für Touristen anbieten, sie sollen mitgraben dürfen", natürlich unter der Anleitung von Fachleuten. Dann wäre sie nicht auf Arbeitslose angewiesen, sie würde Geld sparen und das "Pompeji des Nordens" könnte als "Work in progress" angegangen werden.

Auch das wäre eine typisch isländische Lösung. Jetzt muss sich die Chefin des Innovationsbüros auf Heimaey nur noch etwas Passendes für den Tunnel einfallen lassen.



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