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31. Januar 2008, 05:54 Uhr

Winter Park Colorado

Steiler Flirt

US-Skiprofis und Einheimische lieben die Buckelpisten und steilen Abhänge, Anfänger suchen auf grün beschilderten Pisten das Weite: Das Skigebiet Winter Park bei Denver verdankt seinem Ruhm einer ganz besonderen Dame.

"Mary Jane" sieht verführerisch aus, schneeweiß glitzern ihre Rundungen in der Sonne. Nur hier und da sind sie von Kiefergrün spärlich verhüllt. Von solchen Kurven träumt jeder Skifahrer. Doch Anfänger sollten sich vor einem Flirt vorsehen, denn diese "Dame" macht es ihnen nicht gerade leicht.

Neben Winter Park Mountain, Vasquez Cirque und Vasquez Ridge zählt "Mary Jane" zu den vier Gipfeln, die das Skigebiet Winter Park bilden. Es liegt 1,5 Autostunden westlich von Denver im US-Bundesstaat Colorado und bietet ein Netzwerk von 25 Liften und 142 Abfahrten. Einen Skizirkus wie in den Alpen gibt es nicht, aber Verbindungsstrecken von Berg zu Berg.

"Wagon Train ist ein lahmer Ziehweg", sagt Jim Ellis und zwinkert mit den Augen. "Nimm' lieber Tin Horn, da kannst Du den ganzen Weg rüber zu Vasquez Ridge rutschen." Der Senior mit den Lachfältchen ist einer von 150 ehrenamtlichen "Gastgebern" in Winter Park. Leicht an den schwarzgelben Anoraks zu erkennen, geben die "hosts" Auskunft, sie weisen den Weg oder leiten - wie Jim Ellis - gratis Skitouren.

Jeder Berg hat seinen Charakter, sagt Jim. Winter Park Mountain etwa hat 50 Prozent leichte Abfahrten. Von jeder Bergstation führen meist einfache grüne und schwierige schwarze Pisten zur selben Talstation, so dass Anfänger und Profis im gleichen Lift sitzen.

Winter Park erlebt gerade seine 69. Skisaison. Es ist damit das am längsten betriebene und nach Vail, Keystone und Snowmass flächenmäßig auch immerhin das viertgrößte Resort in Colorado. Trotzdem ist der Ort kaum über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Vielleicht ist das so, weil das von Viertausendern umringte 717-Seelen-Nest nicht direkt am Interstate-Highway 70 liegt, sondern versteckt jenseits des Berthoud Pass im weit auslaufenden Fraser Valley.

Familienspaß statt Schicki-Micki-Skizirkus

Als Lagerplatz für Holzfäller, Bergarbeiter und Eisenbahnbauer, die von 1925 an den Moffat-Tunnel durch die felsigen Flanken von James Peak bohrten, hat Winter Parks kurze Geschichte offiziell begonnen. Die Menschen hier sind stolz auf die Vergangenheit als Arbeitercamp, die bis heute nachwirkt: Winter Park will ein normales Städtchen sein, weder protzig noch schnieke und ohne falsche Fassade, aber mit einem vernünftigen Preis-Leistungs-Verhältnis.

Filmstars wie im schicken Aspen laufen einem hier nicht über den Weg. Stattdessen kommen Familien. "Hier interessiert niemanden, ob ich neue Skier habe oder meine Mütze farblich zum Anorak passt", sagt Jonelle Sandel, die mit ihrem Mann und zwei kleinen Töchtern aus Denver hierher kommt, so oft wie es geht. An den Wochenenden der Hauptsaison von Januar bis Ende März zuckelt der "Ski Train" früh morgens um 7.15 Uhr in Denvers Union Station los, hält an der Talstation wieder an und stampft nach Betriebsschluss wieder zurück in die Stadt - das ist sehr praktisch für Tagesausflügler.

Unter den Einheimischen gilt Winter Park als Denvers "Hausberg". Aber auch das US-Skiteam hat das Terrain für sich entdeckt und trainiert hier oft. Bis vor wenigen Jahren gab es relativ wenige Unterkünfte in Winter Park. Im "Village" entstehen jetzt jedoch vielstöckige Lodges mit spitzen Giebeldächern und Balkonen, die die Zahl der Quartiere nahe an den Pisten auf rund 1200 erhöhen werden.

Die Wahrheit über Mary Jane

So lange die Entwickler allenfalls einen schnellen Sechser-Sessellift wie den "Panoramic Express" ergänzen, mit 3676 Metern der höchste seiner Art in Nordamerika, sind auch hartgesottene Fans mit den Neuerungen einverstanden. Aber wehe, wenn wie im vergangenen Winter auch nur eine von "Mary Janes" Buckelpisten gewalzt wird. Dann wird lauthals geschimpft, und es werden Protestaufkleber auf den Stoßstangen spazieren gefahren. Naturbelassen, notorisch steil und alle Jahre wieder von Fachzeitschriften zu den besten auf dem Kontinent gewählt - so sollen die Extrempisten gefälligst bleiben.

"Mary Jane gab es wirklich", erzählt Jim Ellis. Sie war einst eine "Dame des Vergnügens", die sich den lokalen Männerüberschuss zunutze machte und mit Land für ihre Dienste bezahlt wurde - dem Land, auf dem heute die "Mary Jane"-Abfahrt zu finden ist. Mit ihren Rundungen genießt sie heute den gleichen Ruf wie ihre legendäre Namensgeberin.

Heike Schmitt, dpa

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