Wintermarkt in Lappland "Karneval bei minus zehn Grad"

Jedes Jahr im Februar treffen sich die Sami am Polarkreis zum "Jokkmokks Vintermarknad" - dem traditionellen Wintermarkt. Seit 400 Jahren handeln die Ureinwohner Lapplands dort mit Leder, Fellen, Rentierfleisch - außerdem wird getauft, geheiratet und kräftig gefeiert.


Farbenprächtiger Aufzug: zum Wintermarkt in Jokkmokk tragen viele Samis ihre Tracht
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Farbenprächtiger Aufzug: zum Wintermarkt in Jokkmokk tragen viele Samis ihre Tracht

Jokkmokk - Ungefähr bei minus zehn Grad endet der Winter. Zumindest ist das so am ersten Donnerstag im Februar in Nordschweden. Das Städtchen Jokkmokk am Rande des Polarkreises wird dann zum Rummelplatz der Sami: Lapplands Ureinwohner treffen sich zu ihrem traditionellen Wintermarkt. Sie handeln mit Rentierfellen, Fleisch und Snow-Mobilen, sie singen Joik-Gesänge und jagen ihre Rentiere zum Spaß über den See. Vom 3. bis 6. Februar 2005 feiert der Markt sein 400-jähriges Bestehen. Der schwedische König und rund 50.000 Besucher werden dazu in der Wildnis Skandinaviens erwartet.

"Das ist hier wie Karneval, eine fünfte Jahreszeit", schwärmt Birgit Meier-Thunborg. "Die dunkle Zeit ist vorbei. Es wird wärmer, tagsüber so um zehn Grad minus. Die Stimmung ist fröhlich und aufgeräumt." Die Anwaltsgehilfin hat 1991 ihre Heimatstadt Mönchengladbach verlassen und ist ausgewandert, zu Björn Thunborg nach Porjus, eine Viertelstunde Autofahrt nördlich von Jokkmokk.

Viele Sami, kaum Touristen

Im Februar 2004 handelte Birgit Meier-Thunborg zum ersten Mal selbst auf diesem Markt: mit Ziegenkäse und Räucherfleisch. "Der Vintermarknad ist ein einheimischer Markt mit wenig Touristen und sehr vielen Sami, auch aus Norwegen, Finnland und Russland", sagt sie. Ihr Mann Björn verkauft hier seit 42 Jahren Schinken von Ren und Elch, Fisch, Felle, Holzski für Langläufer und geteerte Lasso-Seile für Rentier-Hirten. Er ist so lange dabei wie kein anderer Händler.

Großes Angebot: neben Rentierfleisch und Snowmobilen werden vor allem Lederwaren verkauft
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Großes Angebot: neben Rentierfleisch und Snowmobilen werden vor allem Lederwaren verkauft

Björn Thunborg liebt Rentier, getrocknet, geräuchert oder als saftigen Schinken: "Es hat den wilderen Geschmack, ist stärker als Elch." Die Kräuter zum Würzen sammelt Thunborg selbst, er räuchert traditionell in der Kåta, dem Sami-Zelt. "Das habe ich alles von meiner Großmutter gelernt, die war eine norwegische Sami. Außerdem braucht man viel Gefühl. Meine ersten Fleischstücke sind mir verbrannt." Doch das ist lange her. Björn Thunborg lacht, schiebt die Fellmütze etwas zurück, rückt das Messer am Gürtel zurecht und reibt die Finger aneinander: "Die Fleischqualität fühle ich inzwischen."

Bleibt das Rentier stehen, hilft nur schieben und drücken

Nils Gustav Blind legt an den Marktabenden reichlich Rentierfelle auf seine Schlitten und führt seine Gäste in die Stille des Waldes von Jokkmokk. Von oben blitzen Mond und Sterne durch die Äste der nordischen Kiefern. Die Holzkufen knirschen über den Schnee, und es riecht nach Eis. Ansonsten herrscht pure Stille - zumindest so lange das Rentier den Schlitten zieht und beim Abwärtslauf nicht auf das voraus fahrende Gespann plumpst. Oder wenn es spontan stehen bleibt. Dann hilft nur: schieben, drücken, zerren, füttern, leise fluchen. Blind kennt die Tricks: "Ich bin damit aufgewachsen. Rentier-Hirte musst Du mit Leib und Seele sein." Und mit Geduld. "Wir vertrauen unseren Tieren und folgen ihnen. Zwingen kann man sie nicht."

In einer uralten Holzarbeiter-Hütte im Wald serviert Blind später Wodka, Rentier-Schinken und Geschichten aus seinem Land der mächtigen Flüsse und Seen, der Elche und Bären. Die Besucher wollen es nun wissen: Wie überredet denn der Sami so ein eigensinniges Rentier zum Schlittenrennen im Rundkurs auf dem zugefrorenen See von Jokkmokk? Blind schüttelt den Kopf. Das mit den Rennen ist zwar ein populärer Spaß, bei dem die Tiere machen, was sie wollen, da kann der "Jockey" brüllen, wie er will. Der Rentier-Hirte mag die Veranstaltung aber nicht sonderlich. Es passe einfach nicht zum Charakter der Tiere.

Mehr als 40.000 Menschen kommen nach Sapmi

Blinds Winterquartier ist Jokkmokk, die kulturelle Hauptstadt der schwedischen Sami. Rund 3400 Menschen leben in der Stadt. Zu den drei Tagen des Wintermarktes kommen Jahr für Jahr mehr als 40 000 Menschen nach Sapmi, wie die Ureinwohner Nord-Skandinaviens ihr Land am Polarkreis nennen. Früher sagte man Lappland.

Rentierrennen: Mancher Jockey hat Mühe, die Tiere im Zaum zu halten
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Rentierrennen: Mancher Jockey hat Mühe, die Tiere im Zaum zu halten

Wer tagsüber eine Pause braucht vom Markt, mietet sich ein Snow-Mobil und düst auf ausgeschilderten Wegen über den Fluss und durch die Wälder, er lässt sich mit Hundeschlitten durch die weite Schneelandschaft kutschieren - oder er geht zu Helena Länta. Die Sami-Frau steht auf dem zugefrorenen See Talvatis am Ortsrand. Sie trägt Tracht, friert und lacht mit der Sonne um die Wette. Eigentlich managt sie ihre eigene Rentierherde, doch zum Wintermarkt öffnet sie ihr mobiles Restaurant: In Sami-Zelten brutzelt Rentierfleisch auf dem Grill. Für die Gäste hat Helena die blaue Daunenjacke beiseite gelegt, um ihre Tracht mit Rock und Mütze zu zeigen: "Das Blau steht für das Wasser, Gelb für die Sonne, Grün für die Erde und Rot für das Leben." Die Borden und Stickereien variieren je nach Familie.

Zur Tradition gehört auch der Joik, eine Art Obertongesang. Es klingt in der klassischen Variante ein wenig wie Jodeln, wie eine mal melancholische, mal tänzelnde Lautmalerei. Zum Wintermarkt sind neben traditionellen Interpretationen auch Pop-Versionen zu hören, etwa bei Open-Air-Konzerten mit Eisblock-Percussion und Schamanen-Trommel. Die Jugendlichen feiern in der zur Discothek umgebauten Eissporthalle, alle in Tracht und mit einem Mix aus Pop, Rock und Joik.

Hotels sind bereits ausgebucht

Die Hotels in Jokkmokk sind zum Wintermarkt allerdings bereits ausgebucht. Das Tourismus-Büro vermittelt Privatunterkünfte sowie Quartiere in Schulen und Liegewagen der Bahn sowie in einem Camp aus Holzhütten im Stil der Sami-Zelte auf dem zugefrorenen See am Ortsrand. Außerdem gibt es Hotels in Orten in der Umgebung wie Gällivare, Porjus und Kvikkjokk. Zwischen diesen Orten und Jokkmokk fahren regelmäßig Busse, nach Gällivare fährt auch die Bahn.

Helena Länta freut sich schon jetzt auf den Markt-Trubel im Februar: "Unsere Gäste sollen den Duft von Sapmi riechen, der letzten Wildnis Europas, die seit Tausenden von Jahren unsere Heimat ist."

Ulf Grüner, gms



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