Wladiwostok Europas letzter Außenposten?

Nur wenige Fähr- oder Autostunden trennen Wladiwostok von China, Korea und Japan. Und doch erinnert die Stadt an Danzig oder Königsberg. Doch wohin soll’s jetzt gehen? Die einen haben aus Wladiwostok eine Art Detroit gemacht. Die anderen malen es sich als Cannes der Zukunft schön.

Von Michael Stührenberg


"Eine Reise nach Wladiwostock", sagt Pawel Wyschniak, "sollte über das Meer führen." Es sei eine Frage der Perspektive: Erreiche man Russlands Fernost-Hafen per Schiff, begreife man ihn sofort als ein Tor zu Asien. Auf dem Landweg hingegen, zum Beispiel als Reisender auf dem Transsibirien-Express, könne man sich bei der Ankunft in Wladiwostok kaum noch von der Vorstellung lösen, dass diese Stadt sechs Zugnächte östlich von Moskau liegt und ihre 600.000 Einwohner am äußeren Rand des Reichs leben müssen, sieben Zeitzonen vom Zentrum entfernt. In der Verbannung.



"Das ist die große Frage", sagt Wyschniak: "Sind wir das Ende von Russland oder der Anfang von Asien?" Pawel Wyschniak ist Millionär. Und vor der Arroganz des Reichen geschützt, weil er auch Fußballnarr, Rockfan und ehemaliger russischer Landesmeister im Kegeln ist. Als überzeugter Vertreter der Devise "Wladiwostok liegt am Meer!" braust er an fast jedem Sommerwochenende im Boot aus dem Hafen, vorbei am kurzen Leuchtturm, der die Öffnung der Bucht markiert, und hinaus zu Inseln, die ihm wie Wladiwostoks maritime Vororte erscheinen. An diesem Morgen hält Wyschniak auf Rikorda zu. Bewaldete Ufer, ein Hügel im Inselzentrum, das Eiland wirkt völlig verlassen.

Der Bootsmann wirft den Anker. Wyschniak hechtet ins warme Wasser - Rikorda liegt auf einer Höhe mit Monaco - und krault die letzten 100 Meter bis zum Ufer. Dort folgt er einem Trampelpfad, der zu einer Müllgrube und einem Plumpsklo führt, kurz davor jedoch auch zu einem Holztisch abzweigt, gedeckt mit Jakobsmuscheln, Seegurken, Schrimps - so unvermutet wie das "Tischlein deck dich".

Rikorda ist die kulinarisch-philosophische Ausdruckswelt des Gennadi Fetejewitsch. Unter hohen Bäumen seines Inselwaldes stehend, hebt der Züchter von Meeresfrüchten und Bewirter von Millionären zum Gruß sein Wodkaglas und erzählt seine liebste Anekdote: "CIA und KGB haben intensiv geforscht: Warum zieht eine so kleine Insel so wichtige Männer an? Nun wissen wir die Antwort: Weil über Rikorda eine kosmische Röhre hängt!" Fetejewitsch lacht und bringt einen Toast aus: "Auf alle wichtigen Leute, die nach Rikorda kommen!" Auf Männer wie Roman Abramowitsch also, der mit sibirischem Öl den FC Chelsea gekauft hat.

"Unsere Zukunft heißt Ostasien"

So groß war seine Yacht, dass sie weit vor Rikordas Ufern ankern musste. Bodyguards stürmten die Insel, bevor sich der Oligarch zu den Mücken in den Wald setzte und eine Portion Jakobsmuscheln bestellte. Auch Michail Chodorkowski hat an diesem Tisch gespeist. Damals, als er noch die Gnade von Putin und das Vermögen von Yukos besaß. Und nun sitzt Pawel Wyschniak an der Tafel der neuen Fürsten. Ein Selfmademan in Badehose. Begonnen hat er seine Karriere als Sportredakteur einer Wladiwostoker Lokalgazette. Nun, mit 40 Jahren, ist er Herausgeber von sieben Zeitungen, Besitzer von 250 Kiosken und Herrscher über die rund 1000 Angestellten von "Vladpressa Inc.".

Ein Mann, der an Wladiwostok glaubt und keine Gelegenheit auslässt, sein Credo zu proklamieren: "Unsere Zukunft heißt Ostasien. Unsere nächsten Nachbarn sind China, Korea und Japan. Gemeinsam werden wir uns in einen pazifischen Wirtschaftsraum integrieren." Er lächelt, vielleicht fällt ihm die ungewollte Ironie in seinen Worten auf. Denn Pawel Wyschniak ist nicht über Geschäfte mit ostasiatischen Nachbarn reich geworden, sondern, im Gegenteil, dadurch, dass er Wladiwostok noch fester an das europäische Russland gekettet hat.

Als die Perestroika Anfang der 1990er Jahre den Pazifik erreichte, entdeckte Wyschniak seine Chance in dem Info-Jetlag der sterbenden Sowjetära: Gedruckte Nachrichten brauchten oft zwei Tage, um von Moskau nach Wladiwostok zu gelangen, und schmeckten bei ihrer Ankunft recht abgestanden. Vor allem im Sport: Wen interessiert schon ein Ligaspiel, das vor 48 Stunden abgepfiffen wurde?

Dank moderner Technologien, eines besseren Transportwesens und einer effizienteren Organisation als der des sowjetischen Pressevertriebs sorgt Wyschniak nun dafür, dass Wladiwostok, was gedruckte russische News anbelangt, fast in derselben Zeitzone zu liegen kommt wie Moskau. Nach dem Mittagessen führt Fetejewitsch zu der aufgedockten Dschunke am Ufer: seiner Wohnung. Alle Fenster sind zerschossen: "Neulich kamen Gangster in einem Schnellboot und haben drei Tonnen Meeresfrüchte geklaut!"

Während die Kugeln pfiffen, hockte Fetejewitsch in der Dschunke und betete. War es die "kosmische Röhre", die ihn an jenem Tag gerettet hat? Auf jeden Fall, meint der Inselgastwirt, habe Wladiwostok "dasselbe Geschäftsklima wie Moskau" - und nicht etwa jenes wie Tokio, Seoul oder Beijing. Also liegt die Stadt womöglich doch nicht am Anfang von Asien, sondern am Ende von Europa.

"Auf ewige Rückkehr!"

"Wladiwostocker sehen sich als Seeleute", sagt Nikolaj Sortschenko. Oder besser, als Leute der See, Bewohner einer Stadt, die keinem Kontinent angehört, sondern eine Verlängerung des Meeres darstellt. Auf jeden Fall ein pazifischer Ort, weshalb Sortschenko auch als Inhaber des Traumjobs von Wladiwostok gelten kann: Er ist Kapitän der "Pallada", eines Dreimasters mit 26 Segeln und 143 Kadetten an Bord. Ein Schulschiff, das es noch immer mit allen sieben Meeren aufnimmt. "'Die Pallada' ist das Wahrzeichen von Wladiwostok", sagt Sortschenko, auch er ein Mann von Trinksprüchen.

Gerade hat er unter einer Sitzbank in der Offiziersmesse einen Schnaps hervorgekramt, hat eilig ein paar kleine Gläser gefüllt und das seine zum ersten Toast erhoben: "Auf ewige Rückkehr!" In der Regel ist sein Schiff die Hälfte des Jahres unterwegs. Und jedesmal, wenn es gen Heimat segelt und in die Bucht des Goldenen Horns einläuft, erkennt Sortschenko schon von weitem im Gesicht seiner Stadt die Züge einer glorreichen Vergangenheit und noch immer lohnenswerten Zukunft.

Einlaufenden Seeleuten erscheint Wladiwostok oft wie ein Gemälde, von dem als erstes der Rahmen auffällt: die Kammlinie einer dicht bewaldeten Taiga über der Stadt. Und die Bergrücken an ihren Flanken. Dort sind Anfang des 20. Jahrhunderts eine Reihe von unterirdischen Verteidigungsstellungen angelegt worden, teilweise miteinander verbunden durch ein Labyrinth kalter, feuchter Gänge, in denen die gesamte Stadtbevölkerung im Falle eines japanischen Angriffs hätte Platz finden sollen.



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