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Wohnzimmer des Orients: Im Geiste der Gastfreundschaft

Foto: Christian Fuchs

Wohnzimmer des Orients Von Teppich zu Teppich

Barbecue auf einem türkischen Berg, Tanz mit syrischen Junggesellen und die Nacht auf einem kurdischen Hausdach: Wer im Orient reist und Menschen kennenlernen möchte, braucht kein Profil bei einer Mitschlafzentrale. Wichtiger sind Offenheit und ein bisschen Zeit.

Träume aus Tausendundeiner Nacht werden im Orient nicht auf den Matratzen von SheratonHiltonRadisson-Hotelkomplexen wahr, sondern auf dem teppichbelegten Boden bei einfachen Familien. Dort wo die gesamte Sippe zusammenhockt, Tee trinkt, Wasserpfeife raucht und aus unzähligen Schüsselchen das Kichererbsenmus Hummus, arabischen Fattusch-Salat oder Butterreis mit Hühnchen isst.

Doch wie kommt man auf das Hausdach einer kurdischen Großfamilie oder in die Junggesellenbude eines syrischen Basketballprofis? Offenheit und ein wenig Zeit sind wichtiger als ein Profil bei westlichen Mitschlafzentralen im Internet, wie Couchsurfing oder Hospitality Club.

Die Couchsurfing-Idee, sich als Reisender vorher bei Privatleuten anzumelden, weil man ein paar Nächte auf fremden Fußboden nächtigen möchte, ist absolut un-arabisch. Im Mutterland der Gastfreundschaft trifft man sich auf der Straße, im überfüllten Minibus oder nachts beim illegalen Bemalen von Fußwegen. Unglaublich? Wir haben es erlebt.

Mobilephoneshops und Nargile - Auf dem Hausdach einer kurdischen Großfamilie

Genau eine Minute und 23 Sekunden. So lange dauerte es von der Einreise nach Syrien, bis wir die erste Unterkunft bei einer Familie gefunden hatten. Aber was heißt, wir hätten sie gefunden? Sie hat uns gefunden.

Am kleinen Grenzübergang zwischen der türkischen Kurdenhauptstadt Diyarbakir und dem syrischen Qamischli werden wir zwei Stunden lang gefilzt. Nach den Bürokratiestrapazen lassen wir uns in den Schatten einer Grenzkontrollterrasse plumpsen. Sofort bekommen wir ein kühles Wasser in die Hand und ein Mobiltelefon ans Ohr gedrückt. Irgendetwas mit "Mobilephoneshop" und "Chai" kommt da raus - und wir sagen einfach: "Okay."

Der Wasser-in-die-Hand-Drücker hält einen Gurkenlaster im Kreisverkehr an, setzt uns auf den Beifahrersitz und klettert selbst auf die Ladefläche. Drinnen fragt der Fahrer: "Na hallo, wo gommt ihr zwee denn her?" Er hatte vor 40 Jahren in Dresden studiert, und wir plaudern so lange, bis der Gurkenlaster kraftlos absäuft. Aber bis zum "Mobilephoneshop" und unserer neuen Familie ist es nicht mehr weit.

Nacht unter einer Palme

In einem Einkaufscenter, in dem es nur "Mobilephoneshops" gibt, wartet Isam. Er hat eine große Nase und schlechte Haut, aber was ihn wirklich charakterisiert, sind ein großes Herz und keinerlei schlechte Eigenschaften. Weil man das nicht sofort sieht, bleiben wir im Shop wegen der angenehmen Kühle der Klimaanlage. Nach ein paar Minuten leichter Konversation und einigen Tees ist klar: Wir sollen hier bleiben, uns zum Essen einladen lassen und Isams Familie kennenlernen.

In den folgenden Tagen können wir uns kaum entscheiden, in welchem Anwesen der Familie wir übernachten wollen. Wir lernen, richtig Nargile, die Wasserpfeife, zu rauchen, bekommen neue Haarschnitte in Friseursalons der Familie, heizen auf dem Rücksitz von Motorrädern über die staubigen Pisten der unspektakulären Wüstenstadt. Und wir bekommen stets die besten Schlafplätze in den Häusern unserer Gastgeber.

Der schönste lag unzweifelhaft unter einer grünen Palme auf dem Dach von Isams Haus. Nachts hielt uns der Sternenhimmel vom Schlafen ab, und morgens weckte uns die Sonne.

Lange Beine, High Society - Auf dem Sofa eines syrischen Basketballprofis

Sie bemalen gerade den Bordstein, als wir sie zum ersten Mal treffen. Eine Gruppe junger Syrer in weiten HipHop-Klamotten streicht im Schein der Straßenlaternen den Bordstein abwechselnd in Schwarz und Weiß. "Das sind bestimmt subversive Street Artists", denken wir und greifen mit zu den Pinseln. Es ist aber keine Kunstaktion, bei der wir da helfen, sondern ein Dienst für Allah. Die Jungs hübschen den Bordstein rings um die Moschee auf und zeigen, dass sie gute Muslime sind und Muslime gute Dinge tun.

Wir schauen uns verstört an. Die Moschee wurde erst vor zehn Jahren in die Mitte des Christenviertels der Stadt Aleppo gebaut, ringsherum befinden sich die Gotteshäuser von Armeniern, Katholiken und Orthodoxen. Die Minarette der Moschee überragen alle umstehenden Gebäude und leuchten nachts in Grün, der Farbe des Propheten.

Tanzen zu Take That

Unsere gegenseitige Spontaneität imponiert uns, also verabredeten wir uns auf eine Wasserpfeife am kommenden Tag. Anders als erwartet, schmauchen wir die Nargile nicht auf Liegesofas mit orientalischen Mustern oder in einer Koranschule, sondern auf dem Freisitz des "Oriento" - einem jener teuren Restaurants, wie es sie in jeder europäischen Großstadt gibt.

In diesem Viertel der Stadt gehen unverhüllte Highheel-Trägerinnen in Mango- und Kookai-Läden einkaufen. "Wir spazieren hier jeden Abend entlang, um Freunde zu treffen und Mädchen abzuchecken", sagte Emad, ein 2,04 Meter großer Basketballspieler von Al Ittihad Aleppo, dem syrischen Basketball-Vizemeister.

Wir verabredeten uns wieder für den kommenden Tag, der uns erst in ein Luxusschwimmbad, auf eine High-Society-Party im angesagten "White Club" und später noch in Emads Junggesellenbude führt. Nach wenigen Minuten steht eine Flasche Wodka auf dem Tisch, die den interkulturellen Dialog noch zusätzlich befeuert. Der Abend endet mit spontanen Tanzeinlagen zwischen Couchtisch und Sofa zum im Chor geschmetterten Hits von Take That und Julio Eglesias: "You feel the way that I do, I feel like you do."

Vom Small Talk zur Freundschaft - Im Wohnzimmer einer türkischen Familie

Das Kennenlernen beginnt mit einem Abschied. Vier junge Türken in schwarzen T-Shirts stehen jenseits des Busfensters und winken dem abfahrenden Langstreckenbus hinterher. Sie klönen, geben stumme Zeichen und rudern winkend mit den Armen. Die Zeichen gelten Ilyas, einem 23-jährigen Bauingenieur-Studenten. Von seiner Uni-Stadt Trabzon am Schwarzen Meer fährt er zu seiner Familie in ein kleines Dorf im Süden der Türkei, nahe Adiyaman.

Nach einigen Minuten tippt er uns auf die Schulter und fragt uns über Deutschland aus: von Ausländerfeindlichkeit bis Visa-Bestimmungen. Noch sitzt er im Bus hinter uns, in den nächsten Tagen wird er viel in einem Wagen vor uns sitzen: Ilyas zeigt uns seine Welt.

Sie beginnt in einem kleinen Lehmhaus, vor dem eine einzelne Kuh ihr Heu kaut. Die staubigen Wege, die zu den Weizenfeldern hinaufführen, sind von den Rinnsalen des nachbarlichen Waschwassers durchzogen. Ilyas Mutter trägt ihr Kopftuch locker mit dem Knoten nach hinten gebunden und richtet das Wohnzimmer für die Gäste. Das besteht aus einem Raum, in dem Sitzkissen auf dem Boden liegen, deren teppichähnliche Bezüge die Mutter einst selbst geknüpft hat. "Mein Vater war Tabakbauer, und mein Bruder bestellt heute die Felder mit Weizen", sagt Ilyas. Er selbst kommt nur noch zu Besuch.

Barbecue auf dem Nemrut

Ilyas Schwester wohnt wenige Kilometer entfernt am Stadtrand von Adiyaman in einem Wohnblock mit zwei Satellitenschüsseln pro Balkon. Ihr Ehemann hatte versucht, mit einem illegalen Schleuser nach Deutschland zu kommen, wurde aber an der Grenze von der Polizei geschnappt. Jetzt sitzt er im Plastikstuhl auf seinem Balkon mit Blick auf ein Polizeihotel, drei Kinder toben ringsherum, und sagt: "Ich würde immer noch gern nach Deutschland - zum Urlaub machen."

Wir packen Ilyas Freunde ein, laden den Kofferraum mit Decken, Grillwaren und Bier voll und brechen auf in eine ungewöhnliche Nacht, die noch ungewöhnlich schöner enden sollte. Fast zwei Stunden fahren wir zum Berg Nemrut im Taurusgebirge, und wechseln uns währenddessen mit der Intonierung türkischer und deutscher Volkslieder ab. Auf dem Berg angekommen, setzten wir das anatolische Starsearch fort, angereichert durch Tanzeinlagen, Gedichtvorträge, religiöse Witze und Backgammon.

Als es langsam hell wird, beginnen wir - berauscht vom Bier und unserer Begegnung - unser Barbecue. Im Hintergrund zieht die Dämmerung den dunklen Vorhang von endlos honigfarbenen Hügeln, rissigen Felsen und mäandernden Seenlandschaften unter uns. Es ist so unendlich schön, dass man weinen möchte. Das machen wir aber erst, als Ilyas uns zum Bus bringt.

Es ist wieder ein Abschied - und dahinter beginnt wieder eine neue Geschichte wie aus dem Geschichtsbuch der Scheherazade.

Aprikosenmarmelade und Angriffslust - Am Tisch einer libanesischen Hisbollah-Familie

Wir lassen uns doch immer wieder gern eines Besseren belehren. Eben dachten wir noch, der junge Mann da vor uns im Bus hätte Mundgeruch, weil er uns mit so durchdringendem Blick nach einem Kaugummi fragt. Aber schon nach ein paar Minuten gemeinschaftlichen Kauens und Schmatzens wird klar, dass es ihm weniger um die Gabe als die Geber geht. Er möchte reden, diskutieren, plaudern, witzeln. Und weil das besser bei einem orientalischen Mahl als bei einem Kaugummi geht, lädt er uns zu seiner Familie zum Abendessen ein.

Die Eltern haben im Speckgürtel der libanesischen Stadt Baalbek ein Haus gebaut. Es hat drei Etagen und mehrere große Balkone mit Palmen darauf. Die Böden sind mit glänzendem Marmor getäfelt, auf manchen davon liegen kunstvoll gewebte Teppiche. An den Wänden hängen goldene Bilder mit der Kaaba in Mekka. Aus der Küche duftet es nach Fleisch und scharfen Gewürzen.

"Nehmt Platz und esst, so viel ihr könnt", sagt unser Kaugummifreund und lädt uns ein Gebirge aus Reis und Hühncheneintopf auf den Teller, das zusammen mit dem Fladenbrot und Aprikosenmarmelade ein kulinarisches Katapult in das libanesische Lebensgefühl ist.

Mit vollen Bäuchen dürfen wir nun das Anwesen inspizieren. Kein Schlafzimmer und keine Abstellkammer werden vor uns verschlossen gehalten. Sie öffnen ihre Schränke, an deren Türen Poster von Britney Spears und ihrem libanesischem Äquivalent Nancy hängen. Darunter glotzt ein graubärtiger Turbanträger aus großen Brillengläsern den Schranköffner erwartungsvoll an.

"Warum habt ihr den Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah dazugeklebt?", fragen wir. "Weil er unser größtes Idol ist", sagt der Kaugummijunge. "Wir vertrauen uns seinen Worten an. Er wird uns zum endgültigen Sieg gegen die Israelis führen. Es wird nicht mehr lange dauern. Wir warten auf den dritten Krieg." Dann schließt er seine Schranktür.

Und wir glauben nicht mehr, dass wir hier gerade eines Besseren belehrt wurden.

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