Wracktauchen Fehlende Goldstücke

Das Rote Meer ist seit jeher eine viel befahrene Schifffahrtsroute. Kein Wunder, dass so mancher Pott seinen Hafen nicht erreicht hat. Ein paar Wracks leben allerdings auch nach ihrem Untergang weiter - als faszinierender Anziehungspunkt für Taucher.

Von Frank und Uschi Schneider


Legenden bilden sich in der Regel erst nach den Geschehnissen, und so waren auch die meisten Wracks zuvor ganz normale Schiffe unter tausend anderen. Wer hätte im September 1869 gedacht, dass der Motorsegler Carnatic noch im 130. Jahr nach seinem Untergang regelmäßige Beachtung findet? Auch wohl keiner der Passagiere, die der Tragödie zum Opfer fielen.

Erst 1984 gesunken, aber schon bunt bewachsen: Der Holzfrachter
Frank Schneider

Erst 1984 gesunken, aber schon bunt bewachsen: Der Holzfrachter

Zunächst auf einen Korallenstock gelaufen, stellte sich die Situation keineswegs bedrohlich dar. Am Tag darauf spitzte sich die Situation jedoch dramatisch zu. Von einer weiteren Korallennadel "waidwund" getroffen, musste sich die Carnatic ihrem Schicksal bedingungslos ergeben. Das Kommando "Alle Mann in die Boote" kam schließlich zu spät, und so riss die Carnatic am 18. September 1869 etliche Passagiere mit in ihr nasses Grab am Riff Abu Nuhas. Dort liegt sie nun auf der Backbordseite.

Außer dem Stahlskelett ist jedoch nicht mehr viel übrig geblieben: Alle Planken aus Holz sind verschwunden, die letzten Weinflaschen haben Taucher mitgenommen. Ein Geheimnis gibt es trotzdem: Seit jenem verhängnisvollen Septembertag 1869 fehlen noch immer 8000 Goldstücke aus der Schiffskasse, die nur zum Teil aus dem Meer geholt werden konnte.

Wie brisant die Lage des Riffs "Abu Nuhas" ist, zeigt die Tatsache, dass auf dem kleine Areal noch drei weitere Wracks in unmittelbarer Nähe der Carnatic gesunken sind. Da ihre Namen zum Teil erst lange Zeit nach der Havarie herausgefunden wurden, orientiert man sich einfacher an den Ladungen der Schiffe: Der Keramikfrachter hatte italienische Fliesen geladen, der Linsenfrachter die Hauptzutaten für den gleichnamigen Eintopf und der Holzfrachter hatte schlicht und einfach schwere Bohlen - vermutlich Eisenbahnschwellen - an Bord.

Erst im April 1984 ist die Ghiannis D gesunken. Sie fuhr zuletzt unter griechischer Flagge, am Bug wurden aber auch die älteren Namen Marcos und Shoyo Maru gefunden. Unter letzterem dürfte sie in Japan vermutlich vom Stapel gelaufen sein. Mit dem abgebrochenen Vorschiff steht sie fast in Sichtweite des Hecks der Carnatic.

Viele Wracks im Norden Ägyptens sind leicht zu betauchen
Frank Schneider

Viele Wracks im Norden Ägyptens sind leicht zu betauchen

Der attraktivere Teil des Holzfrachters ist die Heckpartie. An manchen Stellen wunderschön bewachsen, lohnt es, hier einen ganzen Tauchgang zu verbringen. Während der Maschinenraum leicht zugänglich in rund 20 Metern Tiefe zu finden ist, prangt oben am Schornstein beidseitig und unübersehbar der Buchstabe "D". Rund um das Heck liegen noch immer Holzbalken, die einen Teil der Ladung bildeten. Über dem Wrack ragen die Reste der Ladebrücken und -kräne.

Die Francis oder Rosalie Moller liegt an einem anderen Ort zwischen zwei kleinen Inselchen. Sie ist nur von geübten Tauchern zu erreichen, und ihr letzter Ruheplatz wird nur selten angesteuert. Sie steht aufrecht auf dem Grund, aber liegt fast 50 Meter tief. An Bord finden sich noch Töpfe und Kessel in der Bordkombüse - nach 60 Jahren durch Korallen fest mit dem Schiff verwachsen.

An Bord der Thistlegorm stehen noch Eisenbahnwaggons
Frank Schneider

An Bord der Thistlegorm stehen noch Eisenbahnwaggons

In Sichtweite der westlichen Sinaiküste gibt es ein Riff, hinter dem Anfang Oktober 1942 der britische Frachter SS Thistlegorm vor Anker lag. Die Geschichte des damals recht jungen Schiffes (Baujahr 1940) und auch sein Untergang sind bestens dokumentiert, denn es gab etliche Überlebende.

Die ersten Bilder am Wrack entstanden schon lange vor dessen medienträchtiger Wiederentdeckung in den Achtzigern. Kein Geringerer als der berühmte Jacques Cousteau war bereits 1956 mit seiner Calypso dort. Nachdem er mit seiner Crew alle Bilder im Kasten hatte, geriet der englische Frachter für rund dreißig Jahre erneut in Vergessenheit.

Das Schiff und all seine "Schätze" sind am 6. Oktober 1942 nach einem deutschen Fliegerangriff mit in der Tiefe versunken: Ein paar Eisenbahnwaggons samt Lokomotiven, Autos, Motorräder, Kleinpanzer und sonstiges Kriegsmaterial, das für die britischen Truppen bestimmt war.

Leider ist die Berühmtheit auch ein Anlass für Nachdenklichkeit. Es scheint normal, dass bewegliche Teile wie Teller oder Flaschen aus Wracks mitgenommen werden. Aber auch wenn dieser Umstand immer wieder für Streit sorgt, entsteht doch kein wesentlicher Schaden am Wrack selbst. An der Thistlegorm jedoch fehlen Bullaugen, und den Motorrädern wurden Lampen und Lenker abmontiert. Trotzdem: Wer die Gelegenheit hat, sollte die Wracktour im Norden Ägyptens auf keinen Fall ohne den Besuch der Thistlegorm beenden.

Der beste Ausgangsort für die Mehrtagesfahrt zu den Wracks im nördlichen Roten Meer ist Hurghada. Außer den hier beschriebenen Wracks warten noch etliche andere auf Besuch von oben, so etwa die Dunraven oder der Kabelleger. Das ägyptische Rote Meer ist fürwahr nicht nur seiner Riffe wegen einen Tauchbesuch wert.

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