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Wüstentour in Saudi-Arabien: Suche nach dem salzigen Nass

Foto: Michael Martin

Wüstentour in Saudi-Arabien Die Schatten des Windes

Tanksäulen ohne Zähler, lebende Nahrungsvorräte, Obst in der Einöde: In der größten Sandwüste der Welt in Saudi-Arabien erlebte Fotograf Michael Martin jede Menge Überraschungen. Den stärksten Eindruck hinterließen die Motive - von 250 Meter hohen Dünen gelangen ihm einmalige Bilder.

Ich sitze nach Mitternacht auf einer Düne der Rub al-Chali und beobachte das Schattenspiel des fast vollen Mondes im Sand. Es geht mir gut, ein Kindheitstraum ist wahr geworden. Ich bin im "Leeren Viertel", der größten Sandwüste der Erde, im Südosten von Saudi-Arabien. Tief unter mir glitzern die Dächer der fünf Landcruiser im Mondschein, die Reste des abendlichen Lagerfeuers glimmen noch rot.

Seit drei Tagen sind mein Freund und Fotografenkollege Jörg Reuther und ich mit vier Geologen und den beiden Grenzschutz-Soldaten Hamed und Hussein im größten Sandmeer der Erde unterwegs und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wir entdeckten Obst in der Wüste, Tanksäulen ohne Zähler, holsteinische Kühe und vor allem große Mengen Wasser. Aber der Reihe nach.

Nach gerade drei Stunden Schlaf weckt uns der Gebetsruf der uns begleitenden beiden Soldaten. Ohne sie dürften wir uns gar nicht in der Grenzregion zu den Emiraten und zum Oman aufhalten. Gerade diese ist jedoch die schönste Region dieser Wüste, denn hier erheben sich Zehntausende orangefarbener Megadünen über hellen Salzpfannen. Weiter im Westen und Norden gehen die bis zu 300 Meter hohen Sterndünen dann in niedrigere Dünenketten oder gar in endlose Ebenen über. "Woher kommt all der Sand?", frage ich Martin Keller, den Projektleiter. Er ist Professor für Sedimentologie, und seine Antwort widerspricht der alten Vorstellung, der Sand der Wüste stamme aus dem Meer. Der Sand stammt aus der Verwitterung mächtiger älterer Gesteine des Arabischen Schilds. Der Wind brachte ihn hierher, in der Rub al-Chali hat er sich abgelagert.

Tausend Brunnen trotz extremer Trockenheit

Die Frage nach den Ursachen der Trockenheit kann ich mir selbst beantworten. In der Rub al-Chali als typischer Wendekreiswüste werden die Luftmassen vom Äquator in großen Höhen herangeführt und sinken über den Wendekreisen, also dem 23. Breitengrad, ab. Dabei trocknen sie ab und strömen als bodennaher, trockener Nordostpassat Richtung Äquator zurück. So ziehen sich an den Wendekreisen auf der Nord- und Südhalbkugel zwei Wüstengürtel um die Erde.

Der mangelnde Niederschlag in der Rub al-Chali kann jedoch den meisten der gut tausend Brunnen nichts anhaben, denn sie erschließen viele hundert Meter tiefe Grundwasserspeicher, die vor mehr als 10.000 Jahren aufgefüllt wurden, als es in der Rub al-Chali viel regnete. Diese Brunnen zu finden, zu untersuchen und zu katalogisieren ist eines der Ziele des auf drei Jahre angelegten Projekts der Wissenschaftler, die wir begleiten.

Die Brunnen liegen verstreut in der Wüste, viele davon sind nur äußerst schwer zu erreichen. So müssen wir mit den schwerbeladenen Autos hohe Dünen queren und uns durch weichgründige Salzpfannen quälen. Immer wieder bleiben wir stecken, oftmals sind mehrere Fahrzeuge gleichzeitig im Weichsand versunken. Mehrfach übernehmen die beiden Soldaten das Steuer, um das Auto mit einer ausgefeilten Ruckeltechnik wieder aus dem Sand zu holen. Manchmal hilft auch nur noch das Herausziehen mit einer Motorwinde, die an der Frontseite jedes Landcruisers befestigt ist

Hamed und Hussein helfen uns aber auch bei der Navigation, denn die GPS-Geräte zeigen zwar die Richtung und Entfernung des nächsten Brunnens an, aber meist versperren hohe Dünen den direkten Weg. Es ist viel Erfahrung notwendig, um abzuschätzen, wo die Dünen am besten gequert werden können.

Mahlzeiten werden lebend mitgeführt

Eines Morgens verlassen die beiden unser Nachtlager bereits um 4 Uhr morgens und kehren erst am späten Vormittag zurück. Sie strahlen vor Freude: Auf der Ladefläche ihres Landcruisers meckern zwei neue Ziegen, für die sie eben mal 400 Kilometer durch die Wüste gefahren sind. Die erste, zunächst noch lebend mitgeführte Ziege war längst verspeist, unser Dosenessen sagte den Soldaten offensichtlich nicht zu.

Am nächsten Tag wird unser Speiseplan sogar durch frisches Obst ergänzt, das man uns in einer der Grenzstationen anbietet. Immer wieder genießen wir die herzliche Gastfreundschaft der Saudis, die so weit geht, dass wir die Fahrzeuge kostenlos auftanken dürfen. Die dortigen Zapfsäulen haben nicht mal einen Zähler. Während tausend Liter in die großen Extratanks laufen, bewirtet man uns in dem mit schweren Teppichen ausgestatteten Zelt mit traditionellem Kaffee, aufgebrüht aus ungerösteten Bohnen, dazu werden Datteln gereicht.

Auf dem Tablett stehen Tetrapacks mit "Saudia-Milk", die von den riesigen Milchfarmen bei Riad stammen, auf denen holsteinische Kühe inmitten der Wüste stehen. Das Viehfutter wird zu einem Teil mit enormem Bewässerungsaufwand auf kreisrunden Feldern angebaut. Saudi-Arabien leistet sich diesen Aufwand, um die Abhängigkeit von Importen zu reduzieren. Andererseits hat man aber realisiert, dass die wertvollen Grundwasservorräte der Wüste für die Versorgung künftiger Generationen mit Trinkwasser geschont werden müssen. Um das optimale Management dieser Ressourcen geht es bei dem Forschungsprogramm meiner Mitreisenden.

An einem der entlegensten Brunnen erwartet uns eine Überraschung. Dort liegt ein ausgedehnter See, der sich trotz der enormen Verdunstung über viele Quadratkilometer zwischen den Dünen erstreckt. An den Ufern haben sich zwischen der Salzkruste bunte Bakterienmatten gebildet, die rot, grün und blau leuchten. Während Jörg und ich fotografieren und filmen, versuchen die Wissenschaftler herauszufinden, woher das Wasser kommt, indem sie Proben nehmen. Die Messungen ergeben einen extrem hohen Salzgehalt von 80 Gramm pro Liter, das ist etwa zweimal so salzig wie Meereswasser. Im Ernstfall müssten wir also am Seeufer verdursten - zum Glück haben wir reichlich Vorräte dabei.

Auf dem Rückweg nach Riad bucht sich mit Erreichen der Teerstraße mein Handy ins saudische Mobilfunknetz ein. Dutzende eingehende SMS holen mich zurück aus dieser traumhaft schönen Wüste - zurück in mein Leben als Vortragsreferent.