Zugreise in der Xinjiang-Provinz China ohne Schweinefleisch und mit Kopftuch

Teppichhändler und Viehmärkte, Moscheen und Fladenbrot: Chinas Westen bietet ein ganz anderes Bild als Peking oder Shanghai. Die Region gilt als Krisengebiet, die Sicherheitsvorkehrungen sind hoch.

Wer in Ürümqi wegen der Nähe zur Taklamakan-Wüste Beduinenromantik und Zelte und Kamele erwartet, liegt völlig falsch. Ürümqi verfügt über in etwa so viel Beduinenromantik wie Kassel-Wilhelmshöhe. Stattdessen ist Ürümqi eine Hochsicherheitsstadt. Jedes Hotel, jede Bar und jede Bushaltestelle lässt sich nur durch Sicherheitsschleusen betreten. Am Bahnhof stehen Soldaten mit schusssicheren Westen, Schutzschilden und Maschinengewehren immer in Fünfergruppen. Polizisten mit Zigarette hinter dem Ohr brüllen die Menschen an, sich an den Ticketschaltern ordentlich anzustellen und schubsen Vordrängler zurück.

Auch wenn der Andrang am Bahnhof riesig ist: Vordrängler sind nicht das wirkliche Problem in der charakterlosen Hochhaus-Hauptstadt der Xinjiang-Provinz. China hat Angst vor neuen Anschlägen. Im April 2014 starben in Ürümqi drei Menschen bei einem Anschlag auf dem Bahnhof, mehr als 90 wurden verletzt. Einen Monat später starben 31 bei einem Angriff mit Sprengsätzen auf einen Markt.

Der heftigste Vorfall liegt gut fünf Jahre zurück, als eine zunächst friedliche Demonstration in Tumulte umschlug. Uiguren und Han-Chinesen bekämpften sich mit Messern und Holzknüppeln, schließlich schritt das Militär ein. Nach offiziellen Angaben starben in diesen Tagen 184 Menschen, die Mehrzahl von ihnen Han-Chinesen. Nach Informationen der Uiguren dagegen waren es deutlich mehr Opfer auf ihrer Seite. Zuletzt machte die Stadt Schlagzeilen, weil ein Gericht in Ürümqi den bekannten Bürgerrechtler Ilham Tohti zu lebenslanger Haft verurteilte, was international scharf kritisiert wurde.

An der zweiten Sicherheitsschleuse am Bahnhof entdecken sie meine Waffe. Die Beamtin dreht und wendet das Schweizer Taschenmesser zwischen ihren Plastikhandschuhfingern, nimmt es zur Seite und umwickelt es mit Tesafilm, um es mir dann zurückzugeben. Würde ich wie ein Muslim aussehen, hätte sie bestimmt nicht nur symbolisch reagiert. Letztens haben sie in Ürümqi ein Gesetz eingeführt, dass Frauen mit Kopftüchern und Männer mit langen Bärten nicht mehr mit dem Bus fahren dürfen.

Aber ich als Europäer bin nicht Teil des Konflikts: Einer der schwerbewaffneten Beamten fragt freundlich, wo ich herkomme, was ich in China mache und wie mir das Land gefällt. Kurz darauf fragt ein Uigure mit Bart, Dopa-Kappe und schwerem Bündel auf dem Rücken fast das Gleiche, allerdings will er wissen, wie mir Xinjiang gefällt. Ich lobe Turpan, sage aber auch, dass sich die Militärpräsenz anfühle wie im Krieg. "Das ist Alltag für uns", sagt er gleichgültig. "Eigentlich ist es hier nicht so gefährlich, wie alle denken."

26 Stunden dauert die Fahrt in einem zweistöckigen Schlafwaggon nach Kashgar, eine spektakuläre Schienenroute zwischen Schneebergen und Steppe, zwischen Wäldern und Wüste. Das Ziel ist die am weitesten westlich gelegene Stadt Chinas und eine der wenigen mit uigurischer Mehrheit.

Und hier dann doch, ein bisschen: Beduinenromantik. Kashgar ist China ohne Schweinefleisch, China mit Kopftüchern, China mit arabischen Schriftzeichen. Islamabad, Ulan Bator oder Teheran sind weniger Kilometer entfernt als Shanghai oder Peking, und das spürt man, sobald man die Renmin-Hauptstraße verlässt. Die ist noch sehr chinesisch: die üblichen Hochhäuser, die üblichen Läden und Banken und Telekommunikationsanbieter, eine 20 Meter hohe Mao-Statue.

Aber nur ein paar Meter weiter wirkt die Altstadt wie ein anderes Land. Hier riecht es nach Staub und Gegrilltem, tragen Männer hohe Pelzmützen und Frauen bunte Kopftücher und Gewänder und oft spektakuläre Lederstiefel. Auffällig ist die große Zahl von Kindern im Vergleich zu anderen chinesischen Städten: In Xinjiang gilt eine Sonderregel, dass Paare mehr als ein Baby haben dürfen.

Kashgar war ein wichtiger Handelsplatz der Seidenstraße, und auch heute gibt es gefühlt keine 20 Quadratmeter Stadtfläche, auf der nicht irgendwas verkauft wird. Nüsse und Naan-Fladenbrot, Samoware und Messer, Seidenteppiche und Pelzhüte (Schaf ist günstiger als Fuchs). Auffällig ist darüber hinaus die große Zahl an Zahnarztpraxen, die mit dekorativen Schildern auf sich aufmerksam machen:

Das berühmteste Shopping-Event ist der Viehmarkt jeden Sonntag. Tausende Schafe und Kühe und ein paar Kamele sind im Angebot, ein staubiges und lautes und wunderbar altertümliches Spektakel. Vergleicht man diesen Anblick in Chinas Westen mit den Investmentbankern in ihren schicken Büros in Shanghai im Osten, ist es schwer zu glauben, dass beide Arten von Handel, der neue und der alte, in ein und demselben Land stattfinden, sogar in der gleichen Zeitzone trotz 5500 Kilometer Entfernung.

Doch wie lange wird es diesen Kontrast noch geben? Das Seidenstraßen-Flair Kashgars fällt immer mehr einer rigorosen Modernisierung zum Opfer. Einen Großteil der Altstadt rissen die Chinesen mit Bulldozern ab, um Platz für moderne Wohnhäuser zu machen. Offizielle Begründung: Die Unterkünfte sollen erdbebensicher werden. Das Alte hatte noch nie eine starke Lobby in China.

Auf einem Hügel zwischen alten Häusern mit Lehmwänden steht ein Vater mit zwei Kindern auf einem Geröllhaufen. Hunderte Meter weit kann man hier über die modernisierte westliche Hälfte der Stadt blicken. Bis auf die Minarette sieht sie, zumindest von hier, schon jetzt aus wie hundert andere Städte in China. "Klar ist es besser, fließendes Wasser und Elektrizität zu haben", sagt der Mann. "Aber niemand hat uns gefragt, ob wir das wollen. In ein paar Jahren sieht China wahrscheinlich überall gleich aus."

Per Zug durch China
Foto: Stephan Orth

5500 Kilometer, eine Zeitzone: Stephan Orth reist per Zug quer durch China, von Ost nach West. Die achtteilige Serie führt von Shanghai bis in die entlegene Seidenstraßenstadt Kashgar ¿ und durch ein Land voller Widersprüche und Extreme.

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