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02. Juli 2003, 11:53 Uhr

Yosemite-Nationalpark

Im Tal der Giganten

Eines der größten Lebewesen auf der Erde gedeiht in den Bergen der Sierra Nevada: Einem Fernsehturm gleich ragt die rotbraune Säule von Sequoiadendrum giganteum, des Mammutbaums, in den Himmel. Die Besichtigung der Giganten gehört zum festen Programm eines Yosemite-Parkbesuchs.

Markenzeichen des Nationalparks: Der 2307 Meter hohe Granitblock El Capitan beherrscht das Yosemite-Tal
GMS

Markenzeichen des Nationalparks: Der 2307 Meter hohe Granitblock El Capitan beherrscht das Yosemite-Tal

Yosemite Valley - Erbsengroße gelbe Kügelchen am Boden verraten das Revier des Ground Squirrels, vergrabene Tannenzapfen das Winterlager des Baumhörnchens und ein Trampelpfad, kaum breiter als zwei Finger, die so genannte Buschschwanz-Holzratte. Wer im Yosemite-Nationalpark im US-Bundesstaat Kalifornien die Lebenswelt von Wildtieren erkunden möchte, braucht gute Augen, denn die meiste Zeit wird er mit Spurensuche verbringen.

Doch es sind ohnehin nicht die kleinen Hörnchen oder Wiesel, die jährlich etwa 3,5 Millionen Besucher in die Berge der Sierra Nevada locken: Im Yosemite Nationalpark wachsen mit Mammutbäumen der Art Sequoiadendrum giganteum die größten Lebewesen, die je auf diesem Planeten gediehen. Zudem beherbergt er den höchsten Wasserfall Nordamerikas: den 739 Metern hohen Yosemite Fall.

Sonnenunter- gangsspektakel: Das Abendlicht taucht den Half Dome in goldenes Licht
GMS

Sonnenunter-
gangsspektakel: Das Abendlicht taucht den Half Dome in goldenes Licht

Vor allem aber fasziniert die spektakuläre Schönheit der Landschaft selbst: Zu den Attraktionen gehören die mehr als 1000 Meter aufragenden, von Gletschern rund geschliffenen Granitblöcke des Half Dome und des El Capitan, die je nach Lichteinfall grau, braun marmoriert, orange oder rosa erstrahlen. Eher von sanfter Schönheit ist das Yosemite Valley mit seinen klaren brodelnden Bächen, sattgrünen Sommerwiesen und dunklen Bergwäldern. Schon die ersten Siedler schwärmten von der Gegend, vergleichsweise früh, im Jahr 1890, wurde sie zum Nationalpark erklärt. Den Grizzlys im Yosemite Valley der Name leitet sich ab von der indianischen Bezeichnung für Grizzlybär: o-ham-i-tee - half dies freilich nicht mehr: Das letzte Exemplar wurde hier 1895 erlegt.

Der Naturschützer John Muir geistiger Vater des Nationalparks prägte für Yosemite Valley den Begriff "The Incomparable Valley", das unvergleichliche Tal. Unter Geologen gilt die Region als ein Musterbeispiel für das Entstehen und Vergehen von Gletschern. Während der vergangenen eine Million Jahre haben sie den ehemals V-förmigen Canyon des Merced River glatt geschliffen und in einen hufeisenförmigen Talkessel verwandelt.

In den Bergen der Sierra Nevada: Das Yosemite-Tal wurde bereits 1890 zum Nationalpark ernannt
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In den Bergen der Sierra Nevada: Das Yosemite-Tal wurde bereits 1890 zum Nationalpark ernannt

Besonders gut sichtbar wird dies vom bekanntesten Aussichtspunkt des Parks aus dem Glacier Point, einer Felsspitze rund 1000 Meter über dem Talboden. Hier sitzen Touristen in der ersten Reihe, wenn es gilt, den Sonnenuntergang und das damit verbundene Farbspiel auf dem gegenüber liegenden Half Dome zu verfolgen. Einsame Gipfelerlebnisse verspricht Glacier Point allerdings nicht: Kaum ein Parkbesucher will sich das Foto des rosafarbenen Felsgiganten entgehen lassen.

Der Ansturm der Touristen ist das größte Problem der Nationalparkverwaltung: Ein eigener Mittelwellensender empfängt Besucher schon während der Anfahrt auf die Parkeingänge, ein Magazin und eine Zeitung informieren unter anderem über Ausstellungen und geführte Wanderungen. Scott Gediman von der Nationalparkverwaltung nennt dies "Besucherlenkung". Schließlich seien 70 Prozent der Besucher Tagesgäste, die fast alle auf nur fünf Prozent der Parkfläche zusammenströmen.

Gravierender ist Gediman zufolge das Bärenproblem: Schwarzbären rücken bei der Suche nach Futter den Campern zuweilen bedrohlich dicht auf den Leib. "Die reißen Wagentüren auf oder drücken die Scheiben ein", erzählt Gediman und legt ein paar Fotos auf den Tisch. Die Bilder zeigen einen der Petze, wie er auf dem Dach eines Autos steht. Die abgerissene Tür des Wagens liegt im Gras. Einmal an diese Art der Nahrungsbeschaffung gewöhnt, hilft oft nur die Umsiedlung des Bären in abgelegene Regionen.

Zurückhaltung ist nicht ihre Sache: Die Streifenhörnchen bedienen sich gerne am Frühstückstisch der Camper
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Zurückhaltung ist nicht ihre Sache: Die Streifenhörnchen bedienen sich gerne am Frühstückstisch der Camper

Um die Bären nicht abhängig vom Picknickkorb der Parkbesucher werden zu lassen, sind mittlerweile alle Camper im Park angehalten, ihr gesamtes Proviant in bärensichere Stahlkästen einzuschließen. Die Strategie scheint zu fruchten: Vor vier Jahren wurden noch insgesamt 1100 Vorfälle mit Bären gezählt, im Jahr 2002 waren es lediglich 560. Menschen wurden nicht verletzt. Ein Bär musste jedoch getötet werden, fünf wurden umgesiedelt.

Die rostigen Futtersafes wecken allerdings auch die Interessen anderer Tiere: Streifenhörnchen haben darunter ihren Bau gegraben und sich so eine strategisch günstige Position zur Nahrungsbeschaffung erobert. Wenn Camper zum Frühstück die Pforten zum Futterwunderland öffnen, nutzen die Tiere ihre Chance und versuchen, Cornflakes oder Dosenfisch in ihren Besitz zu bringen. Zurückhaltung ist ihre Sache nicht: Zum Frühstück sitzen sie mit am beziehungsweise auf dem Tisch, schauen vorsichtig hinter der Milchflasche her und stürzen sich entschlossen auf die Tomatenscheibe, die bereits fertig zum Verzehr durch menschliche Esser auf dem Butterbrot lag.

Während Begegnungen am Frühstückstisch eher zu den ungeplanten Attraktionen gehören, ist die Besichtigung der Giant Sequoias zumeist fester Bestandteil des Besuchsprogramms: Unvermittelt stehen die Giganten am Wegesrand und verändern die Sicht auf den ganzen Wald. Pinien und Fichten, die zuvor ihrer stolzen Größe wegen noch bewundernde Blicke auf sich, wirken neben diesen Baumriesen wie Unterholz.

Giganten der Wälder: Die Stämme der Giant Sequoias können mehr als zehn Meter Durchmesser erreichen
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Giganten der Wälder: Die Stämme der Giant Sequoias können mehr als zehn Meter Durchmesser erreichen

Das Ende des Stammes, dessen Durchmesser bei alten Bäumen mehr als zehn Meter betragen kann, ist für den Besucher nicht zu sehen. Die ersten Zweige - mit Ausmaßen vom Stamm einer ausgewachsenen Eiche - kommen erst in großer Höhe. Als habe die Natur sich im Maßstab geirrt, überragen die Baumriesen alle umliegenden Wipfel. Bis zu 6000 Tonnen schwer und 100 Meter hoch sind die maximal 3000 Jahre alten Bäume - die schwersten Organismen der Welt. In der Höhe werden sie nur übertroffen von den Redwoods, einer - allerdings sehr viel schlankeren - Mammutbaumart aus den Küstenwäldern Kaliforniens und Oregons.

Die Baumgiganten haben sich jedoch als verwundbare Riesen entpuppt. In ihren ökologischen Ansprüchen sind sie mimosenhaft: Nur wenn Temperatur und Feuchtigkeit weitgehend konstant sind, können sie gedeihen. Zudem sind ihre Wurzel trittempfindlich. Ein Übermaß an aufdringlichen Bewunderern hat schon so manchem Riesen zugesetzt und auch dessen Nachwuchs zertrampelt. Der Waldboden zu Füßen der Sequoias darf nun nicht mehr betreten werden. Es gilt die Losung: Wer Giganten schützen möchte, sollte auf den Boden schauen und auch den kleinen Dingen einen Blick schenken.

Von Arnd Petry, gms

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