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26. Juni 2014, 15:25 Uhr

Hippie-Ort in Patagonien

Verrückt genug, einen Traum zu leben

Von Marietta Slomka und Kirsten Hoehne, SPIEGEL TV

Fernab der Wirtschaftskrise Argentiniens bastelt eine kleines Aussteigerdorf an dem Traum von einem anderen Leben. El Chaltén am Fuße des Fitz Roy in Patagonien hat sich zum Hotspot für die junge alternative Bergsteigerszene entwickelt.

Bevor wir nach Patagonien aufbrechen, machen wir in Buenos Aires Halt, der glitzernden Metropole Argentiniens. Glitzern tut sie allerdings nur bei Nacht. Im Tageslicht betrachtet, zeigt sich die Hauptstadt des Landes, das in einer Wirtschaftskrise steckt, deutlich weniger glamourös. Auch im Zentrum, direkt neben touristischen Highlights wie dem Präsidentenpalast, sieht man die Spuren des Verfalls.

Das Einzige, was hier wirklich floriert, ist der Dollar-Schwarzmarkt. "Cambio, Cambio, Dollar!" In der Calle de las Flores stehen an jeder Ecke sogenannte Bäumchen, Schwarzmarkthändler, und bieten Dollar gegen Peso.

Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb wird in Buenos Aires jede Nacht gefeiert. "Krise?", sagt DJ Ciro Cavalotti hinter seinen Plattentellern und lacht: "Welche Krise? Wir haben gelernt mit der Krise zu leben." Der Musiker gehört zur Subkultur der Stadt, in der man den Tanz auf dem Vulkan bestens beherrscht.

Wie das trotz einer Inflationsrate von mehr als 25 Prozent geht, erklärt uns der erfolgreiche Polopferdezüchter Martin Garrahan, der Argentinien mit einem Pferd vergleicht und so charakterisiert: "Verrückt. Verrückt und etwas verantwortungslos - aber mit sehr viel Lebensfreude!"

Rund 3000 Kilometer südlich der Hauptstadt, in Patagonien, könnte der Kontrast zu Buenos Aires nicht größer sein. Wir sind auf dem Weg vom Flughafen in El Calafate nach El Chaltén, der letzten Etappe unserer Drehreise für die TV-Reportage "Zwischen Anden und Amazonien - mit Marietta Slomka durch Südamerika". Auf der schnurgeraden Straße begegnet uns kaum ein Auto, die Landschaft ist weit und rau. Windgebeugte Gräser, karge Felslandschaften, blau-grüne Flüsse, Seen, Gebirgsketten, Gletscher.

Aussteiger am Ende der Welt

Auf halber Strecke empfiehlt uns der Fahrer, unser Staunen kurz zu unterbrechen, unsere Mailboxen abzuhören oder ein letztes Mal zu telefonieren. El Chaltén sei ein Funkloch. Dort gebe es keinen Handy-Empfang, keine verlässliche Internetverbindung, keinen Bankautomaten. Dafür aber ein spektakuläres Panorama: das schroffe Bergmassiv des Fitz Roy, der 3406 Meter in den Himmel ragt.

El Chaltén ist ein indigenes Wort und bedeutet rauchender Berg. Ein Vulkan ist der Fitz Roy allerdings nicht, das Wort wurde geprägt, weil an seinem Gipfel häufig Wolken hängen. Und das tun sie auch, als wir in dem Ort ankommen - für uns als Film-Crew eine Katastrophe.

Die jüngste Gemeinde Argentiniens wurde erst 1985 gegründet, als militärischer Vorposten an der Grenze zu Chile. Der kleine Ort entwickelte sich dann zu einem El Dorado für Outdoor-Touristen, Bergsteiger und Aussteiger. Backpacker kommen aus der ganzen Welt, sie suchen hier weniger Komfort, sondern das Einfache, das Ursprüngliche in einer Landschaft, die nichts verspricht, aber alles hält, wenn man den richtigen Moment erwischt oder einfach die richtige Einstellung mitbringt.

Ein Fahrradfahrer mit einem Kinderanhänger samt Nachwuchs stemmt sich gegen den eisigen Wind. Vor einem gerade eröffneten Hostel kämpft ein Camper mit seinem Zelt, während ein paar Einheimische in dicken Pullovern vor ihrer Holzhütte sitzen und Mate-Tee trinken. Sie sitzen auf selbstgebauten Bänken neben bunt bemalten Blumentöpfen.

Handgemacht und individuell sind nicht nur die Möbel. Auf fast jedem Grundstück wird gemauert, gezimmert oder gestrichen. Hier bastelt eine kleine Gemeinschaft an dem Traum von einem anderen Leben, fernab der Wirtschaftskrise. Das ganze Dorf am nördlichen Ende des Nationalparks Los Glaciares wirkt selbstbewusst und gleichzeitig improvisiert. El Chaltén lebt vom Tourismus, vervielfacht sich in der Saison und weiß doch, was es ist, oder zumindest, was es sein will. Nicht zu groß, nicht zu kommerziell.

Ein Stück vom Glück

Wir treffen Freddy Schulz, er ist Bergführer und Pionier. Er kam schon vor 20 Jahren nach El Chaltén, damals wohnten hier nur wenige Menschen. Als gelernter Zimmermann baute er sich ein kleines Haus und zuletzt den Anbau mit einer kleinen Bäckerei für seine Freundin. Sein altes Leben in der Stadt hat er hinter sich gelassen, als er die Nase voll hatte von dem "ganzen Wahnsinn", wie er sagt Er lebt jetzt bescheiden, ist sein eigener Herr und kann als Bergführer den Gästen das zeigen, was er am meisten liebt: die Natur.

Am nächsten Morgen starten wir um sechs Uhr am Fuße des Fitz Roy. Der Wetterbericht ist vielversprechend, sagt Freddy, er will uns einen besonders schönen Blick auf seinen Berg zeigen. Er ist glücklich, sagt er, wenn er morgens aufsteht, seinen Mate-Tee trinkt und die Berge sieht.

Und wir bekommen ein Stück ab von diesem Glück an diesem Morgen. Denn der Fitz Roy zeigt sich in seiner ganzen Größe, und wir haben nicht nur wunderschöne Bilder gedreht, sondern auch einen ganz besonderen Ort mit ganz besonderen Menschen kennengelernt.

"Wenn es verrückt ist, es anders zu machen als die anderen, zu versuchen, glücklich zu sein, dann sind wir verrückt", sagt Freddy zum Abschied.


SPIEGEL TV-Autorin Kirsten Hoehne ist mit der ZDF-Moderatorin Marietta Slomka, dem Kamerateam Jürgen Heck und Yannick Schmeil sowie Producer Michael Tauchert vier Wochen durch Bolivien, Chile und Argentinien gereist, um zur Fußball-WM über das "andere Amerika" zu berichten. Zum Beispiel über die Kindergewerkschaft in La Paz, in der Kinder für ihr Recht auf Arbeit kämpfen, oder den Konflikt um die berühmten Mumien aus der Atacamawüste.

"Zwischen Anden und Amazonas - Mit Marietta Slomka durch Südamerika" , Donnerstag, 20:30 Uhr (Teil 2), ZDF

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