Zu Fuß um die Welt "Hallo, ich bin der Jean"

Jean Béliveau hatte einen Anfall von Midlife-Crisis, darum marschiert er jetzt um die Welt: 80.000 Kilometer zu Fuß in zwölf Jahren. In Texas musste er vor Autogrammjägern fliehen, in Peru hörte er auf, sich die Haare zu schneiden. SPIEGEL ONLINE traf den kanadischen Forrest Gump in Brasilien.


"Für den Frieden der Kinder": Ein sehr überzeugender Friedensbotschafter ist Jean Béliveau nicht, seine Naivität steht ihm im Weg
Carsten Volkery

"Für den Frieden der Kinder": Ein sehr überzeugender Friedensbotschafter ist Jean Béliveau nicht, seine Naivität steht ihm im Weg

Ausgerechnet am Frühstückstisch, es war Sonntagmorgen und draußen schien die Sonne, ließ Jean Béliveau die Bombe platzen. "Er sagte: Ich will eine Weltreise machen - zu Fuß", erinnert sich seine Lebensgefährtin Luce Archaumbault in Montreal. Als sie die ganze Bedeutung dieses Satzes erfasst hatte, liefen die Tränen. Zehn Jahre würde er weg sein - mindestens.

Das ist fast drei Jahre her, heute steht der moderne Odysseus 18.000 Kilometer weiter südlich auf der Landstraße in Morretes. Rechts dichtes Grün, links dichtes Grün, wir sind im Süden Brasiliens, sechs Autostunden von São Paulo entfernt. Wenn Béliveau den Leuten hier erzählt, er sei zu Fuß aus Kanada hergekommen, gucken sie ihn nur an und fangen an zu kichern. So einen schrägen Vogel haben sie noch nie getroffen.

"Sie wollen es einfach nicht glauben", sagt der 47-Jährige und kichert dabei selbst vergnügt. Doch dann zeigt er ihnen seinen schwarzen Ordner mit den Beweisen: Reportagen aus Texas, El Salvador und Chile. Und ein Brief des Bürgermeisters von Montreal mit der Bitte, den einsamen Wanderer zu unterstützen.

Seit Peru hat er sich die Haare nicht mehr geschnitten, seine graue wallende Mähne bindet er sich meist zum Zopf zusammen. Er ist groß und drahtig, unter den buschigen schwarzen Augenbrauen sticht ein Paar intensiver blauer Augen hervor. Wo er hinkommt, ist er Ortsgespräch: Hast du schon den rotbraun gebratenen Gringo mit dem blauen Kinderwagen gesehen? In Mexiko sind ihm die Kinder hinterhergelaufen und wollten wissen, ob er Eis verkaufe. In Texas musste er über den Strand fliehen, weil die Amis ihn mit ihren Geländewagen auf der Landstraße verfolgten und Autogramme wollten.

Bisher hat Béliveau Glück gehabt, nur einmal, in Mexiko, wurde er mit einer Waffe bedroht: Er sollte mit einer Prostituierten schlafen. Er weigerte sich und überlebte trotzdem. Doch die echten Herausforderungen kommen erst noch: Afrika mit seinen Bürgerkriegen und Minenfeldern, Irak, Afghanistan. Namen, die nach Lebensgefahr klingen. Es sei denn, er macht es wie in Kolumbien: Da hat er aus Angst vor den Drogenbossen geschummelt und ein Flugzeug genommen. Auch in Chiapas musste er ein Stück mit dem Auto fahren - Rebellenalarm.

Es ist nicht einfach, um die Welt zu laufen. Dabei erschien es so simpel, als er zum ersten Mal die Idee hatte, beim morgendlichen Joggen daheim in Montreal. Wie lange würde es dauern, bis ich in New York wäre, fragte er sich. Wie lange bis Mexiko? Einfach laufen, weiter und immer weiter, wie Tom Hanks im Hollywood-Film "Forrest Gump". Der Film habe mit seinem Projekt aber nichts zu tun, beteuert er.

Einfach laufen, weiter und immer weiter, wie Tom Hanks als Forrest Gump: Jean Béliveau zu Fuß um Welt
Carsten Volkery

Einfach laufen, weiter und immer weiter, wie Tom Hanks als Forrest Gump: Jean Béliveau zu Fuß um Welt

Der Gedanke an den 80.000-Kilometer-Marathon elektrisierte den ausgebrannten Neonschildverkäufer, plötzlich sah er wieder Sinn in seinem Leben. Er hatte genug von Zehnstundentagen, Kopfschmerzen und Herzproblemen. Acht Monate lang plante er die Reise, ließ sich impfen, ohne seiner Familie etwas zu sagen. Bis zu jenem Sonntagmorgen. Drei Wochen später, am 18. August 2000, ging er los. Es war sein 45. Geburtstag.

Die Ausgangsbedingungen waren denkbar schlecht. Mit der Ausnahme einer Pauschalreise in die Karibik war er über Las Vegas noch nicht hinausgekommen. Er sprach nur Französisch und wenige Brocken Englisch. Und er hatte nicht mal 5000 kanadische Dollar auf dem Konto. "Ich bin halt naiv", sagt Béliveau . Er sagt das mit einem gewissen Stolz.

Die Enttäuschungen begannen gleich am ersten Tag. Kein Journalist tauchte auf, um seinen triumphalen Abgang festzuhalten. Dabei hatte er alle Lokalmedien alarmiert. "Die dachten wahrscheinlich, ich sei ein Spinner", sagt er. So ist sein erster Schritt nur auf seiner Webseite www.wwwalk.org fotografisch festgehalten.

Auch in New York hielt sich die Begeisterung über den neuen Obdachlosen stark in Grenzen. Béliveau marschierte mit seinem Wägelchen schnurstracks zum Uno-Hauptquartier, wo gerade die Generalversammlung stattfand. Er hoffte auf einen Kameraschwenk, doch Fehlanzeige. Auch der Uno-Pförtner war wenig hilfreich: Er wollte ihm partout keinen Schlafplatz vermitteln, so sehr Béliveau ihn darum bat. Also blieb nur die kanadische Botschaft. Dort boten sie ihm ein Busticket nach Hause an. Béliveau lacht, wenn er an das Gesicht des Vizekonsuls denkt. "Ich habe ihm gesagt: Nein, ich will nicht nach Hause, ich gehe um die Welt." Schließlich brachten sie ihn bei einem Pfarrer unter.

Inzwischen nehmen ihn die Medien ernster, er gibt Interviews, sogar ein Dokumentarfilm wird gedreht. Die Leute bringen ihn unter, geben ihm zu essen. Er hat in Gefängnissen genächtigt, auf Friedhöfen, im Schweinestall. In den USA haben sie ihm aus dem Autofenster 20-Dollar-Scheine zugesteckt. Es gibt immer jemanden, der hilft: Feuerwehr, Polizei, Kirche, Rotary-Club, Unternehmen, sogar die kanadische Botschaft. "Je weiter ich komme, desto gewaltiger wird die Macht des Projekts", erklärt Béliveau. Diese Eigendynamik ist es, die ihn antreibt. Seine Midlife-Crisis hat er längst überwunden.

Béliveau leugnet nicht, dass der Grund für die Reise sein eigenes Wohlbefinden war. "Ich bin ein Egoist", sagt er. Auf Drängen seiner Lebensgefährtin hat er seinem Ego-Trip doch noch ein Motto gegeben. "Für den Frieden der Kinder" steht auf dem Schild an seinem Wagen, darüber wehen eine kanadische und eine brasilianische Flagge. Seine Reise fällt genau in die von der Uno ausgerufene "Dekade der Kinder".

Ein sehr überzeugender Friedensbotschafter ist er aber nicht, seine Naivität steht ihm dabei im Weg. Zwar hat er sich in Costa Rica und Argentinien mit Friedensnobelpreisträgern getroffen, und auch die Unicef ist auf ihn aufmerksam geworden, doch wenn er über Kinder und Gewalt redet, klingt er wie ein 20-jähriger Zivi auf seiner ersten Südamerikareise. Zur veränderten Weltlage seit dem 11. September 2001 hat der selbsternannte Friedensexperte gar keine Meinung. Er will niemanden kritisieren.

Es sind mehr die biblischen Ausmaße der Reise, die den Leuten am Wegrand außer einem amüsierten Kopfschütteln auch Respekt abnötigen. Wie lange kann einer schließlich Tag für Tag 30 bis 40 Kilometer abreißen? Zudem auf Strecken, die oft nur von Lastwagen und Bussen befahren werden. Da hat man als Kinderwagen schiebender Fußgänger nichts zu lachen, nur zu schlucken. Er ist ohne Führer unterwegs, seine Infos erhält er von den Einheimischen. Den Wetterbericht fragt er bei Zeitungslesern am Straßenrand ab.

Nach fast drei Jahren in Brasilien angekommen: Jean Béliveau hat für seine Weltumrundung zwölf Jahre eingeplant
Carsten Volkery

Nach fast drei Jahren in Brasilien angekommen: Jean Béliveau hat für seine Weltumrundung zwölf Jahre eingeplant

Bis 2012 will Béliveau alle sechs Kontinente durchlaufen haben. Er hat jetzt knapp ein Viertel seines Weges hinter sich, 17 Paar Turnschuhe hat er dabei verschlissen. Ende des Monats fliegt er von São Paulo nach Südafrika, von dort läuft er nach Europa. In Deutschland will er 2006 ankommen, leichtes Terrain in Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

Dagegen ist Morretes die reine Hölle. Bis São Paulo geht es hoch und runter, obendrein regnet es auch noch. Stressig sind auch die Abende. Seit drei Jahren immer die gleichen Fragen. Er erzählt geduldig, das ist schließlich sein Job, aber Zelten ist manchmal doch eine richtige Erholung. Am schönsten fand Béliveau die Atacamawüste in Chile. "So viel Ruhe", sagt er. Nachts schrieb er in sein Tagebuch. Nirgends hat er mehr geschrieben als dort. 1200 Seiten stark ist sein Werk bisher, am Ende der Reise will er es in sechs Bänden herausgeben: einen für jeden Kontinent.

Doch die Frage bleibt: Wieso tut er sich und seiner Familie das an? Ein paar Jahre Auszeit, schön und gut, aber zwölf? Kommen ihm nie Zweifel? Er schüttelt den Kopf. Und was die Familie angeht: "Die steht hundertprozentig hinter mir." Seine Lebensgefährtin bestätigt das per Telefon aus Montreal. Die Stadtangestellte unterstützt ihn mit rund 5000 kanadischen Dollar im Jahr, pflegt die Website und macht Medienkontakte. "Ich vermisse ihn sehr, aber wir sind Partner in diesem Projekt", sagt sie. Jedes Jahr zu Weihnachten fliegt sie ihn für ein paar Wochen besuchen: das erste Mal in New Orleans, dann Quito, dann Santiago de Chile. Sein Sohn, der in Berlin Industriedesign studiert, hat ihn in Costa Rica besucht und plant einen Trip nach Afrika.

Ab nächstem Jahr soll alles einfacher werden: Dann wird die 58-jährige Archaumbault pensioniert und will sich jeweils für mehrere Monate an einem Ort in der Nähe der Route niederlassen. Sie freut sich sehr darauf, denn im Moment besteht ihr Kontakt fast nur aus E-Mail. Oft hört sie zwei Wochen lang gar nichts von ihm. Im Moment spart sie für den nächsten Flug. Wenn alles nach Plan geht, feiern sie Weihnachten dieses Jahr in Zimbabwe.



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