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Zug "El Chepe": Wilder Ritt durch den Kupfercanyon

Foto: Florian Sanktjohanser / TMN

"El Chepe" in Mexiko Über 37 Brücken muss er fahren

Mexiko ist kein Traumziel für Bahnreisende, gerade einmal ein regulärer Reisezug dampft durch das Land. Der aber hat es in sich: "El Chepe" durchfährt ein Schluchtenlabyrinth, viermal so groß wie der Grand Canyon.

Nein, wegen der Aussicht ist der Sitznachbar am linken Fenster wohl nicht in den Panoramazug eingestiegen. Genauso wenig wie die Frau davor und das Paar dahinter. Die Mexikaner haben die Jalousien heruntergezogen, gegen die gleißende Morgensonne. Sie dösen und wollen offenbar nur von A nach B.

Oder sie wissen, dass das Beste erst noch kommt: Barrancas del Cobre, ein Labyrinth von Schluchten, viermal so groß wie der Grand Canyon in den USA und ebenso schön. Doch zunächst: tranquilo - immer mit der Ruhe.

Es ist 8 Uhr morgens, pünktlich ist "El Chepe" in den Bahnhof von El Fuerte gerollt, eine mächtige Diesellok mit gelb-grünen Waggons. "Chepe" ist die Kurzform für Ferrocarril Chihuahua al Pacífico .

Seit 1961 chauffiert die Eisenbahn Passagiere von der Millionenstadt Chihuahua im Norden Mexikos hinunter zum Pazifik, und noch immer ist sie, abgesehen vom Flugzeug, die schnellste Verbindung. Doch das könnte sich bald ändern. Wenn die Staubpiste zwischen Los Mochis und Chihuahua komplett geteert ist, dürfte der Zug für die Einheimischen deutlich weniger attraktiv sein. Außer für die Hauptstädter.

Der Fortschritt naht: Luxuszug im Wartestand

Früher waren 80 Prozent der Passagiere Reisegruppen aus den USA. Es gab sogar Sonderzüge für die Kreuzfahrtschiffe. Aber seit 2010 wagen sich wegen des Krieges der Drogenkartelle kaum noch Urlauber aus dem Nachbarland hierher. Ihre Plätze im "Chepe" haben in den vergangenen Jahren Touristen aus Mexiko-Stadt eingenommen.

Deshalb gibt sich Ricardo Solis unbesorgt. "Straßen gibt es überall, aber dieser Zug ist einzigartig", sagt der Manager der Firma Ferromex, die den "Chepe" 1997 von der Regierung übernommen hat. In zwei Jahren sollen die Waggons renoviert werden. Die Fenster sollen größer werden, die Sitze rückklappbar sein. Auch eine Bar werde es wieder geben, wie in den alten Zeiten. "Der 'Chepe' wird ein Luxuszug", sagt Solis.

Komfortabel reist man schon jetzt. Die Sitze sind breit und bequem, selbst ein Zwei-Meter-Mensch kann die Füße ausstrecken. In geruhsamem Tempo zieht die zunächst mäßig spektakuläre Landschaft vorbei: Mais- und Gemüsefelder säumen die Bahnstrecke.

Die Strecke beginnt in Los Mochis, einer wohlhabenden Obst- und Gemüsestadt, die aus der Zuckerraffinerie eines Amerikaners erwuchs. Und so sieht sie auch aus: breite Straßen, große Malls. Wenig Charme. Wer einen freien Tag hat, fährt am besten in die Hafenstadt Topolobampo. Dort tuckert man mit einem Boot raus zu Delfinen und isst danach in den Fischrestaurants am Ausflugsstrand El Maviri die Spezialität Pescado zarandeado. Oder man reist gleich weiter nach El Fuerte. In dem Kolonialstädtchen steigen die meisten Touristen zu.

Für El Fuerte spricht vor allem, dass es bildhübsch ist. Die Häuser sind in kräftigen Farben gestrichen, geschmiedete Gitter bis zum Trottoir zieren die Fenster. Vor sechs Jahren ernannte das Sekretariat für Tourismus den angeblichen Geburtsort Zorros zum Pueblo Mágico. Seitdem fließt das Geld für Renovierungen.

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Zug "El Chepe": Wilder Ritt durch den Kupfercanyon

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Hinter El Fuerte verwildert das Land. Dornbüsche und Kakteen ziehen vor dem Fenster vorbei, die Hügelketten rücken immer näher heran. Nach einer guten Stunde rattert der Zug über die Puente Fuerte, mit 498,8 Metern die längste der 37 Brücken auf der Strecke, wie ein Sprecher netterweise rechtzeitig ankündigt. Bald darauf folgen der mit 1,8 Kilometern längste Tunnel und die mit 103,6 Metern höchste Brücke.

Beeindruckender als all die technischen Daten ist aber die Landschaft, die sich nun zu dramatischer Größe aufwirft. Rechts fließt ein grüner Fluss in seiner Schlucht, darüber schießen rotbraune, geriffelte Felswände aus bewaldeten Hängen auf.

Im Schritttempo passiert ein 100 Meter langer Güterzug, der auf dem Weg zur Küste ist. Zu diesem Zweck wurde die Strecke ab 1861 gebaut. Die Güterzüge sollten Mais, Getreide und Kupfer für den Export zu den Häfen transportieren. Aber bald darauf fiel irgendwem auf, durch was für eine grandiose Landschaft die Waggons rollten.

El Chepe: Was man wissen muss

Auf der Jungfernfahrt des ersten Passagierzugs war der damalige Präsident Mexikos an Bord, Adolfo López Mateos. Er hatte das nötige Geld in die Strecke gesteckt, nachdem der Bau infolge von Revolution und Wirtschaftskrise lange stockte. Die härteste Nuss für die Ingenieure lag bei Temoris. Sie wurde elegant geknackt: Über drei Ebenen von Brücken und Tunneln schraubt sich der Zug 800 Höhenmeter nach oben und wechselt dabei die Klimazone. Statt Kakteen wachsen nun Kiefern und Eichen auf den Hängen.

Barrancas del Cobre: Ein Superlativ

Hier schlägt das Herz des Kupfercanyons, das seit 2010 als Nationalpark geschützt ist. Man kann in Bahuichivo aussteigen und nach Cerocahui fahren, wo sich von der über den Abgrund ragenden Aussichtplattform ein fantastischer Ausblick in den mehr als 1800 Meter tiefen Urique Canyon bietet. Oder man bleibt sitzen bis Posada Barrancas. Dort haben sich drei Hotels die Logenplätze an der Abbruchkante gesichert. Vom Balkon aus sieht man Touristen an Stahlseilen hängend über die Schluchten fliegen.

Die Ziplines gehören zum Parque de Aventura Barrancas del Cobre, genauso wie eine Seilbahn, Mountainbike-Trails, ein Klettersteig und der Ziprider, die angeblich längste Seilrutsche der Welt. Kein Wunder, dass in dem einstigen Rentnerzug heute vor allem junge Reisende sitzen.

Mit dem Film "Born to Run", einer Bestseller-Verfilmung über die Tarahumara, dürften der Kupfercanyon und damit der "Chepe" einen neuen Popularitätsschub bekommen. Das indigene Volk ist berühmt dafür, die besten Ausdauerläufer der Welt hervorzubringen. Reisende sollten allerdings nicht darauf hoffen, Tarahumara beim Trainieren oder gar bei einem Rennen zu sehen. Die meisten leben zurückgezogen in den Canyons, wohin sie vor Jahrhunderten vor den spanischen Sklaventreibern geflohen sind.

Wer mehr von den Tarahumara sehen will als Souvenirverkäuferinnen, muss die Zugstrecke hinter sich lassen. Im Tal der Pilze mit seinen fantastisch erodierten Felsen in der Nähe von Creel sieht man eine Kirche der Tarahumara und hört Geschichten über ihre rauschenden Osterfeste. Oder man packt seinen Rucksack und macht sich auf in die grünen, tiefen Schluchten. Zu Fuß, wie die Tarahumara. Nur vielleicht ein bisschen gemächlicher.

Florian Sanktjohanser, dpa