Philipp Laage

Sommerchaos an deutschen Flughäfen Versagen mit Ansage

Philipp Laage
Ein Kommentar von Philipp Laage
Hilflos, heulend, auf sich allein gestellt: Klingt wie das Schicksal von Kandidaten einer Survival-Sendung, ist in diesem Sommer aber die Realität vieler Reisender. Was für eine Unverschämtheit!
Reisende am Flughafen Köln-Bonn: Die Luftfahrtbranche reagiert lapidar, tut uns wahnsinnig leid, externe Faktoren

Reisende am Flughafen Köln-Bonn: Die Luftfahrtbranche reagiert lapidar, tut uns wahnsinnig leid, externe Faktoren

Foto: Christoph Hardt / Panama Pictures / IMAGO

Was haben sich die Menschen wieder aufs Reisen gefreut! Jetzt, da der Sommer begonnen hat, sitzen sie buchstäblich auf gepackten Koffern. Und zwar in überfüllten Terminals. Dort warten sie, weinen und fluchen. Viele sind mit den Nerven völlig am Ende.

Airlines wie die Lufthansa, Eurowings und Easyjet streichen derzeit Tausende Flüge, teils kurz vor Abflug, während die Reisenden schon am Flughafen sind. Aus Vorfreude auf den Urlaub wird ängstliches Bangen bis zuletzt. Manch einer, hört man, will gar nicht mehr fliegen. Aus Furcht, dass der Flug sowieso in letzter Minute gecancelt wird. Also lieber Rhön statt Rhodos?

Der enorme Frust, der sich in diesen Tagen an deutschen Flughäfen entlädt, ist verständlich. Das Flugticket oder die Pauschalreise sind in der Regel schon vor Monaten komplett bezahlt worden. Doch bekommt man am Ende das, was man gekauft hat? Das bleibt erst einmal offen. Die Fluggesellschaften nehmen sich heraus, darüber spontan nach eigenem Ermessen zu entscheiden. Welche Flüge genau gestrichen werden, darüber informieren die Airlines häufig erst dann, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden lässt. Kundinnen und Kunden fehlt die Planungssicherheit. Im schlimmsten Fall fahren sie umsonst zum Flughafen.

Die Flugreisenden sind weitgehend machtlos gegen die Willkür der Airlines. Das erzeugt ein Gefühl von Ohnmacht, auch von Zorn. Man kann als Urlauberin und Urlauber zwar selbst ein paar Punkte berücksichtigen, um pünktlich loszukommen, ist aber der undurchsichtigen Stornierungspraxis hilflos ausgeliefert. Wird der Flug kurzfristig gestrichen, läuft man einer rechtmäßigen Entschädigung nicht selten lange bis vergeblich hinterher.

Verbraucherschützer sind schon länger der Meinung, dass das System der Vorkasse bei Flügen abgeschafft werden muss. Vielleicht würde die Verlässlichkeit dadurch steigen?

Natürlich, laut EU-Fluggastrechteverordnung  besteht eigentlich ein Anspruch entweder auf Erstattung oder Umbuchung. Doch Theorie und Praxis gehen hier weit auseinander. Was tun, wenn es so bald keine Alternativflüge zum Ziel gibt, aber die Ferienunterkunft und der Mietwagen längst gebucht und bezahlt sind? Wer dann keine Stornooption für Hotel und Auto hat, dem hilft die Erstattung wenig. Dann heißt es »Hoffen auf Kulanz«. Dabei hätte man in diesem Reisesommer gern andere Gefühlszustände verspürt: Euphorie, Fernweh, Lebenslust. Abgesehen mal von den verlorenen Urlaubstagen.

Manchmal passiert es auch, dass die Fluggesellschaft ihre sogenannten Gäste auf eine komplizierte Umsteigeverbindung umbuchen möchte. Zum Beispiel von Berlin über London nach Wien. So etwas vermiest selbst stoischen Optimisten die Freude am Reisen. Natürlich kann man auf solche Angebote verzichten, die Erstattung nehmen und – sofern vorhanden – neue Flüge buchen. Doch ist nicht schon das ziemlich unterirdischer Service? Wie viel Prozent der deutschen Bevölkerung ist in der Lage, sich auf einem Portal binnen weniger Stunden eigenständig einen neuen Flug zu buchen?

Sagt eine Airline einen Flug ganz kurzfristig ab, muss sie eigentlich auch eine Entschädigung zahlen (wenn sie – wie derzeit – für den Ausfall selbst verantwortlich ist). Doch bei manchen Airlines kommt man ohne rechtliche Unterstützung nicht an sein Geld. Davon ist laut den Rechtsdienstleistern besonders die Lufthansa betroffen, die sich immer noch als »Premium-Airline« versteht, aber aktuell von Skytrax von Fünf- auf Vier-Sterne-Niveau abgestuft wurde.

Falls der Flug tatsächlich starten dürfte, ist noch keine Entwarnung angesagt. Man muss erst durch die Sicherheitskontrolle mit ihren scheinbar endlosen Warteschlangen. Wer zu spät kommt, wird stehen gelassen. Und wer sich bei Zeitdruck nicht freundlich nach vorn durchfragt, dem kann ein Mitverschulden am Verpassen des Fluges angelastet werden. Der Tipp lautet hier, möglichst früh am Flughafen zu sein, mindestens drei Stunden vor Abflug. Das macht bei einem Ferienflug um 7 Uhr morgens natürlich riesigen Spaß. Sollten Sie es wagen, mit Aufgabegepäck in Ihren Sommerurlaub zu fliegen, müssen Sie sich noch in eine weitere Schlange stellen.

Ein Versagen des Systems

Vor allem zwei Ursachen hat das derzeitige Flugchaos. Lange bekannt ist, dass an den Flughäfen Personal fehlt, etwa bei der Sicherheitskontrolle. Während Corona haben sich Zigtausende Beschäftige andere Jobs gesucht. Doch nun fehlen auch den Fluggesellschaften immer mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Grund: Die Omikron-Variante BA.5 lässt die Fallzahlen wieder stark ansteigen. Zu viel Bordpersonal wird krank, die Lücken können nicht gefüllt werden. Eine Lösung für diese Probleme ist nicht in Sicht, allenfalls »Schadensbegrenzung«, wie ein Ver.di-Gewerkschafter kürzlich sagte.

Entsprechend bekräftigt die Luftfahrtbranche lapidar: tut uns wahnsinnig leid, externe Faktoren. Wer als Fluggast mitten im Chaos steckt, kann nur schimpfen: Frechheit! Verbraucherschützer sind schon länger der Meinung, dass das System der Vorkasse bei Flügen abgeschafft werden muss. Vielleicht würde die Verlässlichkeit dadurch steigen?

Da ist der Verdacht: Die von der Pandemie schwer gebeutelten Airlines wollen sich möglichst früh das Geld der Kunden als Umsatz sichern. Und sie versuchen, möglichst viele Flüge in ihre Buchungssysteme zu stellen, von denen nicht klar ist, wie viele am Ende durchgeführt werden. So ein Vorgehen kann betriebswirtschaftlich sinnvoll sein. Den gefrusteten Kunden wird das aber eher dreist und unverschämt vorkommen.

Klar, die glorreichen Zeiten des Fliegens waren schon lange vor Corona vorbei. Jene Tage, als man noch erhaben dem Alltag entschwand, aufmerksam umsorgt von ausnahmslos freundlichen Stewardessen und Beschäftigten am Check-in und Gate. Die Fliegerei wurde im Lauf der Jahre zu einer maximal effizienten und glanzlosen Unternehmung, was zunächst alle beklagten und dann akzeptierten. Wenigstens wurde man meist halbwegs pünktlich verfrachtet, sofern nicht gerade Air Berlin in die Pleite schlitterte. Doch dann kam die Pandemie. Flugstornierungen und der Kampf um Erstattungen brachten viele Reisende an den Rand der Verzweiflung. Nun haben sich wohl die meisten auf einen weitgehend unbeschwerten Reisesommer gefreut. Leider vergebens.

Zu Hause ist es auch schön

Das Chaos ist in Teilen hausgemacht. Dass in diesem Sommer bei der Bodenabfertigung Personal fehlen würde, war schon lange offensichtlich. Dass Corona nicht verschwinden würde, im Grunde auch. Nun bricht ein fragiles System, das schon immer auf Kante genäht war, in Teilen in sich zusammen. Die Leidtragenden sind die Reisenden, ihre Urlaubssehnsucht wird schamlos enttäuscht. Am wenigsten Stress haben alle, die gar keine Flugreise geplant haben. Jedenfalls nicht in den Ferien. Jetzt nämlich haben vor allem die zu leiden, die durch Corona-Lockdowns, Kita- und Schulschließungen sowie Homeschooling ohnehin stark belastet waren: Familien mit Kindern.

Was tun? Der Umstieg auf die Bahn ist bekanntermaßen gerade auch keine Freude. Und wohin soll man fahren? Schöne Unterkünfte im Sommer sind in Deutschland kaum noch zu finden oder immens teuer. Sie suchen ein hübsches Ferienhaus im Umland von Berlin, in Bayern oder Mecklenburg-Vorpommern in den kommenden Wochen? Viel Glück!

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