Thomas Wilpert bei der Arbeit: "Der schönste Anzug, den ich im Schrank habe"
Thomas Wilpert bei der Arbeit: "Der schönste Anzug, den ich im Schrank habe"
Foto: easyJet

Als Pilot am BER landen "Ich war 8,5 aufgeregt und der Flug war definitiv eine 10"

Das Gebäude zu teuer, die Eröffnung zu spät, das Anflugwetter geht so – aber dieser Pilot ist glücklich. Hier erzählt Thomas Wilpert, wie es war, seine Maschine am BER zu landen – zum ersten Mal.
Ein Interview von Nike Laurenz

SPIEGEL: Herr Wilpert, können Sie mal vormachen, wie Sie Ihre Passagiere heute begrüßt haben?

Thomas Wilpert: Liebe Gäste, ich möchte Sie ganz herzlich an Bord begrüßen. Mein Name ist Thomas Wilpert, und ich bin heute Ihr Kapitän auf diesem besonderen Flug zum BER. Dies ist ein besonderer Tag für uns alle, für die Stadt, für die Berliner, für uns als Crew. Es ist eine Ehre, dass wir den Flughafen BER heute mit unserer Landung eröffnen dürfen. Ich hoffe, dass Sie sich wie gewohnt bei uns an Bord wohlfühlen.

SPIEGEL: Auf einer Skala von 1 bis 10, wenn 10 extrem aufgeregt ist: Wie aufgeregt waren Sie?

Wilpert: Ich würde sagen: Ich war 8,5 aufgeregt, aber der Flug war definitiv eine 10. Von allen Flügen, die ich bisher gemacht habe – und ich bin seit 25 Jahren in der Verkehrsfliegerei tätig – war das heute mit Abstand der schönste Flug. Ich habe so lange auf die Eröffnung des BER gewartet, dass ich die Hoffnung, dass er überhaupt jemals aufmachen könnte, zwischenzeitlich aufgegeben hatte. Ich dachte: Der kommt nicht mehr. Stattdessen überkam mich eine Gleichgültigkeit, irgendwann war der BER egal. Vor ein paar Monaten hatte ich dann die Gelegenheit, mir den neuen Flughafen mal anzugucken. Da wurde aus der Gleichgültigkeit eine unglaubliche Vorfreude.

SPIEGEL: Haben Sie sich für heute besonders schick gemacht?

Wilpert: Ich hatte den schönsten Anzug an, den ich im Schrank habe: meine Pilotenuniform. Hose, Krawatte, Hemd, Sakko. Mit vier Streifen auf Handgelenkhöhe des Sakkos, die anzeigen, dass ich Kapitän bin. Wer vier Streifen trägt, ist nicht nur Pilot, sondern verantwortlicher Flugzeugführer.

SPIEGEL: Haben Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen sich um den Job des BER-Eröffners gerissen? Mussten Sie losen?

Wilpert: Ich weiß nicht, ob sich jemand aktiv darum beworben hat, den BER eröffnen zu dürfen. Ich wurde eines Tages gefragt, ob ich möchte, und ich habe gleich gedacht: Das ist eine riesige Gelegenheit: den Flughafen in der Stadt, in der man geboren wurde, aufmachen zu dürfen.

DER SPIEGEL

SPIEGEL: Der BER – oder das, was davon schon stand – musste sich in den vergangenen Jahren eine Menge anhören: Er sei zu teuer, zu spät, schließlich zu unmodern. Finden Sie das auch?

Wilpert: Ich finde den Flughafen klasse, und ich lasse mir den auch nicht miesreden. Gerade das Interieur gefällt mir. Die Holzverkleidungen und der Sandsteinboden strahlen Wärme aus. Es gibt keine großen Hallen, stattdessen viele kleine Bereiche. Wenn ich es steril und grell-weiß haben will, gehe ich zum Zahnarzt. Auf dem BER fühle ich mich wohl.

SPIEGEL: Von wo bis wo sind Sie heute geflogen?

Wilpert: Wir sind in Berlin-Tegel im Norden gestartet und auf dem BER im Süden angekommen. Zuerst bin ich gelandet, dann eine Maschine der Lufthansa. Das war eine Gemeinschaftseröffnung. Unsere Maschine ist gegen 13 Uhr gestartet, wir sind etwa eine Stunde südlich über die Stadt geflogen.

SPIEGEL: Was haben Sie von dort oben gesehen?

Wilpert: Heute war das Wetter leider nicht ganz so gut. Aber ich kann Ihnen sagen, wie der Flughafen aussieht: Wenn Sie ein Vogel wären, dann würden Sie von oben wahrscheinlich den Buchstaben H erkennen. Links und rechts, die langgezogenen Linien, das sind die Start- und Landebahnen. Der Strich in der Mitte, das Verbindungsstück also, ist das Terminal. Es gibt viele kleinere Grünflächen, weil einiges angepflanzt wurde.

SPIEGEL: Wen hatten Sie an Bord?

Wilpert: Meine erste Offizierin, einige Manager von Easyjet, dazu kamen Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Presse.

SPIEGEL: Wie fühlt sich eine Landebahn an, wenn man zu den Ersten gehört, die darauf landen?

Wilpert: Ehrlich gesagt: Ich habe gar nichts gefühlt. Ich fühle nur die etwas in die Jahre gekommenen Landebahnen. Die sind natürlich auch noch absolut sicher, aber da wird es dann eben hier und da vielleicht mal etwas holprig beim Landen. Die Bahn des BER ist glatt und frisch und macht sich durch nichts bemerkbar.

SPIEGEL: Haben Sie beim Anflug den Autopiloten angeworfen?

Wilpert: Nein, ich lasse doch einen solchen Moment nicht den Autopiloten übernehmen! Den bekommt er nicht. Das wollte ich selbst machen.

SPIEGEL: War es schwer?

Wilpert: Ich finde, der BER ist ein Flughafen, der sehr leicht anzufliegen ist. Es gibt keine Berge, nichts, das im Weg ist, sodass wir früh mit dem Landeanflug beginnen konnten. In einem gleichmäßigen Sinkflug lässt sich, quasi auf einem verlängerten Stück der Landebahn, nach unten gehen. Das war ganz wunderbar. Wenn man jahrzehntelang immer wieder in derselben Stadt landet, kennt man irgendwann jeden Baum. Jetzt wird sich mir eine neue Perspektive der Stadt eröffnen.

SPIEGEL: Haben Ihre Passagiere beim Touchdown geklatscht?

Wilpert: Wir sind heute eine A320Neo-Maschine geflogen, die praktisch neueste Ausgabe von Airbus. Dieses Flugzeug ist sparsam im Spritverbrauch und sehr leise. Deswegen kann ich Ihnen sagen: Die Leute haben geklatscht, und ich habe es sogar gehört. Das war sehr schön.

SPIEGEL: Das Coronavirus hat Ihre Branche und damit den Tourismus lahmgelegt, in naher Zukunft werden die Menschen wahrscheinlich viel weniger reisen. Was bedeutet das für Sie?

Wilpert: Ich versuche, positiv nach vorn zu blicken. Klar, gerade sind überall auf der Welt viel weniger Pilotinnen und Piloten in der Luft. Aber mit dem Impfstoff findet sich ein neuer Weg, mit der Situation umzugehen, vielleicht schon im kommenden Jahr. Die Menschen wollen fliegen. Die Menschen wollen die Welt sehen, wollen sich verbinden. Berlin ist eine tolle Stadt, die viele Menschen kennenlernen wollen. Das war immer so, und das wird wieder so werden.

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