Im Süden Europas fliegt es sich derzeit entspannter
Im Süden Europas fliegt es sich derzeit entspannter
Foto: Tatyana Tomsickova / iStockphoto / Getty Images

Flughafenchaos Wenn der Süden auf den Norden wartet

An deutschen Flughäfen stellen sich Reisende auf lange Wartezeiten und Chaos ein. In anderen europäischen Ländern läuft es besser – ein Vergleich.

In Deutschland haben viele Flughäfen derzeit Probleme: lange Schlangen, Personalmangel, liegengebliebenes Gepäck. Eine Seelsorgerin vom Frankfurter Flughafen sagt dem SPIEGEL, dieses Jahr »toppt alles«, Reisende würden regelrechte Odysseen erleben. Ein Flugkurier nennt diesen Sommer den »Katastrophensommer« – und gibt Tipps für möglichst entspanntes Fliegen. Doch es liegt nicht nur an der Vorbereitung des Einzelnen, sondern auch am Reiseziel, wie viel Stress einen erwartet. Eine Umfrage an den großen Flughäfen Europas zeigt: Nicht überall herrscht Chaos. Der Überblick:

Spanien

An den Flughäfen Spaniens gibt es Warteschlangen und Verspätungen. Diese halten sich aber in Grenzen und sind in erster Linie auf Streiks des Bodenpersonals von Ryanair und Easyjet sowie auf das Chaos auf Zubringerflughäfen zurückzuführen – etwa in Deutschland.

Unter anderem macht sich der Personalmangel in Spanien deshalb nicht so sehr bemerkbar, weil während der Pandemie weniger Menschen auf die Straße gesetzt wurden. Das ist dem sogenannten »ERTE« zu verdanken – einem Instrument des spanischen Arbeitsrechts, mit dem Unternehmen Arbeitsverträge für eine bestimmte Zeitspanne aussetzen können. Zur Finanzierung des »ERTE« in der Coronakrise stellte die Regierung nach eigenen Angaben gut 19 Milliarden Euro zur Verfügung.

Italien

In Italien sind die Fluggastzahlen noch nicht wieder auf dem Niveau der Vor-Corona-Zeit, sagt der Chef der zivilen Luftfahrtbehörde (ENAC), Pierluigi Di Palma, der Nachrichtenagentur Ansa. In den vergangenen drei Monaten seien sie aber deutlich gestiegen. Chaos an den Flughäfen blieb aus – außer dann, wenn durch Verspätungen anderswo die Flugpläne durcheinandergerieten.

Die geringe Zahl an Problemen führt Di Palma vor allem auf Finanzspritzen des Staates zurück, der die Flughäfen in der Pandemie mit insgesamt etwa 800 Millionen Euro unterstützt hatte, unter anderem für Kurzarbeitergeld. Diese Finanzspritze, sagt der Luftfahrtchef, habe es den Airports ermöglicht, das Personal zu halten und den Betrieb am Boden zu garantieren.

Griechenland und Zypern

Die beiden Urlaubsländer haben für die wirtschaftlich so wichtige Touristensaison zeitig ausreichend Personal eingestellt, wie es bei den Flughafenbetreibern heißt. Sowohl die Sicherheitskontrollen als auch die Gepäckabfertigung liefen weitgehend normal, sagt Eleftherios Venizielos, ein Sprecher des Athener Flughafens.

Probleme entstünden hauptsächlich durch die vielen verspäteten Flieger aus Deutschland und Großbritannien und das dortige Chaos. Das führe immer wieder dazu, dass Touristinnen und Touristen aus jenen Ländern an griechischen Flughäfen warten müssten, weil ihre Flieger zur Abreise Verspätung hätten oder aber noch gar nicht gelandet seien.

Türkei

In der Türkei gibt es laut Hava-Sen, der Gewerkschaft für Beschäftigte im Luftfahrtsektor, derzeit keine Personalengpässe. Auch die Fluggesellschaft Turkish Airlines und ein Sprecher des Flughafens Istanbul berichten von weitgehend reibungslosen Abläufen.

Grund für Verspätungen sei nicht zu wenig Personal, sondern starkes Reiseaufkommen an Flughäfen wie dem in der Urlaubsregion Antalya, sagt Seckin Kocak, Chef von Hava-Sen. Außerdem habe es bereits vor Beginn der Pandemie in der Türkei ein Überangebot an Personal gegeben.

Österreich

Der Flughafen Wien verzeichnet nach eigenen Angaben keine nennenswerten Unregelmäßigkeiten im Sommerreiseverkehr. »Der Betrieb läuft weitgehend reibungslos«, sagt Airport-Sprecher Peter Kleemann. Der Flughafen habe dank der staatlichen Unterstützung während der Coronapandemie kein Personal abgebaut und sei für das aktuelle und zu erwartende Passagieraufkommen gut aufgestellt.

Anders als andere Airports betreibe der Flughafen Wien viele passagierrelevante Prozesse selbst und mit eigenem Personal, etwa die Sicherheitskontrolle und den Großteil der Bodenabfertigung. Daher könne man die Abläufe und Kapazitäten selbst steuern.

Niederlande

Ganz anders dagegen das Bild im Nachbarland Niederlande: Am Amsterdamer Flughafen Schiphol ist Chaos in diesem Sommer fast Alltag. Flugzeuge starten teils mit erheblichen Verspätungen, vorher müssen Passagiere mit stundenlangen Wartezeiten rechnen. Dutzende Flüge werden gestrichen, gerade an den Wochenenden. Manche Airlines haben ihre Urlaubsflüge nun auf regionale Flughäfen umgelegt.

Auch das Chaos bei der Gepäckabfertigung ist groß. Grund ist wie in Deutschland auch hier der Personalmangel. Zu wenig Leute gibt es außerdem bei der Sicherheit. Das liegt an den hohen Arbeitsbelastungen und Niedriglöhnen. Während der Coronazeit wechselten viele Mitarbeiter zu den Gesundheitsämtern, die deutlich besser bezahlten. Und jetzt kehren sie nicht zum Flughafen zurück – obwohl der inzwischen die Löhne deutlich erhöht hat und sogar Boni zahlt.

Großbritannien

Die größte britische Fluggesellschaft, British Airways, musste bis Ende Oktober mehr als 10.000 Kurzstreckenflüge absagen. Dies diene der Sicherheit der Kunden, zu viele Flüge würden kurzfristig storniert.

Um das Chaos zu bewältigen, hatte die britische Regierung kurz vor der Hauptreisesaison die Vorschriften für die Start- und Landerechte an den Flughäfen gelockert. Fluglinien können damit Verbindungen streichen und auf die sogenannten Slots verzichten, ohne fürchten zu müssen, die teuren Startrechte zu verlieren.

Frankreich

In Frankreich gibt es insbesondere an den Pariser Flughäfen Warteschlangen, Verspätungen und Flugausfälle. Der Flugverkehr hat wieder kräftig und stärker als erwartet angezogen. Dadurch gelingt es nicht im erforderlichen Umfang, das während der Coronakrise reduzierte Bodenpersonal wieder einzustellen. Rund 4000 Stellen sind allein an den Pariser Flughäfen Orly und Charles-de-Gaulle ausgeschrieben. Das Interesse an den Tätigkeiten im Schichtdienst und auch am Wochenende hat angesichts der spürbar anziehenden Wirtschaft in Frankreich nachgelassen.

Dazu kommen in den vergangenen Wochen immer wieder Streiks der Beschäftigten für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen, sowohl bei Airlines als zuletzt auch beim Bodenpersonal. In den vergangenen Tagen wurden deshalb am Flughafen Charles-de-Gaulle rund zehn Prozent der Starts und Landungen gestrichen.

bul/dpa
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