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Fotobücher gestalten »Die Bildauswahl ist immer ein Massaker – immer«

Sightseeing im eigenen Fotoarchiv – eine schöne Abwechslung in reisestillen Zeiten. Noch besser: die darin lagernden Schätze zu heben. Hier erklärt ein Profi, wie Sie richtig gute Fotobücher machen.
Von Eva Lehnen

Mit dem Erstellen von Fotobüchern verhält es sich ein bisschen wie mit dem Erledigen der Weihnachtspost. Gerade in diesem Jahr hatte man eigentlich beste Vorsätze. Aber dann... nun ja. Wobei man sich zumindest in der Fotobuchsache zugutehalten muss, dass es wirklich nicht leicht ist, voranzukommen. Man scrollt, schaut, freut sich über all die Erinnerungen, die auf der Festplatte schlummern – und kapituliert vor der schieren Bildermenge.

Aber vielleicht wollen Sie sich jetzt, in den stillen Tagen zwischen den Jahren, noch mal mit etwas mehr Muße hinsetzen? Überhaupt ist es ziemlich erfreulich, sich in diesen schwierigen Reisezeiten die Bilder früherer Urlaube vor Augen zu führen: Laos 2012, Berlin 2016, Steiermark 2019, Ostsee 2020.

Wir haben den Fotografen und Buchgestalter Frederic Lezmi um ein kleines Coaching gebeten. Seine Tipps lassen sich übrigens auf verschiedenste Fotobuchprojekte übertragen: auf die Erstellung eines Familienfotobuchs, eines Geburtstagsbuchs oder einer Dokumentation dieses besonderen Jahres, das nun bald geschafft ist.

Hier sind Lezmis Tipps:

Gute Gründe, endlich loszulegen

»Ich selbst habe aktuell 62.000 Fotos allein auf meinem Handy gespeichert und kann gut verstehen, wenn Sie sich von der Bilderflut im eigenen Archiv überfordert fühlen. Aber: Es lohnt sich so sehr, die eigenen Aufnahmen aus der schwarzen Kiste zu holen. Die Festplatte eines alten Computers lässt sich irgendwann nicht mehr hochfahren. Fotobücher hingegen, samt aller Erinnerungen, die darin stecken, halten Generationen lang. Auch, wenn Sie vielleicht denken: Ach, sind doch nur meine privaten Fotos. Fotobücher haben gesellschaftliche und historische Relevanz!

Grämen Sie sich nicht, weil Sie das Projekt Fotobuch schon so häufig auf später verschoben haben. Die eigenen Aufnahmen mit zeitlichem Abstand zu betrachten, ist eher hilfreich. Unmittelbar nach einer Reise erscheinen einem die Erlebnisse und Ereignisse gleich wichtig. Sind nicht alle 45 Koala-Fotos toll? Aus der Distanz heraus merkt man dann: Eigentlich genügen auch ein oder zwei niedliche Bilder.

Nehmen Sie sich Zeit! Es gibt keine Deadline, die ihnen im Nacken sitzt. Zum Reisen gehört Muße – und auch ein Fotobuch darf langsam entstehen

Survival-Strategien: Abtauchen ins Bildarchiv

»Im Idealfall gehören Sie zu den Disziplinierten, die am Ende jedes Urlaubstages Handy oder Kamera noch mal in die Hand nehmen und eisern löschen. Vermutlich aber nicht. Daher: Wappnen Sie sich für die Sichtung des Archivs mit Mut. Die Bildauswahl ist immer ein Massaker.

Schmeißen Sie zunächst alle Dubletten raus! Suchen Sie von den 120 Bildern, die Sie auf dem Markusplatz oder an Ihrem griechischen Lieblingsstrand gemacht haben, jene drei raus, die das Erlebte am besten transportieren. Löschen Sie den Rest.

Eine Aufnahme ist verwackelt, unscharf oder überblitzt? Solange das Bild Sie anspricht – behalten Sie es!

Hüten Sie sich vor Propaganda! Nehmen Sie unbedingt Fotos nerviger oder nicht so schöner Urlaubssituationen mit in die Fotoauswahl: vollgestopfte Mülleimer, überrannte Sehenswürdigkeiten, Gesichter ihrer knatschigen Kinder, Felsen voller Vogelkot. Glauben Sie mir, gerade über die authentischen Bilder werden Sie später beim Betrachten der Bücher lachen.

Auch Reise-Wehwehchen sind dankbares Material: Blasen an den Füßen? Unbedingt dokumentieren! Egal, wie viele Jahre später Sie das Fotobuch in die Hand nehmen – der Anblick Ihres Fußes bringt Sie sofort wieder auf die Wanderung von damals zurück.

Wenn Sie gern Sehenswürdigkeiten fotografieren: Vielleicht haben Sie sich mal umgedreht und die Menschenmengen fotografiert? Nehmen Sie diese Fotos mit ins Buch, auch wenn sie die Menschen darauf gar nicht kennen. Man selbst ist als Reisender Teil der Tourismusmaschine. Diese Tatsache fotografisch zu reflektieren, ist spannend.

Entwickeln Sie ein Gefühl für Ihr Material! Legen Sie am besten verschiedene Ordner an, zum Beispiel ›Unterkunft‹, ›Landschaft‹, ›Menschen‹, ›Essen‹, ›Situationen‹ oder ›Details‹. Beim Einsortieren der Bilder werden Sie fotografische Muster erkennen. Vielleicht fällt Ihnen auf, dass Sie etwa von der Rucksackreise durch Laos viele bunte Marktszenen mitgebracht haben. Daraus lässt sich kreatives Kapital schlagen, dazu komme ich gleich noch.

Vielleicht haben Sie etwa gleich viele starke Landschaftsbilder, Porträts und Detailaufnahmen. Probieren Sie eine Abfolge aus: Landschaft, Porträt, Detail, Landschaft, Porträt, Detail, usw. Wenn von 15 Sequenzen am Ende auch nur drei funktionieren – arbeiten Sie damit weiter.

Sie können sich bei der Bildauswahl auch auf Nur-Hochformate oder Nur-Querformate beschränken, und schon müssen Sie nur noch halb so viele Fotos durchsehen. Alles, was Sie vor der Kapitulation bewahrt, jede Strategie, die Ihnen beim Bezwingen der Bilderflut hilft, ist erlaubt. Wie gesagt: Die Bildauswahl ist ein Massaker.

Holen Sie sich für die Bildauswahl Hilfe von Ihren Reisegefährten. Sie waren mit Kindern unterwegs? Dann haben Sie denen hoffentlich auch häufiger mal die Kamera in die Hand gedrückt. Kinder sind oft super Fotografinnen und Fotografen. Sie haben einen ganz anderen Blick und eine andere Perspektive. Lassen Sie sie Werke beisteuern.«

Kreative Konzepte

»Vielleicht kommen Ihnen bei der Durchsicht der Marktbilder aus Laos Ihre ebenfalls in den Tiefen der Festplatte lagernden Fotos von Bauernmärkten im Languedoc oder vom Borough Market in London in den Sinn. Auch ein monothematisches Fotobuch ist eine gute Idee! Lösen Sie sich ruhig von dem Gedanken: eine Reise, ein Buch. Lassen Sie Ihre Fotos zu einem imaginären Reiseland verschmelzen. Spielen Sie mit Ihrem Material.

Auch wenn es sich etwas hochtrabend anhört: Mit jedem Fotobuch schaffen Sie ein Stück visuelle Literatur. Sie erzählen eine Geschichte. Denken Sie also in Kapiteln. Machen Sie sich klar: Die Qualität eines Fotos bemisst sich nicht allein an der Komposition und Auflösung, sondern auch an der Geschichte, die es erzählt.

Bei einem Fotobuchgeschenk für meine Mutter bin ich einmal rein alphabetisch vorgegangen. Jedem Buchstaben habe ich einen Begriff mit Bezug zu ihrem Leben zugeordnet. Unter A wie Autos habe ich beispielsweise Fotos aller ihrer Fahrzeuge von früher bis heute zusammengestellt. Das A-bis-Z-Konzept lässt sich auch auf ein Reisebuch oder andere Buchprojekte übertragen. Auch denkbar: Die Aufnahmen von einem fünftägigen Städtetrip im Buch zu einem Tag zusammenzufassen – und diesen dann chronologisch zu erzählen.

Steht die enge Auswahl, rate ich zum Ausdrucken. Nehmen Sie die Bilder in die Hand. Legen Sie die Fotos als Erzählstrang vor sich aus. Und denken Sie immer daran: Es gibt kein Richtig oder Falsch. Alles ist Ausdruck.

Wenn Sie digital arbeiten: Lassen Sie Bilder in Groß und in Klein auf sich wirken. Landschaftsbilder brauchen viel Platz. Lassen Sie Luft auf den Seiten, weniger ist mehr.

Nutzen Sie Eintritts- oder Postkarten, Landkarten oder Quittungen als gestalterische Elemente. Fürs Cover eignen sich klare, einfache Fotos. Solche, die auf den ersten Blick zeigen, worum es geht. Sie können natürlich auch etwas Abstraktes nehmen, eine Zeichnung zum Beispiel. Oder Sie beschränken sich auf einen Schriftzug. Ein Titel wie »Island 2019« geht natürlich immer, aber vielleicht werden Sie etwas kreativer. ›Ein (fast) perfekter Urlaub‹ oder ›Von Trollen und Elfen‹ machen neugierig.

Wenn Sie Bildunterschriften machen möchten: Erzählen Sie darin das Nicht-Offensichtliche.

Und ist der Gedanke nicht schön, dass Ihre Kinder oder Enkel eines Tages vielleicht nachschauen werden, wie es in der kleinen Bucht auf Mallorca Jahrzehnte nach Ihrem Urlaub aussieht? Zum Glück haben Sie im Fotobuch den Namen notiert. Auch eine gute Möglichkeit: hinten im Buch einen Index anlegen.«

Und jetzt drucken und binden

»Mit Fotobuch-Anbietern wie ›Blurb‹ oder ›Cewe und Co.‹ kommen Sie natürlich zu guten Ergebnissen. Allerdings rate ich dazu, die Automatisierungsfunktionen auszustellen. Platzieren Sie die Bilder lieber selbst und mit Bedacht auf den Seiten.

Wenn Sie Lust und Zeit haben, versuchen Sie sich doch mal an einem völlig selbst gestalteten Buch. Gute Alternativen zum leider sehr teuren Profi-Layoutprogramm ›Adobe InDesign‹ sind das Open-Source-Publishing-Programm ›Scribus‹ (alle Systeme), ›Affinity Publisher‹ ( MacOS-/Windows) oder ›Swift Publisher‹ (MacOS).

Mit dem fertigen PDF gehen Sie dann in den Copyshop – und lassen Ihre Seiten ausdrucken. Sie können die Seiten mit einer simplen Spiralbindung oder einem Gummiband zusammenhalten oder sie tackern. Ein Drehhefter, auch ›Swing Arm Hefter‹ genannt, ist eine super Anschaffung. Im Netz gibt es viele Buchbinde-Tutorials. Zum Beispiel hier  oder hier  oder hier .

Fotobücher kann wirklich jeder. Und es macht so viel Spaß, die eigenen Geschichten zu erzählen. Nicht nur, wenn es ums Reisen geht.«

Anm. d. Red.: Dieser Text ist erstmals am 30.12.2020 erschienen. Wir haben ihn leicht aktualisiert.

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