Foto: Michael Martin

Fotograf Michael Martin "Die Drohne ist mein Wunderauge"

Vor 30 Jahren fotografierte Michael Martin erstmals von oben - mit einem Propeller auf dem Rücken. Heute kann er auf Drohnen nicht mehr verzichten. Hier sind seine Tipps.
Ein Interview von Antje Blinda

SPIEGEL: Zum ersten Mal die Wüste aus der Luft haben Sie 1989 fotografiert - Drohnen gab es damals noch nicht. Was haben Sie gemacht?

Michael Martin: Das war in der Ténéré-Wüste in Niger - und ganz schwer umzusetzen, weil man in der Sahara nirgendwo Helikopter oder Flugzeuge mieten konnte und dies auch politisch wie militärisch undenkbar war. Wir haben dann einfach den ganzen Fotografen samt Kamera in die Höhe gezogen.

SPIEGEL: Wie das?

Martin: Mein Freund Achim Mende war ein passionierter Gleitschirmflieger und hatte aus den USA einen Rucksackmotor mitgebracht, mit dem er schon Flugversuche in Deutschland gemacht hatte. Wir hatten eine gemeinsame Saharareise geplant, und es war klar: Das Ding muss mit. In die Republik Niger hätte man das Fluggerät aber so nie einführen dürfen. Wir haben es also im Auto verteilt, den Tank mit Motor als Unkrautvernichtungsspritze ausgegeben, den Gleitschirm als Zelt und die Propeller als Ventilator. Das hat geklappt.

SPIEGEL: Hatten Sie nicht Angst davor, damit abzuheben?

Martin: Na klar. Der Startvorgang war am kritischsten. Im Flug haben wir die extra verlängerten Schlaufen von den Händen zu den Füßen gewechselt und so gelenkt. Gas haben wir mit einer überdimensionierten Büroklammer aus Holz im Mund gegeben: Je stärker wir draufbissen, desto schneller wurden wir. So hatten wir die Hände frei zum Fotografieren.

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Michael Martin: Um die Welt mit Drohne

Foto: Michael Martin

SPIEGEL: Ein Leben ohne Drohne - ist das für Sie heute noch vorstellbar?

Martin: Nein, ich bin völlig angefixt, die Drohne ist mein Wunderauge und die Vogelperspektive sowieso der Traum des Menschen.

SPIEGEL: Hat die Drohnenfotografie Ihre Arbeit als Fotograf bereichert?

Martin: Ja, sehr. 2009 bin ich - sehr spät - auf die Digitalfotografie umgestiegen, und das hat mich damals nach 30 Jahren Fotografenleben wieder neu motiviert. Der Schub, den mir die Drohnenfotografie bringt, ist noch viel größer. Die Drohne verschafft die geniale Möglichkeit, Perspektiven zu fotografieren, die vorher nie gesehen, nie zu denken waren. Auch von Flugzeugen aus nicht.

SPIEGEL: Ein Beispiel?

Martin: Die beste Drohnenaufnahme ist für mich die, bei der ich nicht allzu hoch fliege und schräg fotografiere - wie mit einem Riesenstativ. Nehme ich zum Beispiel eine Pferdeherde direkt von oben auf als sogenannten Plattschuss, erkennt man die Tiere nicht wirklich. Fotografiere ich sie aus der schrägen Perspektive, ist die Herde ausdifferenziert und im Hintergrund die Bergkette noch zu sehen. Das Bild bekommt Tiefe.

SPIEGEL: Noch vor Kurzem waren Drohnen ja eher klobige Fluggeräte.

Martin: Vor vier, fünf Jahren waren die Drohnen riesige Geräte, an die Spiegelreflexkameras angehängt wurden - und nicht reisefähig. Mit dem Koffer wäre man bei jedem Zoll aufgeflogen, die Airlines haben die großen Akkus nicht transportiert. Und die Steuerungen waren sehr unzuverlässig. Als ich damals mit meinem Fotografenkollegen Jörg Reuther am Bodensee seine Riesendrohne probiert habe, mussten wir immer zu zweit fliegen. Der eine hat auf den Monitor geguckt, der andere hat das Ding irgendwie in der Luft gehalten. Dann hat sie prompt die Orientierung verloren und ist in den Acker gecrasht. Kamera kaputt, Objektiv kaputt, Tausende Euro Verlust. Die große Revolution für Reisende ist, dass die Drohnen inzwischen kleine integrierte Kameras haben.

SPIEGEL: Ist auch mal auf einer Reise im Ausland eine Drohne abgestürzt?

Martin: Ja, am Bromo-Vulkan in Indonesien. Sein Krater gilt als einer der schönsten Sonnenaufgangspunkte der Welt. Um ein wirklich eindrückliches Foto zu machen, musste ich aber zwei, drei Kilometer näher an den Kraterrand, und das ging nur mit der Drohne. Dann habe ich aber einen Riesenfehler gemacht: Eigentlich rechnet die Drohne Gegenwind, Entfernung und Höhe ein und fliegt bei fast leerem Akku auf dem schnellsten Weg automatisch zurück, fotografiert dann aber nicht mehr. Ich wollte aber noch Aufnahmen machen, habe die Akkuwarnung ignoriert und die Automatik ausgeschaltet. Die Drohne musste notlanden - in 830 Meter Entfernung von mir. Meine Frau Ely hat mich gefilmt: Ich habe geheult und "Meine Drohne, meine Drohne!" gejammert.

SPIEGEL: War sie mitsamt der Fotos verschwunden?

Martin: Nein. Ich wusste ja, dass sie auf einem Kreis von 830 Metern liegen musste. Ich habe auf dem Monitor noch gesehen, dass sie sich in der Nähe eines weißen Hauses befand. Mithilfe einer App auf meinem Handy, Pocket Earth, konnte ich das Haus lokalisieren, bin mit einem Fahrer zwei Stunden lang um den Krater herum dorthin gefahren und stur zwei Stunden lang die Kreislinie abgelaufen. Dann lag sie im Acker und war total verdreckt. Aber die Drohne und auch die Speicherkarte waren noch in Ordnung. Ich hatte diesmal Freudentränen in den Augen.

SPIEGEL: Ob in Regenwäldern und Wüsten, im Eis und im Hochgebirge - überall haben Sie mit Ihren Drohnen fotografiert. Wie reagieren die Einheimischen?

Martin: Behörden finden Drohnen nicht so gut, Einheimische umso besser. Ich habe 2018 im Himalaja beim Trekking das Felsenkloster Phuktal in Ladakh besucht und den Abt um Erlaubnis für einen Flug gebeten. Als ich das Ding in der Luft hatte, sahen die Mönche ihr Kloster, in dem sie teilweise schon 40 Jahre leben, auf dem Monitor. Da sind sie scharenweise herbeigelaufen und hingen mir über der Schulter. Es war sehr berührend. Und am Turkana-See in Kenia bin ich über ein Dorf der El Molo geflogen, des kleinsten Volks Afrikas. Erst kamen ganz viele Kinder, dann die Alten. Und der Dorfälteste staunte: "My village! My village!" Das hat ihn genauso gepackt, wie es mich immer packt.

SPIEGEL: Hätten Sie zwei, drei Tipps für Reisende, die mit einer Drohne fotografieren wollen?

Martin: Ich würde vor allem auf die Qualität der eingebauten Kamera achten. Die wird nur schrittweise verbessert, um die Leute dazu zu bringen, immer neue Modelle zu kaufen. Bei den kleinen, bezahlbaren Drohnen, die so um die 1200 bis 1500 Euro kosten, die gut ins Gepäck passen und einfach zu fliegen sind, sind die Sensoren schon groß und gut genug. Das reicht, um etwa in einem Fotobuch eine Doppelseite mit 20 Millionen Pixel Auflösung drucken zu lassen. Der Unterschied zur Profi-Digitalkamera ist, dass die Farbtiefe nicht so groß ist und die Bilder nicht so stark nachbearbeitet werden können. Auch sollte man sich zwei, besser noch mehr Ersatzakkus und ein Auto-Ladegerät gönnen.

SPIEGEL: In immer mehr Ländern gibt es Regeln für Drohnenflüge. Wie gehen Sie damit um?

Martin: Schwierige Frage, schwierige Antwort. Die Drohnen werden immer besser, billiger, leichter zu fliegen und leistungsfähiger. Und im gleichen Maße haben die Länder Regeln aufgestellt, verschärft oder Drohnenflüge unmöglich gemacht. Freies Fliegen ist nur in ganz wenigen Ländern erlaubt. Komischerweise auch in Ländern, die wir nicht so einschätzen würden. Russland zum Beispiel ist kein Problem - wenn man nicht gerade seine Drohne am Roten Platz fliegen lässt.

SPIEGEL: Wo ist es besonders kritisch?

Martin: Drohnen sind zum Beispiel in Iran streng verboten. Die Iraner unterstellen sofort Spionage, wenn man eine am Flughafen im Gepäck hat - in das Land fahre ich deswegen nicht mehr. Auch in Saudi-Arabien muss man mit Gefängnis rechnen. In Indien, Kenia, Äthiopien, Oman etwa darf man zwar auch keine Drohnen einführen, die werden im Zweifel aber nur konfisziert.

SPIEGEL: Wie informieren Sie sich?

Martin: Das Auswärtige Amt  ist für mich die richtige Website, um die allgemeine Sicherheitslage abzuchecken. Und auf my-Road.de , einer unkommerziellen Seite von Idealisten, informiere ich mich über die Rechtslage. Dort sind aus 135 Ländern der Welt Drohnengesetze zusammengetragen. Mir wurde noch keine Drohne abgenommen, weder am Flughafen noch durch Polizisten.

SPIEGEL: Für Fotografen sind die Regeln ärgerlich, aber eigentlich doch oft auch sinnvoll.

Martin: Ja, in Deutschland gab es 2019 etwa 140 Zwischenfälle mit Flugzeugen und Drohnen. Da ist es verständlich, dass die Behörden genervt sind. Eine Drohne muss in verantwortungsbewusste Hände - das heißt aber nicht, dass du dich immer im legalen Bereich bewegst.

Zur Person
Foto: Jörg Reuther

Michael Martin , 1963 geboren, bereist als Fotograf und Geograf seit 40 Jahren die Erde und veröffentlicht seine Bilder und Geschichten in Vorträgen, Büchern und Filmen. Seit 2010 berichtet er in Blogs für den SPIEGEL. Seit 2017 reist und fotografiert Martin für sein aktuelles Projekt »Terra – 10 Gesichter der Erde«, das er im Herbst 2021 veröffentlichen will.

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