Hausboot an der Havel: eine Familie, ein Boot
Hausboot an der Havel: eine Familie, ein Boot
Foto: Michael Amme / laif

Boom in der Coronakrise Kanal voll

Komfortabel über Gewässer schippern – mit Familie, Freunden und viel Abstand zum Rest der Welt: Hausbooturlaub ist gefragt wie nie. Wie ergattert man noch ein Mietgefährt? Ein Überblick.
Von Rudi Stallein

Nichts wie raus aufs Wasser. Das dachten wohl viele, als sich im vorigen Frühjahr abzeichnete, dass Corona-bedingt Urlaub in der Heimat angesagt sein würde. Die Folge: Spezialveranstalter und Hausbootvermieter an Havel, Müritz und der Ostsee waren über die Flut an Anfragen überrascht – und das, obwohl sie schon in normalen Jahren zur Hauptsaison extrem gut gebucht sind.

»So etwas habe ich in über 50 Jahren Firmengeschichte noch nicht erlebt. Wir hätten unsere Boote in der Hochsaison fünfmal zum gleichen Termin vermieten können«, sagte Stefanie Knöß, Marketingleiterin beim Hausbootveranstalter Le Boat . »Im Sommer sind wir von der Nachfrage überrannt worden«, bestätigte auch Dagmar Rockel-Kuhnle vom Bootsferienanbieter Kuhnle Tours . Die Branche leidet allerdings unter Ausfällen durch die Beherbergungsverbote, die schon Anfang vergangenen Jahres das Ostergeschäft verdarben.

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Urlaub im Hausboot: Auszeit auf dem Wasser

Foto: Jens Büttner/ dpa

Für die kommende Saison erwartet die Branche einen erneuten Run auf die schwimmenden Ferienhäuser. Rockel-Kuhnle glaubt: »Trotz Impfungen wird auch 2021 Deutschlandurlaub an erster Stelle stehen.« Deshalb habe man nach den Erfahrungen im vergangenen Jahr diesen Winter die Werftmitarbeiter nicht wieder in Kurzarbeit geschickt. Stattdessen wird die bereits vor Corona von 120 auf 160 Boote erweiterte Flotte startklar gemacht.

Wer einen Hausbooturlaub machen will, solle sich jetzt Gedanken machen, empfiehlt sie. Wer zeitlich flexibel ist, hat deutlich größere Chancen, noch ein Boot zu ergattern. Ob man es dann auch beziehen darf, hängt allerdings von der Aufhebung der zurzeit geltenden Beherbergungsverbote und Reisewarnungen für Nachbarländer wie Frankreich und die Niederlande ab.

Im Sommer geht kaum noch was

Eine »außergewöhnlich gute Buchungslage für die kommende Saison« registriert auch Aquare Charter. Die Firma offeriert an den fünf Standorten Plaue/Brandenburg, Lychen, Zernsdorf, Lindow und Havelberg hundert Bungalow-Boote .

»Für die Hauptsaison haben wir keine freien Termine mehr«, sagt Aquare-Prokurist Philipp Sommer und rät, auf die Vor- und Nebensaison auszuweichen. »Da kann man auch sehr schöne und sehr ruhige Tage auf dem Wasser verbringen.« Wer dennoch partout im Sommer fahren möchte und spontan genug ist, der könne sich »für kurzfristige Verfügbarkeiten auf die Warteliste setzen lassen«, sagt Sommer.

Ein »absolutes Deutschlandjahr« erwartet man auch bei Le Boat. Laut Marketingchefin Knöß verzeichnet der Marktführer schon jetzt ein Plus von 51 Prozent. Neben den Standorten an den Mecklenburgischen Seen werde kommende Saison eine zusätzliche Basis in Fürstenberg/Brandenburg angeboten. 16 Boote liegen dort bereit, mit Option auf acht weitere. Darüber hinaus werden auch Touren in Holland, Belgien, Elsass und Burgund, die im vorigen Jahr »solange es möglich war«, ebenfalls einen Boom erlebten, weiter angeboten.

Französische Flüsse und Kanäle als Ausweichmöglichkeit zu den Seenlandschaften bietet auch Locaboat Holidays . Einige Einwegfahrten, die im vorigen Sommer wegen der Pandemie vorübergehend gestrichen worden waren, sind dieses Jahr wieder im Angebot, sagt Sprecherin Verena Ullrich. Beispielsweise die Strecken von Argens bis Négra und von Agen bis Valence-sur-Baïse.

Zudem bietet der Spezialist für führerscheinfreien Hausbooturlaub kombinierte Boots- und Citytrips zu kleineren französischen Städten. Dabei geht es zum Beispiel ab Melesse auf dem Canal d'Ille-et-Rance zur bretonischen Hauptstadt Rennes. Ab Négra schippern Kulturfans auf dem Canal du Midi nach Toulouse. In den Niederlanden hat Locaboat seine Flotte um fünf Boote erweitert.

Kuhnle Tours bietet weiterhin Touren in Elsass-Lothringen an: auf dem Saarkanal und dem Rhein-Marne-Kanal zwischen Saarbrücken und Straßburg sowie auf der Mosel zwischen Metz und Nancy. Die Kuhnle-Basis in Polen wurde hingegen geschlossen.

Gestaffelte Abfahrtszeiten und Videoeinweisungen

Ein Grund des aktuellen Booms ist, dass der Urlaub im Hausboot als sehr sichere Reiseart gilt – Menschenmengen lassen sich vermeiden und auf dem Wasser wird der Abstand automatisch eingehalten. Die Anbieter haben zudem Hygienekonzepte entwickelt, die über die übliche Abstands- und Maskenpflicht sowie das regelmäßige, gründliche Desinfizieren der Boote hinausgehen.

Das Augenmerk gilt vor allem dem Entzerren des Andrangs bei der Bootsübergabe. »Die Einweisungen erfolgten früher für zwei Crews auf einem Boot. Jetzt nutzen wir für die Theorie eine große Halle«, sagt Dagmar Rockel-Kuhnle. Außerdem finden angehende Freizeitkapitäne Videoeinweisungen für die verschiedenen Bootstypen auf der Internetseite des Unternehmens. So informiert auch Aquare über den Umgang mit den »Bunbos«, wie die Bungalow-Boote genannt werden.

Um Warteschlangen an der Anmeldung zu vermeiden, werden bei Locaboat die Kunden »etwa zwei Wochen vor der Abreise von der jeweiligen Basis kontaktiert, um eine Anreisezeit auszumachen«, erklärt Pressesprecherin Ullrich. Auch Le Boat hat an seinen Standorten gestaffelte Abfahrtszeiten eingeführt. »Und wir informieren so viel wie möglich virtuell vorab«, betont Stefanie Knöß.

Vorab über Stornobedingungen informieren

Sollte noch ein Boot für den gewünschten Zeitraum verfügbar sein, nicht sofort den »Buchen«-Button drücken – ein Blick auf die Stornobedingungen bewahrt vielleicht vor späterer Enttäuschung:

  • Kuhnle Tours zum Beispiel hat die Anzahlungen für die Dauer des Lockdowns reduziert, für Deutschland von 40 auf 30 Prozent, in Frankreich auf zehn Prozent. Sollte eine Reise wegen Corona-Beschränkungen, etwa eines Beherbergungsverbots, nicht stattfinden können, bietet das mecklenburgische Unternehmen drei Möglichkeiten: die Reise auf einen späteren Zeitpunkt verschieben, einen Reisegutschein, der drei Jahre gültig ist, oder Geld zurück.

  • Bei Le Boat regelt die Stornofrage in unsicheren Zeiten mit einer Rückerstattungsgarantie, wenn Reisen im Zusammenhang mit Covid-19 nicht durchgeführt werden können. Dazu kann bis 14 Tage vor Reisebeginn kostenlos umgebucht oder die Buchung auf eine andere Person umgeschrieben werden. »Volle Flexibilität bei Umbuchungen und finanzielle Sicherheit. Das ist, was die Kunden möchten, und nicht noch fünf Prozent mehr Rabatt«, sagt Sprecherin Knöß.

  • Im Fall von Reisewarnungen, Grenzschließungen, Lockdowns oder Quarantänemaßnahmen für ein Zielgebiet, könnten Locaboat-Kunden ihre gebuchte Hausboottour bis 48 Stunden vor Abfahrt kostenlos umbuchen – entweder auf eine andere Destination oder in die Saison 2022. Alternativ wird ein bis Ende 2022 gültiger Gutschein angeboten. »Auf Wunsch stornieren wir eine Reise auch kostenlos, wenn die genannten Gründe vorliegen, und erstatten die geleisteten Zahlungen binnen 14 Tagen«, sagt Verena Ullrich.

  • »Wenn wegen Corona-Maßnahmen wie beispielsweise einem Beherbergungsverbot eine Reise nicht stattfinden kann, bieten wir den Kunden zunächst Gutscheine an«, sagt Philip Sommer von Aquare Charter, sie könne aber auch kostenfrei storniert werden. Ähnlich kulant handhabe man andere »triftige Gründe« für eine Stornierung, etwa wenn eine Reisegruppe aus mehr als zwei Haushalten bestehe und wegen Kontaktbeschränkungen nicht gemeinsam aufs Boot dürfte. »Bei solchen erschwerten Bedingungen suchen wir im Einzelfall nach der besten Lösung.«

Genau prüfen sollten Kunden, ob die Kulanz ihres Veranstalters auch bei einem positiven Corona-Test gilt. »Eine Erkrankung ist kein Stornogrund«, argumentieren beispielsweise Kuhnle Tours und Locaboat. Für diesen Fall werde der Abschluss einer Reiserücktrittsversicherung, die auch eine Covid-19-Erkrankung abdeckt, empfohlen.

srt
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