Foto: Tobias Gerber/ laif

Haustausch für den Sommerurlaub Schwaben statt Schweden?

Ob der Sommerurlaub im Lieblingsland klappt? Unklar. Und die besten Unterkünfte zwischen Sylt und Allgäu sind längst weg. Wie wäre es da mit einem Haustausch? Christoph Koch reist schon lange so - und erklärt, wie es geht.

Unter normalen Umständen würden meine Frau und ich gerade unsere Koffer packen. Für einen Wohnungstausch mit einer schwedischen Familie. Wir hatten unverschämtes Glück gehabt: Als Tausch für unsere Berliner Wohnung hätten wir sowohl die Stadtwohnung in Stockholm als auch ein Landhaus in Westschweden bewohnen dürfen.

"Sucht euch aus, wie viel Zeit ihr wo verbringen möchtet", hatten unsere Tauschpartner gesagt. Normalerweise hätten wir also einen Traumurlaub vor uns. Normalerweise. Aber was ist derzeit schon normal? Die Coronakrise hat auch unsere Reisepläne nach Schweden zunichtegemacht.

Seit sechs Jahren tauschen wir uns mehrmals im Jahr um die Welt. Mit einem langen Wochenende in Kopenhagen ging es zaghaft los, inzwischen können wir uns ein Leben ohne Tauschreisen gar nicht mehr vorstellen: drei Monate Kalifornien, eine Woche Paris, ein Monat Barcelona, drei Wochen Mexiko.

Fotostrecke

Als Haustauscher um die Welt: Wohnen wie ein Einheimischer

Foto:

Jessica Braun & Christoph Koch

Wir finden unsere Tauschpartner über Onlineplattformen. Dann mailen und skypen wir vorab, um zu prüfen, ob man sich sympathisch ist, ob Termin und Räumlichkeiten passen. Und dann geht es auch schon los. Normalerweise.

Genügend "schöne Ecken" für alle?

Wie uns geht es dieses Jahr vielen Reisenden: Auch wenn niemand in die Zukunft schauen kann, scheint es eher unrealistisch, dass die für den Sommer geplanten Auslandsreisen stattfinden können - entweder sind die Grenzen unserer Urlaubsländer noch geschlossen oder das Auswärtige Amt rät weiterhin von Reisen dorthin ab. Werden also alle Urlaub in den viel beschworenen "schönen Ecken" Deutschlands machen?

Und wenn tatsächlich alle Hotels und Pensionen geöffnet sind: Die Ferienwohnungen und -häuser an der Ostsee oder im Bayerischen Wald dürften wohl nicht für alle Reiselustigen reichen, die sonst ihre Sommer in Spanien, Italien oder sonst wo verbracht haben. Kann also ein Haus- oder Wohnungstausch innerhalb Deutschlands eine Lösung sein für all diejenigen, die Urlaub brauchen, für die Familien, die endlich mal rausmüssen aus den eigenen vier Wänden?

Natürlich hängt es davon ab, wie sich die Situation bis zum Sommer entwickelt. Werden innerdeutsche Reisen wieder problemlos möglich sein - oder bekommt man immer noch Ärger, wenn man mit einem ortsfremden Kennzeichen länger in einer beschaulichen Straße parkt, in der jeder jeden kennt?

Vorausgesetzt, es ist erlaubt, spricht nichts gegen einen innerdeutschen Tausch. Die meisten Menschen melden sich zwar auf den Onlineplattformen an, um preiswert und authentisch das Ausland kennenzulernen. Aber wir bekamen in den vergangenen Jahren auch immer wieder Angebote, mit Bayern, Hamburgern oder Baden-Württembergern zu tauschen.

Angenommen haben wir zugegebenermaßen keines davon – in der kanadischen Wildnis außerhalb Calgarys zu wandern oder das Haus eines Professors der legendären Universität Princeton zu bewohnen, waren einfach zu verlockende Alternativen.

Dieses Jahr könnte das anders sein. Und wir haben selbst bereits festgestellt, dass es gar nicht immer in die weite Ferne gehen muss: Vor zwei Jahren tauschten wir mit einem österreichischen Ehepaar und verbrachten drei Monate in deren wundervollem Haus in einem Dorf eine Viertelstunde außerhalb von Innsbruck.

Eine herrliche Zeit mit viel Natur - das war, gerade wenn man sonst im Zentrum einer Großstadt wohnt, eine angenehme Abwechslung. Während wir mit Berlin normalerweise einen attraktiven Standort haben und viele Anfragen erhalten, sind in der momentanen Pandemie vielleicht sogar diejenigen im Vorteil, die ein ruhiges Häuschen mit Garten, viel Platz und wenig Menschen drumherum im Hunsrück oder der Uckermark anbieten können.

Die Sauberkeit der anderen

Die Hygiene ist ein Thema, das in der aktuellen Situation wichtiger wird als früher. Sauberkeit spielt zwar beim Tauschen immer eine Rolle, überstrahlte aber auch nicht alle anderen Aspekte. Vor unserem ersten Tausch entsorgten meine Frau und ich zwar stapelweise alte Zeitschriften, ungetragene Kleidung und alle möglichen anderen Dinge, die sich im Lauf der Jahre so ansammeln.

Seitdem reicht aber eine Art grundlegender Frühjahrsputz unmittelbar vor dem Tausch - sicherlich etwas mehr Aufwand, als wenn man einfach die Tür hinter sich zuzöge und in den Hotelurlaub aufbräche, aber letztlich auch kein Drama. Auch unsere Tauschdomizile waren bisher immer vorbildlich in Schuss und bis auf eine einzige Ausnahme bei inzwischen mehr als einem Dutzend Tauschen stets sauber.

Was den persönlichen Kontakt angeht, müssen sich auch die Vorsichtigsten keine Sorgen machen: Zur Schlüsselübergabe muss man sich nicht zwangsläufig persönlich treffen. Wir sind nur den wenigsten unserer Tauschpartner in Echt begegnet, meist wurden die Schlüssel deponiert. Wer hundertprozentig sichergehen will, desinfiziert Türklinken und Ähnliches nach Ankunft. Wie bei jedem Haustausch gilt: Vorher drüber sprechen hilft, späteren Frust zu vermeiden.

Wohnungstausch - so funktioniert's
  • Auf einer der vielen Tauschplattformen wie HomeExchange.com  oder HomeLink.com  anmelden. Meist wird eine Jahresgebühr fällig, die man aber schnell wieder drin hat und die außerdem zwielichtige Gestalten abhält.

  • Das eigene Domizil fotografieren. Am besten an einem sonnigen Tag und nachdem man ein wenig ausgemistet und aufgeräumt hat. Niemand erwartet Hotelzimmer-Minimalismus, aber Wäscheberge und Staubmäuse müssen auch nicht sein.

  • Im Onlineprofil ein paar Fragen zu sich selbst und der eigenen Bleibe beantworten: Spülmaschine, Balkon, WLAN vorhanden? Rauchen erlaubt? Haustiere zu versorgen? Auto im Tausch inbegriffen?

  • Auf den meisten Plattformen kann man sowohl eintragen, wo man selbst gern hin möchte, als auch andere Profile nach deren Wunschorten durchsuchen. Also einfach suchen, potenzielle Kandidaten anschreiben und bei Rückmeldung am besten ein Telefonat oder Videochat vereinbaren, um sich kennenzulernen und Details zu klären.

  • Falls man sich einig wird, die Details am besten noch einmal schriftlich fixieren. Das geht entweder per Formular auf der jeweiligen Plattform oder per E-Mail.

  • Mehr Infos, Tipps und Checklisten gibt es im e-Book "Your Home Is My Castle – als Wohnungstauscher um die Welt" (256 Seiten, 9,99 Euro, Piper Verlag)

Wer sich derzeit selbst stündlich die Hände desinfiziert, der tauscht besser nicht unbedingt mit jemandem, der die vergangenen Wochen unverdrossen weiter Gäste eingeladen hat und bis heute keinen Zusammenhang zwischen Händewaschen und "Happy Birthday"-Singen herstellen kann. So, wie sonst eben auch eine Familie mit Kleinkindern und ein kettenrauchender Ming-Vasen-Sammler wohl keine perfekte Kombination wären.

Verräterische Kaffeetassen

Wir haben jedoch über die Jahre hinweg die Erfahrung gemacht, dass Haus- und Wohnungstauscher nicht nur aufgeschlossene, sondern auch zuverlässige Menschen sind. Als wir nach unserem ersten Tausch noch etwas besorgt in unsere Wohnung zurückkehrten, waren meine Frau und ich zwar nach außen optimistisch, rechneten innerlich aber von Rauchschwaden bis "komplett ausgeräumt" mit allem.

Doch es war nicht nur alles sauber, aufgeräumt und an seinem Platz: Auf dem Esstisch lag auch ein handschriftlicher Brief und ein "Willkommen zu Hause"-Geschenk. Erst, als ich am nächsten Morgen Kaffee kochte, fand der Detektiv in mir ein weiteres Indiz für die Anwesenheit von Fremden in unseren vier Wänden: Die Kaffeetassen standen - entgegen unserer Gewohnheit - mit der Öffnung nach unten im Küchenschrank. Nach unten!

Im Ernst: Nach mehreren Jahren beläuft sich die Schadensbilanz auf einen kaputten Tupperdosendeckel (telefonisch gebeichtet und auf unsere Bitte sofort weggeworfen und keine Sekunde mit Nachkaufen verschwendet) und ein zerbrochenes Weinglas (doppelt ersetzt). Mit so vor- und umsichtigen Leuten sollte es sich auch in Krisenzeiten gut tauschen lassen.

Die erste Anfrage, die sich explizit auf die Corona-Reisesperre bezog - ein Häuschen mit Garten in Stuttgart - ist bereits eingetroffen. Schwaben ist bekanntlich nicht Schweden, aber in diesen Zeiten vielleicht auch besser als gar kein Urlaub.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.