Ab in die Berge - aber unter welchen Corona-Bedingungen?
Ab in die Berge - aber unter welchen Corona-Bedingungen?
Foto: Thomas Kujat/ Berchtesgadener Land Tourismus

Alpenvereinshütten in Corona-Zeiten Brotzeit to go statt voller Stube

Nur Einzelzimmer, kein Matratzenlager: Die Wirte der Alpenvereinshütten ringen zum Saisonstart mit den Corona-Regeln. Wie sieht es zu Pfingsten in den Bergen aus?
Von Günter Kast

Im vergangenen Sommer schienen übergriffige Bettwanzen die größte Herausforderung für Hüttenwirte zu sein. Solche Probleme hätten sie diese Saison gern. Jetzt müssen sie darüber nachdenken, wie sich die "freudvolle Bergsportausübung in Zeiten von Covid-19" - so hat das der Österreichische Alpenverein tatsächlich formuliert – bestmöglich organisieren lässt.

Der erste Test steht bereits am langen Pfingstwochenende an: Die Aussicht auf sonniges Wetter dürfte sehr viele Menschen in die heimischen Berge locken. "Staus, volle Wanderwege und großer Andrang in den Hütten sind programmiert", bestätigt Thomas Bucher, Pressesprecher des Deutschen Alpenvereins (DAV).

Für Bergfreunde ist es gar nicht so einfach, den Überblick zu behalten, wann und wo die Herbergen wieder aufsperren . Die rund 80 Hütten des DAV in den bayerischen Alpen dürfen bereits seit dem 18. Mai im Außenbereich Getränke und Essen an Tagesgäste verkaufen. Übernachtungen sollen ab dem 30. Mai wieder erlaubt sein, allerdings nur unter strengen Auflagen.

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DAV-Hütten in der Coronakrise: Keine Bussis, kein Löffelliegen

Foto: Thomas Kujat/ Berchtesgadener Land Tourismus

In Österreich, wo sich 180 zumeist höher gelegene DAV-Hütten befinden, geht es einen Tag früher los. Allerdings öffnen viele Häuser im Hochgebirge ohnehin erst Mitte Juni, weil davor noch zu viel Schnee liegt. Zudem dürfen Deutsche erst ab 15. Juni wieder ohne Grenzkontrollen in die Alpenrepublik reisen. DAV-Sprecher Bucher erwartet deshalb vor allem in der ersten Juni-Hälfte einen Ansturm auf die in Oberbayern gelegenen Unterkünfte des Vereins.

"Ein täglicher Wäschewechsel funktioniert nicht"

Wie genau das Übernachten in den Hütten funktionieren soll, arbeitet derzeit das bayerische Gesundheitsministerium aus. Vor der Pandemie war hier dichtgedrängtes Löffelliegen oftmals die Norm. "Unsere Wirte können die Vorgaben für die Gastronomen im Tal natürlich nicht eins zu eins umsetzen", erklärt Bucher. "Deshalb arbeiten wir eng mit den Behörden zusammen, um praxisgerechte Lösungen zu finden."

Für Hotels gelte zum Beispiel die Regel, dass jedes Zimmer eine Waschgelegenheit haben müsse. Auf Hütten sei das völlig unrealistisch. "Wir lassen die Sektionen da nicht allein", sagt Bucher. "Im Hintergrund passiert gerade sehr viel." Allerdings sei das ein Wettlauf gegen die Zeit. "Es ist keineswegs sicher, dass die Wirtsleute die strengen Vorgaben mit nur wenigen Tagen Vorlauf erfüllen können. Einige werden deshalb vielleicht gar nicht erst öffnen oder deutlich später."

Bruno Verst, der Wirt des Watzmannhauses in den Berchtesgadener Alpen, würde normalerweise jetzt, Ende Mai, die ersten Gäste empfangen. Dieses Jahr weiß er noch nicht, wann er die grüne DAV-Fahne hissen darf. "Es wird nicht einfach, die Hygienevorschriften umzusetzen", sagt er. "Ein täglicher Wäschewechsel funktioniert auf einem Berghaus nicht. Wir werden deshalb erstmals kontrollieren, ob alle einen eigenen Hüttenschlafsack mitbringen."

Eines weiß Verst schon jetzt: Es wird sehr viel weniger Übernachtungsplätze geben als vor der Corona-Pandemie: "Wir müssen von 200 auf 50 runtergehen, selbst dann, wenn wir Familien und Gruppen zusammenlegen."

Viel Personal, wenig Umsatz

Ohne schriftliche Reservierung, so der Wunsch des Hauptvereins, soll es diesen Bergsommer keinen Hüttenzauber geben. "Voraussichtlich können nicht alle Reservierungen, die von unseren Wirten bereits bestätigt wurden, eingehalten werden", dämpft DAV-Sprecher Bucher die Vorfreude.

Dennoch klingt das alles nach einer am Ende doch noch versöhnlichen Sommersaison, nach Andrang und Trubel. Aber ist es auch wirtschaftlich? Verst hat da Zweifel: "Wir brauchen fast so viele Saisonkräfte wie sonst, weil viele Gäste-Ansprachen nötig sein werden. Essen und Getränke müssen wir zudem am Tisch servieren."

Viel Personal, wenig Umsatz. Der Wirt hofft deshalb auf möglichst viele Tagesgäste, die nur zum Mittagessen hochkommen und danach wieder ins Tal absteigen. Allerdings dauert der Marsch zum 1930 Meter hoch gelegenen Watzmannhaus von Ramsau vier Stunden und es sind dabei fast 1300 Höhenmeter zu überwinden. Nicht alle schaffen das.

"Etwa hundert Wanderer könnten wir bei schönem Wetter auf der Terrasse verköstigen", schätzt Verst. "Mit viel Vorsicht kann das klappen. Aber wir brauchen dafür verantwortungsbewusste Gäste und verständnisvolle Kontrolleure." Zu einem Corona-Gewinner wird er sicher nicht gehören – das sind eher die Vermieter von Ferienwohnungen und Chalets unten im Tal, die schon jetzt über die Sommermonate komplett ausgebucht sind.

"Brotzeit to go"

Vor anderen Herausforderungen stehen Franziska und Seppi Schwinghammer. Die beiden bewirtschaften die Hörnlehütte oberhalb von Bad Kohlgrub in den Ammergauer Alpen. Das DAV-Haus der Sektion Starnberg liegt auf nur 1390 Meter Höhe und ist in einer guten Stunde zu erreichen - auf einem einfachen Bergweg, der auch weniger Geübte nicht überfordert. Das ist die gute Nachricht.

Die schlechte lautet: "Wir haben keine Zwei- oder Vierbett-Zimmer, lediglich 24 Matratzen in einem großen Raum mit nur einem einzigen Zugang", erzählt Franziska Schwinghammer. "Alles ist wahnsinnig eng." Der Schlafraum bleibe deshalb bis auf Weiteres geschlossen, wahrscheinlich den ganzen Sommer.

Die Wirtin ist somit auf Tagesgäste angewiesen, um wirtschaftlich zu überleben. Aber auch das ist nicht einfach. Seit dem Muttertags-Wochenende verkaufen die Schwinghammers an Gäste zwar vorbestellte Picknickkörbe zum Mitnehmen - "Brotzeit to go" sozusagen.

Die Hütte selbst ist bis dato aber geschlossen. Auch deshalb, weil sich der Umbau der WCs verzögert hat und die alten Toiletten nicht Corona-gerecht sind. Nun sollen mobile Toilettenwagen das Pfingstwochenende retten: Die Wirte könnten ihr Haus aufsperren, die Gäste könnten sich zum Picknick auf der Wiese vor der Hütte weitläufig verteilen und die Abstandsregeln problemlos einhalten.

Bitte keine Bussis!

"Jede Hütte ist eben anders", sagt DAV-Sprecher Bucher. "Die eine klammert sich an einen Felsabsatz und hat nur eine kleine Terrasse, die andere liegt auf einer großen Wiese. Darum bietet jedes Haus individuelle Lösungen, um den Corona-bedingten Abstands- und Hygienevorschriften gerecht zu werden."

Bucher hofft, dass Bergsportler an den Großkampf-Wochenenden nicht nur in die Alpen pilgern, sondern auch die deutschen Mittelgebirge für sich entdecken, zumal die Corona-Regeln dort vielerorts weniger streng sind als in Bayern.

"Wir bieten deshalb auf unserer Webseite eine Liste mit Tourenvorschlägen in den Mittelgebirgen an. Wer unbedingt in die bayerischen Alpen will und entsprechend bergerfahren ist, sollte überlaufene Modetouren möglichst vermeiden." Falls es am Gipfel doch zu Staus kommt, rät der DAV, auf Bussis, Umarmungen und den Eintrag ins Gipfelbuch zu verzichten, sofern dieses nicht ohnehin schon entfernt wurde.

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Wild campen ist nicht erlaubt

Nicht ganz so streng sind die Corona-Vorschriften übrigens bei den Eidgenossen: Hütten des Schweizer Alpen-Clubs SAC sind bereits seit dem 11. Mai wieder geöffnet, sogar für Übernachtungen. Allerdings gibt es auch dort eine Reservierungspflicht, Mindestabstände von zwei Metern zwischen Tischen und fremden Personen sind Standard. Bergsteiger müssen Desinfektionsspray, Schutzmasken, Hüttenschlafsack und eigene Handtücher mitbringen.

Wer angesichts der vielen Hüttenregeln und der raren Schlafplätze mit dem Gedanken spielt, einfach in der freien Wildbahn zu nächtigen, wird vom DAV vorsorglich darauf hingewiesen : Das sei in den bayerischen Alpen nicht gestattet. "Übernachten im Freien ist nur in einer alpinistisch bedingten Zwangslage erlaubt", stellt DAV-Sprecher Bucher klar. "Auch die Corona-bedingten Einschränkungen berechtigen nicht dazu, rund um die Hütten zu biwakieren, zu zelten oder zu campen."

Echte Sportkletterer werden über die vielen Regeln des DAV vermutlich den Kopf schütteln. Wie soll man denn auf einem schmalen Felsvorsprung, wo der Seilpartner mit Karabinern gesichert wird, einen Mindestabstand von zwei Metern einhalten? Jeder Bergsteiger weiß doch: Zwei Meter weiter lauert in einer senkrechten Wand - der Abgrund.

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